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Vinzenz Wyss ist Professor für Journalistik an der ZHAW.
Vinzenz Wyss ist Professor für Journalistik an der ZHAW.bild: zvg
Interview

«No-Billag-Propaganda» – Forscher schäumt wegen Bericht über «linke» SRG-Journalisten

Medienprofessor Vinzenz Wyss erhebt happige Vorwürfe gegen die Redaktion der «SonntagsZeitung»: Diese habe seine Studie benutzt, um politisch Stimmung zu machen. Die Verantwortlichen dementieren. 
13.11.2017, 20:4814.11.2017, 10:42

Die Meldung verbreitete sich in Windeseile: Die SRG-Journalisten hätten einen Linksdrall, vermeldeten gestern die Newsportale im ganzen Land – auch watson. Anlass war ein entsprechender Artikel der SonntagsZeitung, der sich auf eine Untersuchung der ZHAW stützte. Nun meldet sich Studienautor Vinzenz Wyss zu Wort und erhebt schwere Vorwürfe gegen die verantwortlichen Redaktoren.

Herr Wyss, «fast drei Viertel aller SRG-Journalisten» seien links, schrieb die «SonntagsZeitung» unter Berufung auf Ihre Studie. Sie fühlen sich missverstanden – warum?
Vinzenz Wyss:
Nun, wo soll ich anfangen? Der verantwortliche Redaktor hat mich angefragt und Interesse an unseren Daten bekundet – die wir im Übrigen bereits im Juni vor einem Jahr veröffentlicht haben. Ich habe lange mit dem Journalisten darüber gesprochen, wie die Ergebnisse zu interpretieren sind. Als ich gestern dann die Schlagzeile sah, bin ich aus allen Wolken gefallen.

Stimmt es denn nicht, dass nahezu drei von vier SRG-Journalisten links ticken?
Nein. Wir haben die Teilnehmer unserer Studie gebeten, sich auf einer Skala von 0 bis 10 zu verorten – wobei 0 ganz links ist und 10 ganz rechts. Nun hat der betreffende Journalist einzig den Wert 5 als «Mitte» definiert, und alle links davon in denselben Topf geworfen. Ein grober handwerklicher Fehler. Der Mittelwert liegt bei allen Journalisten bei 4.02 ...

«Wer nicht auf der Linie der CVP ist, gilt bei der ‹SonntagsZeitung› als linker Journalist. Oder eben als rechter.»

… womit der Durchschnitts-SRG-Journi ungefähr auf GLP-Linie läge.
Es ist nicht zielführend, hier eine parteipolitische Logik zu bemühen. Aber wenn Sie so wollen: Wer nicht auf der Linie der CVP ist, gilt bei der «SonntagsZeitung» als linker Journalist. Oder eben als rechter. Und selbst wenn man von dieser fragwürdigen Definition ausgeht, hat der Autor noch masslos übertrieben: Es sind 68 Prozent, die einen Wert unter 5 angegeben haben, nicht «fast drei Viertel». Und das ist nicht einmal das grösste Problem.

Sondern?
Dass die Schlagzeile suggeriert, die politische Einstellung der SRG-Journalisten weiche von der Norm ab. Dabei zeigt unsere Studie ja gerade, dass es statistisch keinen signifikanten Unterschied zwischen den SRG-Journalisten und jenen der privaten Medienhäuser gibt.

«Die Mär der exklusiv linken SRG-Journalisten ist eben gerade nicht haltbar.»

Darauf weist der Journalist in seinem Text hin.
Ja, ziemlich weit hinten. Dabei wäre das die Kernaussage! Die Mär der exklusiv linken SRG-Journalisten ist eben gerade nicht haltbar. Wer die Studie anders interpretiert, handelt nicht aus einer journalistischen Logik, sondern aus einer politischen. Das interpretiere ich als No-Billag-Propaganda.

Ein happiger Vorwurf.
Tatsache ist: Im Vorfeld dieser Abstimmung muss es als politischer Akt verstanden werden, wider besseren Wissens solche Halbwahrheiten zu verbreiten. Es ist sehr unschön, wenn sich Journalisten primär als politische Akteure verstehen. Der Verdacht liegt nah, dass hier ein Vorgesetzter die Fakten einem Narrativ angepasst hat, bis sie zu seinen politischen Zielen passten.

Warum ein Vorgesetzter? Haben Sie irgendwelche Anhaltspunkte, die das belegen?
Belege habe ich nicht, es ist aber klar, dass ein solcher Front-Artikel nicht das Werk eines Einzelnen ist. Ich spürte ja, wie es dem Journalisten im Laufe unserer Gespräche immer weniger wohl war. Ich habe ihn per Twitter gefragt, wer um Himmels willen ihn gezwungen habe, diesen Titel zu dulden. Leider erhielt ich keine Antwort.

Das sagen die Verantwortlichen der «SonntagsZeitung»
Dominik Balmer, der Autor des fraglichen Artikels, schreibt auf Anfrage von watson: «Die Angaben im Artikel geben die Auswertung von Vinzenz Wyss und Filip Dingerkus korrekt wieder. Zudem weise ich darauf hin, dass auch die befragten Journalisten privater Medien mehrheitlich links sind, und zitiere einen der Autoren mit der Aussage, dass der Unterschied zwischen beiden Gruppen nicht signifikant ist. Der einzige bisher vorgebrachte Kritikpunkt, den ich verstehe, betrifft den Titel: Es wäre richtig gewesen, von zwei Dritteln und nicht von drei Vierteln zu sprechen. Die Aufregung über meinen Artikel – zu dem ich die Idee hatte und den ich inklusive Titel selbst verfasste – sagt allerdings mehr über die aufgeladene Stimmung vor der No-Billag-Abstimmung als über meinen Text aus. Die Zahlen stammen zwar, wie im Text geschrieben, aus einer älteren Studie. Die Forscher haben die Zahlen aber für uns erstmals in dieser Form ausgewertet. Die Öffentlichkeit kennt diese Zahlen deshalb erst seit diesem Sonntag. Die Aufteilung zwischen links, rechts und Mitte richtet sich nach dem Fragebogen, den die Journalisten ausgefüllt haben.» Chefredaktor Arthur Rutishauser liess eine Anfrage zum Thema bisher unbeantwortet.

Wenn ich Sie richtig verstehe, gehen Sie also davon aus, dass die privaten Verleger aktiv auf die Zerschlagung der SRG hinwirken.
Ich glaube nicht, dass Tamedia-Verleger Pietro Supino direkt Einfluss nimmt. Aber dass er mit der SRG auf Kriegsfuss steht, ist bekannt. Da ist es mindestens denkbar, dass die Angestellten eine Schere im Kopf haben, wenn sie über das Thema «No Billag» schreiben.

«Und die Leser sind ja nicht dumm, die merken das. Mit solchen Berichten sägen Journalisten am Vertrauens-Ast, auf dem der Journalismus sitzt.»

Der Artikel scheint Ihr Vertrauen in die Branche ja geradezu erschüttert zu haben. Auf Twitter kommentierten Sie: «Wenn Journalismusforscher beginnen, für Trump Verständnis zu haben». Lehnen Sie sich damit nicht gar weit aus dem Fenster?
Das war natürlich als Provokation zu verstehen. Es ist verheerend, wenn der US-Präsident ständig «Fake News» ruft und versucht, Medien wie die NYT zu diskreditieren. Doch wenn man plötzlich selber solchen Schlagzeilen ausgesetzt ist, denkt man schon: «Gopfertelli – da werden die Leute getäuscht.» Und die Leser sind ja nicht dumm, die merken das. Mit solchen Berichten sägen Journalisten am Vertrauens-Ast, auf dem der Journalismus sitzt.

Moment. Für den Leser ist es doch ein Mehrwert, zu erfahren, dass sich der durchschnittliche Schweizer Journalist eher im linken Lager zu Hause fühlt.
Das ist ein völlig unspektakulärer Befund, zumal sich das in der ganzen westlichen Welt so verhält. Wie ich im Artikel der «SonntagsZeitung» bereits ausgeführt habe, dürfte dies damit zusammenhängen, dass gesellschaftspolitisch interessierte Journalisten die bestehenden Machtverhältnisse infrage stellen und Irritationen thematisieren. Das entspricht nunmal eher einer linken Denkweise. Wer das Bestehende bewahren will, fühlt sich von diesem Jobprofil möglicherweise weniger angesprochen.

Können Sie es nachvollziehen, wenn sich ein bürgerlicher Wähler angesichts dieser Daten schlecht vertreten fühlt von der SRG oder den Schweizer Medien generell?
Auf den ersten Blick vielleicht schon. Aber dann ist es wichtig, zu erklären, dass es einen Unterschied gibt zwischen der Rolle des Bürgers und jener des professionellen Journalisten. Es gibt handwerkliche Regeln, publizistische Leitlinien. Es ist klar, dass jede Fragestellung aus einer kritischen Distanz betrachtet werden muss.

«Schauen Sie doch nur einmal, wie gross die Medienpräsenz der SVP ist! Wollten die Schweizer Journalisten eine linke Agenda vorantreiben, bekäme die Partei wohl kaum eine solche Plattform.»

Glauben Sie, dass dies in den meisten Fällen gelingt?
Schauen Sie doch nur einmal, wie gross die Medienpräsenz der SVP ist! Wollten die Schweizer Journalisten eine linke Agenda vorantreiben, bekäme die Partei wohl kaum eine solche Plattform. Natürlich gibt es Fälle, in denen handwerklich nicht sauber gearbeitet wird. Dann haben die Leser die Möglichkeit, sich beim Ombudsmann oder beim Presserat zu beschweren.

Werden Sie dies im aktuellen Fall tun?
Nein. Ich erwarte, dass der Chefredaktor nun von sich aus aktiv wird und Fehler einräumt. Schliesslich hat der Fall auch auf Social Media hohe Wellen geschlagen.

«Ein Arzt spricht sich auch nicht einmal für Impfungen aus und am nächsten Tag dagegen, damit er die Ausgewogenheit wahren kann.»

Auf Social Media versehen Sie Ihre Posts regelmässig mit dem Hashtag #NEINzuNoBillag. Sind Sie damit als Medienforscher überhaupt noch glaubwürdig?
Ein Arzt spricht sich auch nicht einmal für Impfungen aus und am nächsten Tag dagegen, damit er die Ausgewogenheit wahren kann. Ich verstehe es als meine Aufgabe als Wissenschaftler, davor zu warnen, wenn das Schweizer Mediensystem akut gefährdet ist, wie dies mit «No Billag» der Fall ist.

Wie würden Sie die Berichterstattung der privaten Medien zu «No Billag» generell beurteilen?
Die meisten berichten relativ ausgewogen. Grundsätzlich wünschte ich mir noch etwas mehr Transparenz: Dass die NZZ deklariert, dass ihr regionale TV-Sender gehören, denen bei einer Annahme der Initiative ebenfalls die Gebührengelder wegbrechen würden. Oder dass die Tamedia darauf hinweist, dass sie in der Westschweiz quasi ein Monopol hätte, wenn es die SRG nicht mehr gäbe. Ich selber weise an dieser Stelle daraufhin, dass ich der SRG-Trägerschaft angehöre.

Die Studie
Im Rahmen einer internationalen Journalismus-Studie haben Vinzenz Wyss und sein Team zwischen Oktober 2014 und Juni 2015 schweizweit 909 Journalisten befragt. Davon arbeiteten 163 bei der SRG. Der Schweizerische Nationalfonds unterstützte die Studie mit 160’000 Franken. 

Am Montagnachmittag krebst Wyss auf Twitter zurück – zumindest ein bisschen:

1 Franken pro Tag: Doris Leuthard krempelt Empfangsgebühr um

Video: undefined/SDA
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