Schweiz
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Esen Isik, rechts, freut sich mit Filmproduzentin Brigitte Hofer, links, ueber den Preis fuer

Esen Işık (rechts) freut sich über den Quartz für den besten Film.
Bild: KEYSTONE

Von animiert bis alkoholisiert: Der Schweizer Filmpreis feiert die grosse Entgrenzung



Der peinlichste Moment des Abends ist, als die Moderatorin von der Zürcher Stadtpräsidentin Corine Mauch einen Zweifränkler verlangt. Um ihn in eine menschliche Jukebox zu schmeissen. Menschliche Jukeboxes sollten dringend unterbunden werden. Besonders an einer Veranstaltung, die gleichzeitig auf drei Schweizer TV-Sendern live ausgestrahlt wird.

Aber es ist nichts zu machen gegen die Band Klischée, die zwei Edith-Piaf-Nummern gemixt hat und dazu auf Französisch einen grässlichen Text über das Schweizer Filmschaffen legt, aus dem heraus immer wieder die Worte «Erfolg» und «aufregend» zu vernehmen sind. Jaja, die Kraft des positiven Denkens. Die Band hat «extra die Arbeit an ihrem zweiten Album unterbrochen, um diesen Song für uns zu schreiben», sagt die Moderatorin, deren zitronenfaltergelbes Kleid von der Seite sehr schön ausschaut. Die Band hätte ihre Arbeit wirklich nicht unterbrechen müssen.  

Und der schönste Moment? Schwierig. Nein! Der schönste Moment, das sei hier ganz parteiisch festgehalten, war, als Micha Lewinsky den Preis für das beste Drehbuch («Nichts passiert») entgegen nehmen darf. Genau so sollten alle Schweizer Filmdialoge geschrieben werden. So präzis und ohne immer das Offensichtliche breit zu walzen. Also nicht so:

Stahlberger: «Schwizer Film»

abspielen

YouTube/stahlbergervideos

Fünfzehn Menschen erhalten also Preise am Freitagabend im Zürcher Schiffbau. Drei davon sind Frauen. Immerhin stehen hinter dem besten Spielfilm und dem besten Dokumentarfilm zwei Produzentinnen (es sind die gleichen) und der Siegerfilm «Köpek» wurde von einer Frau gedreht. Da muss man ja schon dankbar sein.

Das sind die Gewinner:

Gewinner – und Verlierer

«Köpek»-Regisseurin Esen Işık ist in Istanbul aufgewachsen und lebt seit 1990 in der Schweiz. «Köpek» zeigt einen Tag in Istanbul, zeigt arme Kinder, eine transsexuelle Prostituierte, eine drangsalierte Ehefrau. Die Darstellerin der Ehefrau, Beren Tuna, kam in Deutschland zur Welt, verbrachte ihre Kindheit in der Türkei und lebt heute in Zürich. «Ich habe für mich ein Land zum Leben ausgewählt», sagt sie, «und offenbar spielen in diesem Land die Fragen ‹Ist das ein Schweizer Film? Ist das eine Schweizer Schauspielerin?› keine Rollen. Zu so einem Land sag ich von Herzen ja.» Hier ist die Schweiz schwer in Ordnung.

Beren Tuna freut sich ueber ihren Preis als Beste Darstellerin im Film

Beren Tuna sagt nicht nur zur Schweiz, sondern auch zum Quartz ja.
Bild: KEYSTONE

Am lautesten freuen sich im Schiffbau immer die Romands. Und der Dokfilmer Nicolas Steiner kann vor Überwältigung nicht mehr an sich halten und wechselt von Hochdeutsch auf Walliserdeutsch. Die ganze Veranstaltung ist eh dreisprachig. Mindestens. Und die Frage steht im Raum, ob das Tessiner Model Aomi Muyock bei der Verkündigung des besten Animationsfilm bloss besonders animiert oder nicht auch recht alkoholisiert ist.

Die Nominierten in Eintrittszahlen

Der Schweizer Film ist – gemessen an seinen Eintrittszahlen – fast immer eine milde Frustration. In diesem Jahrgang waren «Heidi» und «Schellen-Ursli» die grossen Ausnahmen, beide waren nicht in der Kategorie «Bester Spielfilm» nominiert. Sie brauchen ja aber auch keine Förderhilfe und Zusatzwerbung mehr. Sie haben schon Schub genug. Aber schauen wir uns die Nominierten in den Kategorien «Bester Spielfilm» und «Bester Dokumentarfilm» genauer an:

Spielfilm:
«Heimatland»: 13'897 Zuschauer, abgespielt.
«La Vanité»: 8942 Zuschauer, abgespielt.
«Amateur Teens»: 5708 Zuschauer, abgespielt.
«Nichts Passiert»: 4425 Zuschauer, läuft seit Mitte Februar.
«Köpek»: 3554 Zuschauer, abgespielt.

Dokumentarfilm:
«Als die Sonne vom Himmel viel»:
 6567 Zuschauer, läuft seit Anfang Januar.
«Above and Below»: 2824 Zuschauer, läuft seit 3 Wochen.
«Dirty Gold War»: 1736 Zuschauer, abgespielt.
«Grozny Blues»: Noch nicht gestartet.

Im Vergleich:

«Heidi»: 489'988 Zuschauer, läuft seit Dezember 2015.
«Schellen-Ursli»: 426'841 Zuschauer​, läuft seit Mitte Oktober 2015.
Beide Filme haben damit gut halb so viele Zuschauer wie der letzte Bond-Film «Spectre».​

Quelle: procinema, stand 18. märz 2016

Bundesrat Alain Berset übergibt den Ehrenpreis an Renato Berta, den 71-jährigen Kameramann aus Bellinzona, der mit Godard, Chabrol, Resnais, Rivette oder Rohmer gedreht hat. Berset (oder sein Redenschreiber) fabuliert lange über die Allgegenwärtigkeit von Kameras in unserem Leben und auf jedem Handy. Und darüber, dass zu seinem, Bersets, Leidwesen Handys im Bundesratszimmer in Bern verboten sind. Dabei ist er sich doch sicher, dass seine Amateurfilme eine «besondere ästhetische Qualität» hätten. Und so weiter.

Doch dann kriegt er (oder sein Redenschreiber) die Kurve zum Kern endlich und Berta seinen Ehrenquartz und alle sind erlöst und dürfen auf einander anstossen. Und sonst so? Sonst ist nichts passiert.

Alle ausgezeichneten Filme gibt es am Sa, 19., und So, 20. März gratis im Zürcher Filmpodium zu sehen.

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13Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • jjjj 19.03.2016 13:03
    Highlight Highlight Ich habe mich noch gefragt, warum während 3 Tagen der ganze Turbinenplatz beim Schiffbau mit SRF Lastwagen versperrt war! hat sich ja gelohnt. Jetzt weiss ich immerhin, wohin die Billag Gebühren gehen...
    • Der Beukelark 20.03.2016 08:39
      Highlight Highlight Ist aber auch wirklich eine Frechheit! Das schweizer Fernsehen macht Fernsehen über den Schweizer Filmpreis. Eine Veranstaltung bei der heimisches Filmschaffen geehrt wird. Gehts denen noch gut? Wir Nörgler möchten lieber wachsenden Efeu in Slow Motion sehen!
    • jjjj 21.03.2016 07:46
      Highlight Highlight naja, wenn die Gewinnerfilme kumuliert nicht mal 50'000 Eintritte verzeichnen muss man das schon gross feiern. ;)
  • chwe 19.03.2016 12:01
    Highlight Highlight Ziemlich schlechter Beitrag zu einer schlechten Sendung. Ganz abgesehen davon wie unprofessionell die Moderation, Übersetzung und Sendungsgestaltung war fand ich Klischée nicht so schlecht wie hier geschrieben.
  • kliby 19.03.2016 11:30
    Highlight Highlight die tägliche watson-was-haben-wir-frauen-heute-geschafft bilanz. simone, ich wünsche dir innig, dass du dich einen tag, zum beispiel mal einen sonnigen wie heute, nicht als opfer deines geschlechts und der bösen männer fühlst.
  • Baba 19.03.2016 07:19
    Highlight Highlight Da habe ich gestern Abend ja mal richtig was verpasst! 😄
    • jjjj 19.03.2016 13:04
      Highlight Highlight Not! 😂
  • Karl Müller 19.03.2016 06:36
    Highlight Highlight Mehr so eine Art öffentliche Fördergeldvergabe für Problemfilme.
  • Ignorans 19.03.2016 02:30
    Highlight Highlight Wow, es gibt Leute, die sich das freiwillig antun...
  • Aufblasbare Antonio Banderas Liebespuppe 18.03.2016 23:12
    Highlight Highlight warum ist bei beste kamera nicht bruno der kameramann?
    • HannahMontana 18.03.2016 23:15
      Highlight Highlight ich glaub er ist noch zu jung :/
    • Simone M. 18.03.2016 23:19
      Highlight Highlight Ihr seid mir 2 grandiose Scherzkekse! <3
    • Jürg Müller - Der Katzenmann 19.03.2016 01:49
      Highlight Highlight Liebe Simone, recht haben sie aber schon, gäll?

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