Schweiz
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
FILE - In this April 17, 2015 file photo, employees works at BlaBlaCar in Paris, France. French startup Blablacar, which hooks up travelers who want to share a car for long-distance trips, says Thursday Sept.17, 2015 it has raised $200 million in investment as it seeks to ramp up global expansion. (AP Photo/Jacques Brinon, File)

Blablacar gehört zu einer französischen Firma und bietet einen Dienst an, der mit dem eingestellten Uber-Angebot vergleichbar ist. Bild: AP/AP

Schlepper schicken Flüchtlinge per App durch die Schweiz

Neues Phänomen an der Landesgrenze: Asylbewerber reisen mit der Mitfahrzentrale Blablacar ein.

Andreas Maurer / schweiz am wochenende



Ein Artikel von

Ein tunesischer Lastwagenfahrer hat einen lukrativen Nebenverdienst entdeckt. Für seine Tour von Italien durch die Schweiz nach Deutschland vermietet er die freien Sitze seiner Führerkabine. Das macht man heute nicht mehr über Bekanntschaften an Autobahnraststätten, sondern mit ein paar Klicks auf der Online-Plattform Blablacar. Fahrer können dort Plätze für Mitfahrer anbieten und einen Preis dafür festlegen.

Die Fahrt des Tunesiers beginnt gut: Er findet zwei Mitfahrer, Nigerianer im Alter von 25 und 27 Jahren, die für die Strecke wie vereinbart im Voraus 100 Euro (115 Franken) über die Blablacar-App überweisen. Doch auf der Fahrt durch die Schweiz kommen dem Tunesier Zweifel auf. Er kann nicht genau sagen, was ihm an den beiden Männern komisch vorkommt. Aber irgendetwas stimmt nicht.

Als er zum zweiten Mal eine Schweizer Landesgrenze überquert, googelt er den nächsten Polizeiposten. Es handelt sich um die Dienststelle der deutschen Bundespolizei in Freiburg. Er parkiert den Lastwagen davor und bittet seine Fahrgäste, kurz zu warten. Drinnen informiert er die Bundespolizisten über seine verdächtigen Mitfahrer.

Bild

Eine Fahrt durch die Schweiz wird auf Blablacar für 54 Euro angeboten.

Die Kontrolle ergibt: Ihre Reisepässe gehören anderen Personen. Der Ältere ist als Asylsuchender in der Schweiz registriert, der Jüngere hat Anträge in Italien und Österreich gestellt. Die Bundespolizei schickt das Duo in das Aufnahmezentrum für Asylbewerber und erstellt Strafanzeige, weil sie Ausweise missbraucht und das Aufenthaltsgesetz verletzt hätten. Der Fall hat sich Anfang Monat ereignet.

Diese Woche hat die deutsche Bundespolizei einen weiteren Blablacar aus dem Verkehr gezogen. Am Autobahngrenzübergang Basel-Weil stoppen Zöllner einen Wagen, in dem ein 24-jähriger Gambier eine Fahrt vom Tessin nach Mannheim gebucht hat. Auch für ihn ist die Schweiz Transitland, er will nach Deutschland.

Schlepper im digitalen Zeitalter

Thomas Gerbert, Sprecher der deutschen Bundespolizei, sagt: «Es ist für uns ein neues Phänomen, dass Flüchtlinge über Mitfahrzentralen wie Blablacar illegal die Grenze überqueren.»

Lulzana Musliu, Sprecherin der Schweizer Bundespolizei, sagt: «Der Modus Operandi ist uns bekannt: Schlepper organisieren Transporte über Mitfahrzentralen, damit sie selber nicht mitfahren müssen.» Wenn der Schlepper über die Plattform Kontakt zum Fahrer aufnehme, gebe er oft vor, eine Fahrt für einen Cousin oder einen Freund zu organisieren. Der Flüchtling bezahle doppelt: für den Schlepper und für den Fahrer.

1000

Die Mitfahrzentrale Blablacar registriert in der Schweiz bis zu tausend Fahrten pro Tag. Die durchschnittliche Strecke einer Fahrt, die in der Schweiz beginnt, beträgt 312 Kilometer.

Die amerikanische Firma Uber hat mit ihrem vergleichbaren Dienst Uber Pop einen Wirbel ausgelöst und stellte diesen deshalb in der Schweiz nach kurzer Zeit schon ein. Nur noch Chauffeure, die eine Prüfung für den gewerbsmässigen Personentransport absolviert und einen Fahrtenschreiber installiert haben, dürfen für Uber in der Schweiz fahren.

Blablacar gehört zu einer französischen Firma und bietet einen Dienst an, der mit dem eingestellten Uber-Angebot vergleichbar ist. Doch den Franzosen ist es gelungen, auf der deutschsprachigen Plattform 5,5 Millionen Mitglieder zu finden, ohne hierzulande für Schlagzeilen zu sorgen. Die Medienstelle gibt an, dass Blablacar täglich an bis zu tausend Treffpunkten in der Schweiz abfahren. Allein in Zürich seien es rund sechzig pro Tag. Die durchschnittliche Streckenlänge für eine Fahrt, die in der Schweiz beginnt, betrage 312 Kilometer. Während Uber auf kurze Fahrten in Städten spezialisiert ist, setzt Blablacar auf Langstrecken.

Blablacar hat auf das Problem der illegalen Flüchtlingstransporte reagiert. Mitarbeiter würden die Interaktionen auf der Plattform überwachen und Nutzerkonten bei Missbrauch sperren. Sprecherin Jasmin Schlegel sagt: «Als die Welle der illegalen Einwanderung in Europa am höchsten war, gab es einen Anstieg von Konten, die wir schliessen mussten.»

Wer eine grenzüberschreitende Fahrt anbietet, erhält auf der App einen Warnhinweis: «Da Sie verantwortlich sind für Ihre Mitfahrer, empfehlen wir, vor der Fahrt sicherzustellen, dass diese im Besitz ausreichender Ausweispapiere sind. Falls Sie Zweifel haben, zögern Sie nicht, ihnen abzusagen.» Die Schweizer Grenzwache rät: Wer unsicher sei, könne am Grenzübergang stoppen und sich bei den Beamten erkundigen, ob die Dokumente der Passagiere ausreichten. Offenheit wird belohnt. Der Lastwagenfahrer, der einen Zwischenhalt vor dem Polizeiposten eingelegt hat, geht straffrei aus.

Erster Blablacar-Prozess

Im Untersuchungsgefängnis endet hingegen die Blablacar-Fahrt eines 29-jährigen Ägypters. Er wurde bei einer Verkehrskontrolle in Basel festgenommen; mit einem Senegalesen und einem Kameruner ohne gültige Papiere im Auto. Für die Fahrt von Mailand über Basel nach Saarbrücken verlangte er 54 Euro. Die Flüchtlinge haben sich die Reise nicht selber organisiert. Ein Schlepper, der sich Riccardo nennt, buchte die Fahrt über einen Fake-Account auf der Blablacar-Plattform. Er hatte demselben Fahrer bereits zwei Afrikaner für dieselbe Strecke vermittelt.

Dieser Blablacar-Fahrer ist einer der ersten, der nun vor einem Schweizer Gericht steht. Im April beurteilt das Basler Strafgericht, ob er sich der mehrfachen Förderung der illegalen Ein- und Ausreise schuldig gemacht hat. Auch gegen die Flüchtlinge laufen Strafverfahren. Der Einzige, der profitiert, aber derzeit nichts zu befürchten hat, ist der nicht näher bekannte Schlepper Riccardo.

Hunderte Flüchtlinge strandeten im Sommer 2016 am Bahnhof von Como

Das könnte dich auch interessieren:

Wie ich nach 3 Stunden Möbelhaus von Wolke 7 plumpste

Link zum Artikel

Die Fallzahlen steigen wieder leicht an – so sieht's in deinem Kanton aus

Link zum Artikel

Der Mann, der es wagt, Trump zu widersprechen

Link zum Artikel

Magic Johnson vs. Larry Bird – ein College-Final als Beginn einer grossen Sportrivalität

Link zum Artikel

4 Gründe, weshalb die Corona-Zahlen des BAG wenig mit der Realität zu tun haben

Link zum Artikel

Wie ansteckend sind Kinder wirklich? Was die Wissenschaft bis jetzt dazu weiss

Link zum Artikel

Das iPad kriegt Radar? Darum ist der Lidar-Sensor eine kleine Revolution

Link zum Artikel

Lasst meinen Sex in Ruhe, ihr Ehe- und Kartoffel-Fanatiker!

Link zum Artikel

So lief Tag 1 nach Bekanntgabe der «ausserordentliche Lage» für die Schweiz

Link zum Artikel

Corona International: EU beschliesst Einreisestopp ++ Italien mit 345 neuen Todesopfern

Link zum Artikel

Die Schweiz befindet sich im Notstand – die 18 wichtigsten Antworten zur neuen Lage

Link zum Artikel

Biden warnt vor weiteren 250'000 Toten in den USA

Link zum Artikel

Ein Virus beendet Jonas Hillers Karriere: «Es gäbe noch viel schlimmere Szenarien»

Link zum Artikel
Alle Artikel anzeigen
DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Darum warnen Informatiker eindringlich vor Office 365 an Schulen

Das populäre Microsoft-Softwarepakt bringt laut deutschen Pädagogen einen Rückschritt in allen Bereichen, ob beim Datenschutz, der Demokratieerziehung oder der digitalen Souveränität.

In einem aktuellen Positionspapier beschweren sich deutsche Informatiklehrer über die mögliche Umstellung bei Schulen auf Microsoft 365 in Baden-Württemberg.

Die Gesellschaft für Informatik fürchtet, dass das an die Schweiz angrenzende Bundesland mit dem Office-Paket seine digitale Souveränität im Bildungssystem verliere. Laut den Fachleuten steht noch viel mehr auf dem Spiel, es wäre «ein Rückschritt in allen Bereichen»:

Ihnen liege sehr daran, dass die hervorragende Infrastruktur in …

Artikel lesen
Link zum Artikel