Schweiz
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Oskar Freysinger, lyrisch und poetisch begabter SVP-Politiker. Bild: screenshot/srf

«Du bist Populist!» – «Nein, du!» – Wenn zwei sich streiten, dann ist Populismus-«Arena»

Trump, Brexit, AfD, Front National: Populistische Parteien und Politiker haben 2016 geprägt. Aber: Was bedeutet Populismus überhaupt? Wieso ist er nur rechts erfolgreich? Und darf man die SVP populistisch nennen? – Die SRF-«Arena» ist mit derart vielen Fragen angetreten, dass zwangsläufig eines auf der Strecke bleiben musste: die Ordnung.



Nein, vorweihnachtliche Stimmung kam im SRF-Studio am Leutschenbach nicht auf. Der einzige, der Festlaune verbreitete, war der österreichische Import Johannes Hübner, und auch das nur, weil er eine rote Krawatte auf weissem Hemd trug. Das war vielleicht mehr Polit- als Mode-Statement: Hübner ist Vertreter der rechtspopulistischen FPÖ, der Partei, die lieber heute als morgen aus Brüssel ausziehen und Wien wieder in den stacheldrahtbewehrten Schoss der nationalen Souveränität zurückführen möchte. 

Neben der knalligen Krawattenfarbe und dem Kleinbürgertum-Cord-Sakko aus den 60ern war das Einzige, was man vom Österreicher in Erinnerung behielt, wie er gegen die Political Correctness schwadronierte und im Westen furchterregende Ansätze einer «Iranisierung» und eines sich ausbreitenden «Wächterstaats» ausmachte. 

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Um Hübner herum spielte die Musik. Trotz massiger Gestalt war der Österreicher mehr Freysingerscher Trabant als eigenständiger Planet. Es ist aber auch schwierig, gegen, mit und neben einem Oskar Freysinger in Hochform. Der Walliser SVP-Staatsrat und «Pissoir-Poet» fuchtelt dann mit den Armen, dass es eine Wonne ist, blickt mit weitaufgerissenen Augen in die Kamera, zwinkert dem Zuschauer mal verschwörerisch zu, lächelt verschmitzt zum Sekundanten-Hübner, um im nächsten Satz den Weltuntergang herbeizutoben, oder zumindest die «Verarschung des Volkes» zu beklagen (Stichwort: Umsetzung der Masseneinwanderungs-Initiative).

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Vom braven Lämmlein zum polternden Choleriker in wenigen Minuten: Das dramaturgische Talent eines Oskar Freysingers geht Philipp Müller, FDP-Ständerat, Ex-Parteipräsident und Architekt der MEI-Umsetzung in der kleinen Kammer, völlig ab. Sonst hätte er Freysingers Breitseite aus der Vergangenheit (Stichwort: 18-Prozent-Initiative, mit der Müller 2000 den Ausländeranteil auf 18 Prozent festlegen wollte) vielleicht mindestens äusserlich mit ein wenig mehr Klasse weggesteckt. Seine Replik tönte ein bisschen zu sehr nach Abi-Abschlussrede in der Mehrzweckhalle der Kantonsschule Schönebühl-Krachengrund. («Nutzen Sie, was gut ist in der Vergangenheit, und kombinieren Sie das für die Zukunft».) Nun gut.

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So hatte der Ex-FDP-Chef schon ganz zu Beginn wieder das Etikett «18-Prozent-Müller» auf der Stirn kleben, und als Zuschauer war man auch noch nicht wirklich schlauer, wer nun eigentlich der Populist ist unter den Anwesenden; Moderator Jonas Projer und Politgeograf Michael Hermann vielleicht ausgenommen. Die Definition des Begriffs lieferte SRF freundlicherweise gleich selbst mit einem Einspieler:

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Die Gäste hatten eigentlich ihre Rollen verteilt bekommen: Hübner war als Vorzeige-Auslands-Populist eingeladen, obwohl er diese Bezeichnung natürlich weit von sich wies (mit ausladender Geste, Brust weit von sich gedrückt, Arme ausgestreckt). Oskar Freysinger verkörperte die einheimische Ausgabe, und war nach einem Rencontre sogar bereit, ein kleines bisschen Stolz einzugestehen («Wenn das so ist, dann bin ich gerne Populist»).

Müller schlüpfte für einen Abend halt eben wieder in die Gestalt des 18-Prozent-Müllers und dann war da noch Flavia Kleiner, Operation-Libero-Chefin und Jeanne d'Arc im erfolgreichen Kampf gegen die DSI im Frühling dieses Jahres. Auch sie wurde als Populistin bezeichnet, von wem, wusste man da aber nicht mehr, weil man zu diesem Zeitpunkt längst den Überblick verloren hatte.   

Kleiner, als parteiungebundene Vertreterin einer liberalen und weltoffenen Schweiz, hatte keinen leichten Stand gegen Freysinger. Das lag nicht zuletzt daran, dass Freysinger keine Gelegenheit ausliess, Kleiners Ausführungen zu unterbrechen. Projers Taktik des Schulterreibens, die bei Blocher vor einem Monat noch Wirkung gezeigt hatte, verpuffte beim Walliser wirkungslos.

Irgendwann gab Kleiner entnervt auf, stützte sich mit dem Ellbogen aufs Rednerpult und klinkte sich für eine Weile aus.

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Dass Philipp Müller, der eigentlich mit Kleiner zusammen die Front gegen die Rechtspopulisten bilden sollte, immer wieder mal der Versuchung von Altherren-Scherzen erlag und so ungewollt mit Freysinger und Hübner paktierte, machte die Sache nicht besser. Immerhin sorgte Müller von Zeit zu Zeit für wohltuende inhaltliche Beiträge, etwa, wenn er den Angriffen von Freysinger auf die SVP-Nemesis EU die Spitzen nahm:

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Trotzdem: Man merkte es Kleiner an: Für sie geht es um mehr als um die Umsetzung einer Volksinitiative oder die Momentaufnahme eines zu Ende gehenden Jahres. Für Kleiner geht es um nichts mehr als um die Zukunft des demokratischen Rechtsstaats. Und diese Zukunft hat auch schon einmal rosiger ausgesehen.

Ihren stärksten Moment hatte die Libero-Chefin denn auch ganz zu Beginn der Sendung, als sie Freysinger und seiner Partei ohne viel Federlesens vorwarf, die Schweiz kaputt zu machen. Für einen Moment lang war der kantige Walliser baff. 

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Und Michael Hermann, der Politgeograf? Wirkte es nur so oder war das Expertenpult in dieser «Arena»-Ausgabe nochmals ein paar Meter weiter weg von den Gästen gerückt? Hermann hatte die undankbare Rolle des Mahners in der Wüste. Gut stand sie ihm nicht, auch wenn er mitunter fundierte Beiträge ablieferte (über die Gefahr der SVPisierung der Schweizer Polit-Parteien etwa), so seine Hand denn einmal den Weg zum unseligen Experten-Alarmknopf fand. 

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