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Darum wurde die SAC-Wanderskala nach 20 Jahren überarbeitet

Rauszeit SAC-Wanderskala T1 bis T6. Beispielbild T3
Das ist ein typischer T3-Weg. Was diesen ausmacht, erfährst du in der überarbeiteten SAC-Wanderskala.Bild: Marco Volken
Rauszeit

Die Wanderskala wurde neu bewertet – das ist der Grund

Die SAC-Wanderskala hilft seit 2002 Schweizerinnen und Schweizern bei der Beurteilung der Schwierigkeiten im Wandergelände und dem Einschätzen von Risiken auf Wanderwegen. Jetzt wurde diese überarbeitet. Wir haben mit einem der Macher über die Gründe gesprochen.
17.07.2023, 11:16
Reto Fehr
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Jeder, der hin und wieder wandert, kennt sie: die SAC-Wanderskala. Mit T1 bis T6 werden die Schwierigkeiten von Wanderrouten beurteilt (T steht für Trekking). Bisher galt die Faustregel: T1 findet man auf Wanderwegen (gelb), T2 und T3 auf Bergwanderwegen (rot), T4 bis T6 für Alpinwanderwege (blau). Unzählige Wanderinnen und Wanderer nutzen diese Klassifizierung in der Vorbereitung auf Touren.

Der Schweizer Alpen-Club SAC hat die Wanderskala jetzt überarbeitet und neu gestaltet. Grafische Elemente und einfachere Formulierungen sollen die Lesbarkeit und Verständlichkeit verbessern. Die Wanderskala soll weiterhin auch helfen, Unfälle zu reduzieren.

Marco Volken, Hauptautor des Lehrbuchs zum Thema Wandern und Mitverantwortlicher der Wanderskala, hat uns erklärt, was angepasst wurde – und weshalb.

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Marco Volken, die Wanderskala war doch tipptopp, warum habt ihr die überarbeitet?
Marco Volken: Die Wanderskala wurde 2002 eingeführt und seither nur wenig verändert. Es war an der Zeit, diese verständlicher und lesbarer zu machen. Es soll eine bessere Abbildung der Realität im Gelände erreicht werden.

Wurde inhaltlich etwas verändert?
Nein, wir haben keine Änderungen vorgenommen, die rechtlich relevant wären. (Anm. d. Red.: siehe Infobox)

Was wurde überarbeitet?
🥾 Die Formulierungen wurden angepasst, um die Verständlichkeit und Lesbarkeit zu erhöhen.
🥾 Die Wanderweg-Kategorien (gelb, rot, blau) sind nicht mehr scharf abgegrenzt einzelnen T-Graden zugeordnet, sondern fliessen ineinander über, was die Realität im Gelände besser abbildet.
🥾 Die Kurzbeschreibungen zu den T-Graden (Wandern, Bergwandern, anspruchsvolles Bergwandern etc.) wurden entfernt, da solche zusätzlichen Begriffe auch in anderen Schwierigkeitsskalen (etwa beim Felsklettern) nicht existieren.
🥾 Die Angaben zur erforderlichen Ausrüstung wurden entfernt.
🥾Die bisherigen Beispieltouren wurden durch neue, zeitgemässe Beispiele ersetzt.

Auf den ersten Blick sehe ich, dass ihr die Abgrenzung von Wanderweg, Bergwanderweg und Alpinwanderweg nicht mehr fix an die T-Grade gekoppelt habt, sondern die Übergänge fliessend sind. Das fand ich vorher klarer.
Das ist näher an der Realität. Und eine BFU-Studie zeigte kürzlich, dass viele Schweizerinnen und Schweizer die Bedeutungen der Farben (gelb, rot, blau) erstaunlicherweise nicht kennen. Die Wanderskala (T1 bis T6) hat einen leicht anderen Ansatz und eignet sich für jede Art von Routen inklusive schwierigem, weglosem Gelände.

Was für Ausflugstipps willst du?
Wöchentlich präsentieren wir bei «Rauszeit» Ausflugstipps in der Schweiz. Das Spektrum ist fast endlos. Gerne möchte ich auch wissen, was für ein Thema dich interessieren würde. Darum: Schreib mir auf Instagram oder auf reto.fehr@watson.ch, was du an dieser Stelle gerne einmal lesen möchtest.

Was hat es eigentlich mit diesen Farben der Wegweiser auf sich?
Das sind die farblichen Markierungen der Schweizer Wanderwege. Sie sind ein guter Einstieg. Die T-Skala wird dann detaillierter.

Sicht auf Wanderwegweiser, am Sonntag, 3. Juli 2022, auf dem Maennlichen oberhalb von Grindelwald. (KEYSTONE/Peter Schneider)
Nach Wengen, Lauterbrunnen und Alpiglen kommt man von hier aus nur über einen Bergwanderweg (weiss-rot-weiss).Bild: keystone

Was wird denn bei der Beurteilung überhaupt beachtet?
Die vier Kriterien sind Geländeschwierigkeit (technisch), Ausgesetztheit (psychisch), Orientierungsschwierigkeit und Absturzgefahr.

Was ist mit der Ausrüstung?
Die haben wir bewusst rausgenommen. Eine T4-Passage kann ein grobes Blockfeld sein, aber auch eine glatte Felsplatte. Da sind manchmal leichte Schuhe ausreichend, manchmal braucht man mehr Halt. Wir wollen auch keine Ausrüstungstipp-Skala, da sind die Wanderinnen und Wanderer zu individuell. Grundsätzlich gilt: Je höher die Schwierigkeit, je schlechter die Wegqualität und je rauer und instabiler das Gelände, desto eher empfehlen sich stabile Bergschuhe mit hohem Schaft und torsionsfester Sohle.

SAC-Wanderskala: So sehen die Wege bei T1 bis T6 aus

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SAC-Wanderskala: So sehen die Wege bei T1 bis T6 aus
SAC-Wanderskala: Beispielbild T1.
quelle: marco volken
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Was wird neben der Ausrüstung auch nicht (mehr) thematisiert?
Nicht relevant sind: die Länge der Route, die Abgeschiedenheit, die Höhenlage, die Häufigkeit der Begehung, die Ernsthaftigkeit (Länge der schwierigen Passagen etc.) und übrige Gefahren wie Wettersturz, Steinschlag, Lawinen und so weiter.

Warum sind die nicht drin?
Es geht um eine Schwierigkeitsskala, nicht um eine Gefahrenskala. Wichtig auch: Was landläufig unter Wandern und Bergwandern gemeint ist, spielt sich alles im Bereich T1 bis T3 ab. Routen ab T4, und erst recht jene um T5 und T6, erfordern in aller Regel Fähigkeiten, die ins Alpinistische reichen. Das gilt auch fürs Pendant bei der Wanderweg-Markierung, also für die weiss-blau-weiss signalisierten Alpinwanderwege.

Marco Volken Rauszeit SAC Buchautor Wanderskala
Bild: Marco Volken
Marco Volken
Marco Volken (1965) ist freischaffender Fotograf, Journalist und Autor zahlreicher Bücher zum Alpenraum. Für den SAC hat er mehrere Alpinwanderführer mitverfasst, die SAC-Wanderskala angeregt und mitentwickelt und am digitalen Tourenportal mitgearbeitet.

Wurden mit der Anpassung der Wanderskala auch konkret Wanderwege neu beurteilt?
Nein, die Kriterien und Farbmarkierungen der offiziellen Wanderwege hängen nicht mit der Wanderskala zusammen. Sie bleiben unverändert – und haben sich ja auch bewährt. Grundsätzlich sind für die offiziellen Wege die Kantone, die Fachstellen der Wanderwege und das Bundesamt für Strassen zuständig.

Mir fällt immer wieder auf, dass ehemals weiss-rot-weisse Wanderwege weiss-blau-weiss übermalt wurden. Oder auch umgekehrt. Wie kommt das?
Das kann man nicht pauschal sagen. Vielleicht hat sich die Wegführung geändert. Grundsätzlich ist es auch so, dass weiss-rot-weisse Wege häufiger kontrolliert werden. Bei weiss-blau-weissen setzt man mehr auf Eigenverantwortung, vielleicht entsprach die Farbwahl früher nicht den Gegebenheiten und wurde dann korrigiert.

Es gibt das Gerücht, dass weiterführende Wege rund um Touristenhotspots eher schwieriger beurteilt werden, weil man damit auch unerfahrene Berggänger schützen will. Ist da was dran?
Nein. Es gibt keine «Rabatte» oder «Zuschläge» bei der Beurteilung von Wanderwegen. Die Kategorien gelten unabhängig vom Standort. Sonst würde die Glaubwürdigkeit leiden. Aber vielleicht stellt man an solchen Orten eher mal noch ein zusätzliches Warnschild auf, für all jene, die unser Farbsystem nicht kennen.

Wenn man von Sargans auf den Gonzen wandert, ist der Weg da als T4 klassifiziert. Wirklich schwierig ist aber nur eine kurze Stelle mit zwei senkrechten Leitern. Warum wird dann der ganze Weg höher eingestuft?
Wege werden immer von Abzweigung zu Abzweigung bewertet. Die höchste Schwierigkeit ist dafür entscheidend. Aber ja, für genau solche Szenarien lohnt es sich, sich beispielsweise mit Tourenberichten vorzubereiten. Auch wenn der Weg T4 ist. Wenn die Schwierigkeit nur ein kurzes Stück betrifft, traut man sich das vielleicht eher zu, als wenn man weiss: Der ganze Wegabschnitt erfordert jetzt höchste Konzentration.

Erhoffen Sie sich weniger Unfälle durch die neue Wanderskala?
Das wäre natürlich schön. Die Überarbeitung hatte das nicht als Hauptziel. Aber vielleicht geschieht dies als Nebeneffekt. Wenn die Wanderskala bekannter wird. Dann wäre schon einiges getan.

Reto Fehr
Man muss die Schweiz verdammt gut kennen, wenn man sie besser kennen will als Reto Fehr. Mit seiner Tour dur d'Schwiiz radelte er 2015 alle damals 2324 Gemeinden ab. Entstanden ist daraus das preisgekrönte Buch Tour dur d'Schwiiz. Als einer von wenigen besuchte er somit schon jede Gemeinde der Schweiz. In der Folge absolvierte Reto die Ausbildung zum Wanderleiter des Schweizer Bergführerverbandes SBV und ist in seiner Freizeit meist in der Natur unterwegs, wozu er dich auf seinem Instagram-Account immer mal wieder mitnimmt. Als Mitglied des Rätsel-Kollektivs geoblog.ch lässt er die User zudem mehrmals wöchentlich die Schweiz in Bildern entdecken.
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34 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Christian Mueller (1)
17.07.2023 11:48registriert Januar 2016
danke allen menschen, die dieses grossartige wanderwegnetz unterhalten, verbessern oder in anderer form aufrechterhalten!
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Bruchpilot
17.07.2023 13:38registriert Juli 2020
Eine einfache T2 ist für fast jedermann machbar, eine schwierige T3 sollte aber keinesfalls unterschätzt werden. Beide sind aber rot markiert. Ich habe schon einige male erlebt dass Leute, die "rotweis schon dutzende Male gemacht" haben, auf einer T3 plötzlich an ihre Grenzen stossen.
Deshalb würde ich mir wünschen, dass man zumindest in den Kartenwerken (map.admin.ch und Wanderland) die information über den T-Grad ersichtlich macht (z.B. einfache/doppelte Linie. Die Farben und somit Wegweiser und -markierungen kann man so belassen, sonst ist der Aufwand gigantisch...
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Campino
17.07.2023 16:25registriert Februar 2015
Ich arbeite auf 2700 m in einem Berghotel.
Der Weg ist breit und sehr gut markiert. (Rot/Weiss)
Jedoch gibt es im August schon mal 50cm Schnee und dann sind die Markierungen nich mehr zu sehen (whiteout)!
Der gesunde Menschenverstand fehlt bei vielen Wanderer.
Selbst die Ausrüstung ist manchmal schon sehr fragwürdig.
Turnschuhe, Wanderschuhe (denen sich die Sohlen ablösen), keine richtigen Kleider...u.s.w.
Vielleicht sollte man auch mal dort ansetzten für die Sicherheit.
Was wir jedes Jahr an Notfällen (Rega/Bergrettung) haben ist bedenklich.
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