Schweiz
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In vielen Parteien sei es beliebt, gegen Alleinstehende zu schiessen, sagt Sylvia Locher. bild: Mike Kotsch/ Unsplash

Interview

Chefin der Schweizer Single-Lobby: «Allein zu sein, gilt immer noch als Fehler im System»

Die Organisation Pro Single Schweiz kämpft gegen die Diskriminierung von Menschen ohne festen Partner. Präsidentin Sylvia Locher über unangebrachte Fragen von alten Klassenkollegen und den schweren Stand von Singles in der Politik.



Frau Locher, sind Sie gern Single?
Sylvia Locher:
Immer diese Frage! Ich kann es nicht mehr hören. Aber wenn es Sie interessiert: Ja, ich bin sehr zufrieden mit meinem Leben.

Pardon, also nochmals von vorn: Sie sind Präsidentin der Organisation Pro Single Schweiz. Warum brauchen Menschen ohne feste Bindung hierzulande eine Lobby?
Wir setzen uns dafür ein, dass Alleinstehende in Politik und Gesellschaft gleich behandelt werden wie alle anderen Erwachsenen auch. In der Politik lautet das Motto: Familien, Familien, und nochmals Familien. Dann kommen Eheleute, vielleicht noch Konkubinatspaare. Aber wie sich beispielsweise eine neue Steuer auf Singles auswirkt, wird nie thematisiert.

«In vielen Parteien ist es beliebt, gegen Alleinstehende zu schiessen.»

Es gibt also viele Familienparteien, aber keine Singlepartei?
In vielen Parteien ist es beliebt, gegen Alleinstehende zu schiessen. Zum Beispiel dieses Wochenende: Da bezeichnete SP-Fraktionschef Roger Nordmann in der «Sonntagszeitung» die Idee einer 25-Stunden-Woche als «katastrophal», weil davon nur wieder «gut verdienende Alleinstehende ohne Kinder» profitieren würden. Gegen solche Anwürfe wehren wir uns. Auch von den selbsternannten Familienparteien CVP und SVP können wir leider wenig Verständnis erwarten. Noch am ehesten stelle ich bei den Freisinnigen eine gewisse Sensibilität für die Situation Alleinlebender fest.

Pro Single schaltete sich auch in die Debatte zur Rentenreform ein. Sie warben für ein Nein, weil mit der Vorlage die Maximalrente für Ehepaare erhöht worden wäre. Glauben Sie, dass die Stimmen der Singles an der Urne ins Gewicht gefallen sind?
Sie trugen sicher ihren Teil zur Ablehnung der Reform bei. Ich habe sehr viele Rückmeldungen von Singles erhalten, die es nicht in Ordnung fanden, dass die Verheirateten mit der Vorlage noch mehr Privilegien erhalten hätten. Aber natürlich gibt es Singles mit unterschiedlichen politischen Präferenzen.

«Ehepaare fragt nie jemand, ob sie glücklich sind mit ihrer Entscheidung.»

Nicht nur in der Politik, auch in der Gesellschaft würden Singles heute diskriminiert, sagen Sie. Wo zum Beispiel?
Das beginnt schon bei der Frage nach dem «Warum», die Sie mir am Anfang gestellt haben. An einer Klassenzusammenkunft fragte mich ein alter Schulkollege einst: «Warum hast du nie geheiratet?» Ich fragte zurück: «Und warum hast du geheiratet?» Er erwiderte verdutzt, das sei doch normal. Ehepaare fragt nie jemand, ob sie glücklich sind mit ihrer Entscheidung. Und das, obwohl die Scheidungsstatistik eine klare Sprache spricht. Singles gelten immer noch als Fehler im System.

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Sylvia Locher ist die Präsidentin von Pro Single Schweiz. bild: zvg

Dabei ist Individualismus heute doch hoch im Kurs! Ungebunden zu sein, entspricht dem Zeitgeist.
Natürlich hat sich einiges verändert. Gerade die Frauen haben sich emanzipiert. Sie haben bessere Berufe und Löhne als früher, sind selbstbewusster geworden. Sie müssen nicht mehr heiraten, damit sie versorgt sind. Aber von jungen Frauen höre ich immer noch, dass sie ständig gefragt werden, ob sie den Richtigen schon gefunden haben und wann sie endlich eine Familie gründen. Dieser gesellschaftliche Druck bleibt gross.

Wissen Sie, was ein Mingle ist?
Nein, davon habe ich jetzt noch nie gehört (lacht).

Das ist die Bezeichnung für eine Person, die sich in einem beziehungsähnlichen Zustand befindet, aber darauf besteht, als Single zu gelten. Alleinsein scheint heute so sexy zu sein, dass es manche Menschen gar nicht aufgeben wollen!
Wenn das jemandem so passt, ist das wunderbar. Wobei ich selber da wieder eher konservativ bin: Wenn man einen Partner hat – warum soll man nicht zu ihm stehen? Pragmatisch betrachtet sind diese Leute in derselben Situation wie gewöhnliche Singles auch: Sie müssen die Wohnung, die Billag und den Internetanschluss allein bezahlen. Wer mit dem Partner zusammen wohnt, kann all diese Kosten teilen. Zudem dürften Mingles ebenfalls häufig mit dem Vorwurf des Egoismus konfrontiert sein.

«Man gibt uns zu verstehen: ‹Du liegst uns auf der Tasche.›»

Mit dem Vorwurf des Egoismus?
Ja, das trifft mich persönlich fast am meisten. Man wirft Singles – insbesondere kinderlosen – vor, zu wenig für die Gesellschaft zu tun. Man gibt uns zu verstehen: «Du liegst uns auf der Tasche, da du keinen Nachwuchs hast, der in die AHV einzahlt.» Dabei zahlen wir den Kindern von anderen Leuten die Ausbildung. Und wenn ein Alleinstehender stirbt, geht ein grosser Batzen direkt an den Staat – je nach Kanton bis zu 50 Prozent des Vermögens. Das wird in der öffentlichen Debatte einfach ausgeblendet. Ganz abgesehen davon zahlen ja auch Zuwanderer in die AHV ein. Und es sind oft auch die Ausländer und nicht die eigenen Kinder, die die Betagten im Altersheim pflegen.

Was passiert eigentlich, wenn sich jemand von Pro Single Schweiz verliebt? Ist er oder sie die Mitgliedschaft dann los?
Nein, sicher nicht (lacht). Wir haben auch Mitglieder, die längst nicht mehr allein leben, uns aber weiter unterstützen, weil sie gegen die Diskriminierung Alleinstehender sind. Zudem kann man nie wissen, ob man plötzlich wieder Single ist. Verheiratetsein ist bekanntlich oft kein Dauerzustand. Und spätestens wenn der Partner stirbt, ist man wieder mit den alten Problemen konfrontiert.

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