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Wieso das lukrative Geschäft mit Zusatzversicherungen bald zu Grunde gehen könnte

Der Branche fehlen Ideen, welche Produkte sie in Zukunft überhaupt noch verkaufen können. Falls die Versicherer keine neuen Modelle entwickeln, funktionieren die Spitalzusatzversicherungen noch so lange, bis der Kunde merkt, dass er kaum mehr davon profitieren kann.

Anna Wanner / Nordwestschweiz



Noch schwimmt die Branche im Geld: Die Zusatzversicherungen setzten 2016 über eine halbe Milliarde Franken mehr um als noch 2008. Die angebotenen Produkte sind für die Versicherer also deutlich lukrativer als für deren Kunden. Zu diesem Schluss kommt Versicherungsökonom Pius Gyger in einer Studie für den Vergleichsdienst Comparis. Trotzdem geht unter den Versicherern die Angst um, dass ihnen das einträgliche Geschäft entgleiten könnte. Gyger spricht sogar von einer absehbaren «Implosion» des Marktes. Als Aussenstehender reibt man sich verwundert die Augen: Wie genau soll ein 5.4-Milliarden-Markt einfach kollabieren?

Zunächst täuscht der Eindruck, dass die Branche regen Zulauf hat. Die Zahl der Zusatzversicherten stagniert seit Jahren, nur die Prämien steigen. Gleichzeitig ist das bisher lukrative Geschäftsmodell auf mehreren Ebenen unter Beschuss. Und schliesslich fehlen den Krankenversicherern die Ideen: Welche Produkte wollen sie den Kunden in Zukunft verkaufen?

Bis die Kunden es merken

Doch von vorne. Der Markt der Zusatzversicherungen ist relativ rigide. Die Konkurrenz spielt kaum, da über 50-jährige Kunden keine neue Zusatzversicherung abschliessen können. Zwar können dadurch die Anbieter die Prämien beliebig in die Höhe treiben – die Kunden zahlen, da sie nicht wechseln können. Doch die Versicherer schliessen keine neuen Verträge ab. Erschwerend kommt hinzu, dass angesichts der stagnierenden Zahlen angenommen werden muss, dass die Kunden älter werden und bald mehr Leistungen einfordern als Prämien zahlen.

Zweitens sind private und halbprivate Versicherungen für den Spitalbereich Auslaufmodelle, da zunehmend Operationen ambulant durchgeführt werden. Wer einen Leistenbruch operieren muss oder einen Herzschrittmacher erhält, kann das Spital am selben Tag wieder verlassen. Der Patient kann so von seiner Zusatzversicherung nicht profitieren, da Leistungen wie Hotellerie oder Einbettzimmer wegfallen. Ausserdem deckt die Grundversicherung fast alles ab, sodass sich eine Zusatzversicherung kaum mehr lohnt.

Exemplarisch dafür ist der Ausbau vieler Spitäler: Sie verfügen kaum noch über Mehrbettzimmer. Darüber ärgert sich etwa Ruedi Bodenmann, CEO des Versicherers Assura. «Wenn wir allen die Luxusvariante schon über die Grundversicherung anbieten, können wir über die Zusatzversicherung kein besseres Produkt mehr verkaufen.» Schneuwly pflichtet ihm bei: «Es geht nicht darum, den Leistungskatalog der Grundversicherung abzubauen», sagt er. «Aber es ist falsch, allen Schnick-schnack solidarisch über die Grundversicherung zu finanzieren.»

Une personne est photographiee dans une chambre de l'Hotel des Patients au coeur de la cite hospitaliere du Centre Hospitalier Universitaire Vaudois, CHUV, ce mardi 11 octobre 2016 a Lausanne. (KEYSTONE/Laurent Gillieron)

Im luxuriösen «Hotel des Patients», das dem Unispital Lausanne angegliedert ist, können auch Allgemeinversicherte ohne Aufpreis logieren. Bild: KEYSTONE

Zugespitzt heisst das: Falls die Versicherer keine neuen Modelle entwickeln, funktionieren die Spitalzusatzversicherungen noch so lange, bis der Kunde merkt, dass er kaum mehr davon profitieren kann.

Finma rüttelt Branche auf

Aufgeschreckt hat schliesslich auch die Finanzmarktaufsicht (Finma), welche per Gesetz verpflichtet ist, den Zusatzversicherern genau auf die Finger zu schauen. Sie hat unlängst von ihnen verlangt, dass sie von den Spitälern mehr Transparenz einfordern müssen. Auslöser sind unter anderem Leistungen, die doppelt bezahlt werden: Einmal über die Grundversicherung und einmal über die Zusatzversicherung. Die Spitäler verteidigen dies mit der Begründung, dass die Zusatzversicherung die freie Arztwahl ermöglicht und abgelten muss. Die Finma verlangt von den Zusatzversicherern, nur Abrechnungen zu akzeptieren, die Mehrleistungen beinhalten. Schneuwly spricht von einer Quersubventionierung von der Grund- in die Zusatzversicherung, welche von der Finma nun unterbunden werden soll. Ist damit die Spitalzusatzversicherung definitiv am Ende?

Unabhängig davon empfehlen Gyger und Schneuwly den Versicherern, neue, innovative Produkte zu entwickeln. Denn das Potenzial ist riesig, wie aktuelle Gesundheitsdaten zeigen: 81 Milliarden Franken gaben die Schweizer 2016 für ihre Gesundheit aus, wobei «nur» 29 Milliarden über die Prämien in die Grundversicherung flossen. Stolze 24 Milliarden Franken bezahlen die Bürger aus dem eigenen Sack, 5.5 Milliarden davon in Zusatzversicherungen. Für Gyger ist klar: «Die Bedürfnisse der Bevölkerung gehen weit über die Leistungen der Grundversicherung hinaus.» Es fehlen nur die Ideen für Produkte, um diesen Markt aufzurollen. (aargauerzeitung.ch)

Was kostet eigentlich eine Operation?

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