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Thiel, Meinungsmanipulation, Kriegsgewinnler und die Klimalüge: Ein kruder Themenmix zeichnet die «Expresszeitung» aus.  bild: collagewatson

 4 Dinge, die du über die neue Basler Aluhut-Zeitung wissen musst

Eine neue Zeitschrift in Basel verspricht eine unabhängige Berichterstattung zu kritischen Themen. Tatsächlich entpuppt sich das Blatt als Sammelsurium von Verschwörungstheorien aller Art. Hinter der «Expresszeitung» stehen die Verleger der grössten Gratiszeitung der Region Basel.



Die Zeitung

Seit Herbst letzten Jahres ist die Region Basel um ein Presseerzeugnis reicher. Im November feiert die «Expresszeitung» ihre Geburtsstunde als Abonnementszeitung «für das deutschsprachige Europa». Auf der Website versprechen die Herausgeber: «Wir beleuchten, basierend auf nachprüfbaren Fakten und Quellen, ein breites Themenspektrum und bieten den interessierten Lesern eine unabhängige Alternative zum medialen ‹Einheitsbrei›». 

Das liest sich dann so: «Die tägliche Dogma-Impfung», oder «Ein Rat für 2017: Den ‹Experten› misstrauen». 9/11, Chemtrails, die «geopolitische Propaganda im öffentlichen Rundfunk» und die angebliche Klimalüge sind wiederkehrende Themen der «Expresszeitung». In einer Geschichte mit dem Titel «Eine Welt ohne Krebs» wird angedeutet, dass Krebs eine Vitaminmangel-Erkrankung ist und durch natürliche Pflanzen besiegt werden könnte. 

Dazu wettert etwa der Komiker Andreas Thiel in einer Kolumne mit dem Titel «Mondstaub, Blut und Lava»:

«Die angebliche Klimakatastrophe ist Teil des grössten Ablasshandelschwindels aller Zeiten.»

Andreas Thiel expresszeitung.com

Die Beiträge der «Expresszeitung» werden grösstenteils von freien Autoren verfasst und im Zweitverwertungssystem gedruckt. Einige, darunter etwa Ernst Wolff, geniessen in wissenschaftlichen Kreisen durchaus ein gewisses Mass an Anerkennung. Die «WoZ» besprach sein Buch «Weltmacht IWF» vor einem Jahr einigermassen wohlwollend, befand aber, der Internationale Währungsfonds (IWF) hätte «nüchterner und weniger verschwörungstheoretisch» untersucht werden können. 

Andere, wie Rico Albrecht, sind dem Dunstkreis der rechtsesoterischen Szene zuzurechnen. Albrecht war einer der führenden Köpfe bei der deutschen Montagsmahnwache, die sich als Reaktion auf die Ukraine-Krise formiert hatte, und in deren Reihen immer wieder verschwörungstheoretische, antisemitische und rechtsextreme Tendenzen auszumachen waren.

Auch der umstrittene Schweizer Publizist Daniele Ganser, der gebetsmühlenartig die offizielle Version des Terrorangriffs auf das World Trade Center in Zweifel zieht, hat in der «Expresszeitung» einen Auftritt. In dem Interview mit dem Titel «Die Nato ist eine Gefahr für den Weltfrieden» bezichtigt Ganser den Westen schwerster Verbrechen gegen das Völkerrecht. 

Die Fixredaktion der «Expresszeitung» ist dünn besetzt, ein einziger Name ist im Impressum aufgeführt: Tilman Knechtel. Knechtel, der auch schon für das rechtsextreme Magazin «Compact» Beträge verfasst hat, hat sich vor allem als Autor der Buchs «Die Rothschilds: Eine Familie beherrscht die Welt» hervorgetan, das vom Verlag so beworben wird: 

«Fernab von abenteuerlichen Verschwörungstheorien identifiziert dieses Buch die Familie Rothschild als Kern einer weltweiten Verschwörung der Hochfinanz, deren Kontrollnetz sich wie Krakenarme um die ganze Erdkugel geschlungen hat ...»

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bild: screenshot/expresszeitung.com

Der Medienwissenschafter Guido Keel, der an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) doziert, hat für watson eine Ausgabe der «Expresszeitung» analysiert. Sein Fazit: «Ich sehe in den Beiträgen oft eine Verknüpfung von berechtigter Medienkritik, vagen Anschuldigungen, Spekulation, leeren Behauptungen und nicht nachvollziehbaren Schlüssen. Es ist nicht alles falsch und unglaubwürdig, was da steht – überhaupt nicht. Aber es werden Tatsachen wild mit fragwürdigen Behauptungen verknüpft. Die Heftigkeit der Vorwürfe stehen in keinem Verhältnis zu den Belegen, die dafür geliefert werden.»

Die Macher und die Motivation

Hinter der Verschwörungstheorie-Schleuder «Expresszeitung» stehen Ruben Buchwalder (36) und André Barmettler (40), laut Handelsregister beide wohnhaft in Aesch (BL). Die beiden ausgestiegenen Finanzberater sind von der Bankenkrise geprägt und haben gemeinsam auch einen Buchverlag und ein Restaurant geführt, seit sie vor rund zehn Jahren Geschäft mit Gratis-Anzeigern eingestiegen sind. 

Neben der «Expresszeitung» geben Buchwalder und Barmettler den «Basel Express» heraus, ein Anzeigenblatt für die Region. Zehn Mal pro Jahr flattert das Mutterblatt der «Expresszeitung» in die Briefkästen von knapp 200'000 Haushalten beider Basel. Der Werbeanzeiger ist laut eigenen Angaben die grösste Gratiszeitung der Region. Dafür, dass das Werbeblatt auch Briefkasten mit «Werbung Stopp»-Schilder erreicht, ist eine Tochterfirma der Post besorgt. Eine Sprecherin bestätigt: «Unsere Tochterfirma Direct Mail Company übernimmt die Verteilung des ‹Basel Express›».

Die Lancierung der «Expresszeitung» geht auf ein Erweckungserlebnis zurück, das die beiden offenbar vor zwei Jahren hatten. In einem Editorial im Dezember 2014 schrieben die beiden ehemaligen Finanzberater, die Suprime-Krise habe ihnen die Augen geöffnet:

«Als wir diesen Vorgang [Fastkollaps des Finanzsystems, Anm. der Red.] , den man ohne Übertreibung als moderne Alchemie und als grössten Betrug an der Menschheit bewerten kann, zu verstehen begannen, und gleichzeitig realisierten, dass unsere Medien konsequent nicht darüber berichteten, fiel unser bisheriges Weltbild in sich zusammen.»

Das Mutterblatt

Im «Basel Express» wirbt zum Beispiel eine Firma für «qualitativ hochstehende Schwimmbad-Anlagen». Ein paar Seiten weiter preist ein Freizeitpark in der Nordwestschweiz seine Anlage als «Paradies für Sportbegeisterte» an. Weiter hinten warnt eine Zahnarztpraxis: «Alles Rot? Mit Zahnfleischbluten fängt es an...».

Die Beiträge werden von der Redaktion des «Basel Express» verfasst. Eine Publireportage kostet 750 Franken für eine Viertelseite, für einen doppelseitigen Beitrag zahlt man 4490 Franken, Inserate kann man ab 250 Franken schalten.

«Seit fünf Jahren werden die Schweizer Stimmbürgerinnen und Stimmbürger systematisch falsch informiert und angelogen!»

basel-express.ch

Im Leitbild des Anzeigenblattes heisst es: Der heutige «Basel Express» erscheint «weitgehend als unpolitische Zeitung mit dem Fokus auf die Region.»

«Weitgehend» bedeutet beim «Basel Express»: Es werden durchaus Beiträge mit einem politischen Inhalt gedruckt. In der Februar-Ausgabe immerhin sechs von insgesamt 56 Seiten. Zum Beispiel ein Meinungsstück von Markus Erb, Rechtsanwalt mit Verbindungen zur umstrittenen Sekte VPM, dessen Verein «Bürger für Bürger» das Referendum gegen die Umsetzung der Zuwanderungsinitiative unterstützt. 

«Basel Express»

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bild: screenshot/basel-express.ch

Spekulationen und leere Behauptungen

Juristisch sind die beiden Zeitschriften zwar getrennt. Der «Basel Express» erscheint im Verlag TradeXpress GmbH, die «Expresszeitung» wird von der InfoXpress GmbH herausgegeben. Ein Blick ins Handelsregister zeigt aber, dass bei beiden Firmen die gleiche Domiziladresse angegeben ist – und dass die gleichen Personen als Inhaber fungieren: Ruben Buchwalder und André Barmettler. 

Die Verleger betonen, dass abgesehen von Anzeigen für die «Expresszeitung» im «Basel Express» keine Zusammenarbeit zwischen den beiden Titeln besteht. Tatsächlich aber ist in der Druckfahne der jüngsten Ausgabe des «Basel Express», die watson vorliegt, ein Artikel enthalten, der zuvor in der «Expresszeitung» erschienen war.

Expresszeitung

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bild: screenshot/expresszeitung.com

Wie viele Abonnenten die «Expresszeitung» zählt, will Ruben Buchwalder nicht sagen. Auch auf andere Fragen von watson wollen Buchwalder und Barmettler nicht eingehen. Wemf-beglaubigt sind die beiden Titel nicht.

Gedruckt werden sowohl «Expresszeitung» als auch «Basel Express» beim DZZ Druckzentrum, einem Unternehmen der Tamedia. Über die Auflage schweigt sich Christoph Zimmer, Mediensprecher der Tamedia, aus: «Wir machen keine Aussagen über die Auflagezahlen von Druckerzeugnissen Dritter.» Als reiner Dienstleister habe man über den Inhalt der abgedruckten Drittpublikationen keinen Einfluss.

Kunden des Mutterblatts

Die Verknüpfung von politischen Artikeln und Publireportagen auf der einen Seite und die Nähe eines Gratisanzeigers zu einem Blatt mit rechtsesoterischen und verschwörungstheoretischen Tendenzen ist für die Werbekunden problematisch, sollte man annehmen. Trotzdem hat etwa das Schweizerische Rote Kreuz Basel, immerhin Zweigstelle des grössten und ältesten Hilfswerks der Schweiz, in der Februar-Ausgabe des «Basel Express» Werbung geschaltet.

Mathias Kippe, Mediensprecher des SRK Basel-Stadt betont, dass das Schweizerische Rote Kreuz zur Neutralität verpflichtet sei. Dennoch kündigt er an, die Kooperation mit dem «Basel Express» unter die Lupe zu nehmen: «Sollte sich herausstellen, dass Inhalte verbreitet werden, die im Gegensatz zu den sieben Rotkreuzgrundsätzen stehen, werden wir die Zusammenarbeit überdenken müssen.» Unter den sieben Grundsätzen: Neutralität, Unparteilichkeit, Unabhängigkeit.

Auch Telebasel ist regelmässiger Werbepartner des «Basel Express». Der regionale Privatsender unterhält mit dem «Basel Express» ein Gegengeschäft in der Höhe eines «tieferen fünfstelligen Betrags». Genauere Zahlen will CEO Dominik Prétôt nicht offenlegen. Telebasel sei grundsätzlich zwar offen für Partnerschaften mit allen Zeitungstiteln in der Region, so Prétôt. Gleichwohl gäbe die Platzierung von politischen Inhalten und die Verbindung zu einem Blatt wie der« Expresszeitung» zu denken. Prétôt kündigt an: «Falls zukünftige Artikel in krassem Widerspruch zu unseren Werten stehen, so werden wir noch einmal über die Bücher gehen». Ohnehin habe Telebasel in den letzten beiden Ausgaben keine Werbung mehr geschaltet.

Schluss-Goodie: Kunden-Beschimpfung

In «krassem Widerspruch» zu den Werten von «Telebasel» dürfte ein Artikel stehen, der in der jüngsten, noch nicht publizierten März-Ausgabe des «Basel Express» zu finden ist. In «Manipuliertes Weltbild – wie unsere Meinungen geformt werden» schreibt ein anonymer Autor gegen die angebliche Manipulation der Gesellschaft durch die Wissenschaft, NGOs, das Netz und die Presse an – und attackiert damit auch einen Sender wie Telebasel frontal:

«Egal wie ich meinen Wissensdurst stillen will, ob aus der Presse, Wikipedia, Studien oder anderen vermeintlich vertrauenswürdigen Quellen, ich finde zu grossen Teilen gleichgeschaltete, tendenziöse oder manipulierte Informationen, heisst es da.

Und weiter:

«Geht man grundsätzlich vom Gegenteil der offiziellen Meinung aus, so ist man der Wahrheit meist näher.»

Ein Jahresabo der «Expresszeitung» kostet in der Schweiz 69 Franken, nach Deutschland und Österreich wird für 59 Euro versandkostenfrei geliefert. 

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163 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
FrancoL
03.03.2017 15:52registriert November 2015
Wer das Credo
«Geht man grundsätzlich vom Gegenteil der offiziellen Meinung aus, so ist man der Wahrheit meist näher.»
nachbetet wird kaum der Wahrheit näher kommen. Der Wahrheit kommt man näher nicht indem man das Gegenteil macht sondern in dem man sinnvoll alles hinterfragt.
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Digital Swiss
03.03.2017 20:39registriert October 2015
Das Blatt kenn ich nicht. Aber - ich glaube an Verschwörungen. Die hat es immer gegeben, die gibt es heute und wenn diese wie üblich nicht öffentlich bekannt gegeben werden - ja dann kann man nur eine Annahme dazu treffen. Die sogenannte Verschwörungstheorie.
PS: Ich hab meine IT Kollegen in den 90ern ausgelacht als diese behauptet haben, die USA habe das Echelon Programm um Mail-Überwachung ausgedehnt und könne nun alle Mails weltweit überwachen. NIEMALS dachte ich...
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Ghombrich
03.03.2017 16:17registriert May 2014
Eigentlich fehlt in der Chef-Etage des Blattes nur noch Eric Weber...
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