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Führung durch einen Bunker der geheimen Widerstandsorganisation P-26. 
Führung durch einen Bunker der geheimen Widerstandsorganisation P-26. 
Bild: keystone
Interview

«Für die Kalten Krieger der P-26 waren wir Linke die 5. Kolonne einer ausländischen Macht»

Der Bundesrat veröffentlichte am Mittwoch überraschend eine anonymisierte Version des Cornu-Berichts, der die Geschichte der P-26 beleuchtete. Der Grüne-Politiker Jo Lang kämpfte jahrelang für eine Aufarbeitung der geheimen Widerstandsorganisation.
26.04.2018, 19:1727.04.2018, 07:25

Herr Lang, Sie haben jahrelang für eine Aufarbeitung der Geschichte der Geheimorganisation P-26 gekämpft. Jetzt veröffentlichte der Bundesrat die 127-seitige Medienversion des Cornu-Berichts. Was halten Sie davon?
Jo Lang: Dass der Bericht veröffentlicht worden ist, ist grundsätzlich ein Erfolg. Wie so oft im Leben, ist das Glas entweder halb voll oder halb leer. Jetzt ist das Glas halb voll.

Bild: KEYSTONE
Zur Person
Jo Lang (1954) ist Historiker, Autor und alt Nationalrat Grüne (2003-2011).

Sie sind ein Optimist. Aber so richtig zufrieden sind Sie nicht. Warum?
Weil die jetzige Fassung extrem viele Lücken aufweist. Praktisch alle Namen sind geschwärzt, an vielen Orten führen Sternchen in eine Interpretations-Sackgasse. Schweigen kann man nicht, sagen darf man nichts. Und es ist doppelt unverständlich. Erstens weil das Recht der Öffentlichkeit nach bald drei Jahrzehnten, zu erfahren, was da genau gelaufen ist, über den Interessen von fremden Geheimdiensten und von beteiligten Schweizern steht.

Und zweitens?
Zweitens ist das Argument, dass mit den Zensuren ausländische Geheimdienste geschützt werden sollen vor Enthüllungen, mittlerweile weitgehend überholt. Der Zensurstand im veröffentlichten Cornu-Bericht ist der von 1991. Aber in der Zwischenzeit hat sich im Ausland wahnsinnig viel getan, es gab Ausstellungen, Buchveröffentlichungen, Parlaments- und Regierungsberichte aus Italien, Österreich, Holland und anderen Ländern, die über das damalige Wirken der Geheimdienste informierten. Denken Sie an die Stasi-Akten aus der ehemaligen DDR, an die grosse Ausstellung im britischen Imperial War Museum, an die zwei grossen Parlamentsberichte in Italien über die Nato-Organisation Gladio, die am Anschlag im Bahnhof Bologna 1980 beteiligt war.

>> Hier gehts zur Medienversion des Cornu-Berichts.

Aber in diesen Berichten kam die P-26 ja gar nicht vor.  
Nein, aber die Argumentation war ja immer, dass der Cornu-Bericht Informationen über fremde Geheimdienste enthält, die geschützt werden müssen und deshalb nicht vollständig publiziert werden dürfen. Das ist hanebüchen, wenn die fremden Geheimdienste in ihrer Aufarbeitung schon viel weiter sind.

Geheimarmee P-26

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Geheimarmee P-26
quelle: keystone / karl-heinz hug
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Sie werfen dem Bundesrat also voreiligen Gehorsam vor, der eigentlich von gar niemandem verlangt wird?
Ich werfe niemandem etwas vor, ich sage nur, der Bundesrat schützt fremde Geheimdienste stärker, als die fremden Geheimdienste sich selber schützten. Dazu fällt mir ein geflügeltes Wort eines schwedischen Diplomaten aus den frühen 80er-Jahren ein: Die Schweiz ist Nato-treuer als die Nato selber. Das bestätigt sich nun einmal mehr.

Der Bundesrat verpasste es, für vollständige Transparenz zu sorgen. Anderseits gehen praktisch alle Beobachter davon aus, dass hinter den schwarzen Stellen nichts Brisantes stehen wird. Wieso also die Aufregung?
Das Unfaire an den schwarzen Stellen ist ja eben gerade, dass sie jede Vermutung als Verschwörungstheorie darstellen. Aber ja, ich gebe Ihnen Recht, ich glaube auch nicht, dass, sollte der vollständige Bericht spätestens 2041 erscheinen, aufregendes neues Material zum Vorschein kommt. Umso unverständlicher ist die Geheimniskrämerei des Bundesrats.

Wieso hat der Bundesrat Ihrer Meinung nach ein Interesse daran, nicht vollständige Transparenz herzustellen?
Der Bundesrat entscheidet ja nicht selbständig, sondern aufgrund von Empfehlungen von Fachleuten, und da sind in diesem Fall halt eher VBS-Leute und Geheimdienstler. In diesen Kreisen ist Geheimhaltung Mentalität. Überdies kommt den Kräften, die die Schweiz noch näher an die Nato führen möchten, eine erneute Thematisierung der Verstrickung von Nato-Organisationen in die damaligen Terroranschläge nicht gelegen.

Nato-treue Kreise?
Die Natoflügel in der FDP, CVP und SP und in der Armeeführung. Ein Beispiel: In dem Film des RTS, der in der deutschen Fassung leicht entschärft wurde, kommt der Nato-Militärattaché zu Wort und der nimmt die italienische Gladio in Schutz. Von den Filmemachern kommt dazu kein kritisches Wort.

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Das klingt nun nach Verschwörungstheorie ...
Sehen Sie, genau das passiert, wenn man die schwarzen Löcher im Cornu-Bericht hinterfragt: Man wird in die Ecke des Verschwörungstheoretikers gedrängt. Aber wenn es in der Schweiz je eine relevante Verschwörungstheorie gab, dann war es die heute wissenschaftlich widerlegte Behauptung, dass die Schweiz während des Kalten Krieges militärisch gefährdet gewesen war. Und genau das war ja die Begründung für die Schaffung der P-26. Deshalb ist der PUK-EMD-Bericht ja auch relevanter als der Cornu-Bericht.

Können Sie das erklären?
Die P-26 wurde ja unter anderem vorbereitet auf eine mögliche Unterwanderung in der Schweiz, auf einen scheinbar drohenden Umsturz. Diese Frage finde ich viel wichtiger als die Frage nach der Zusammenarbeit mit ausländischen Geheimdiensten. Das ist neutralitätspolitisch interessant, aber demokratiepolitisch ist die innenpolitische Rolle, die sich die P-26 angemasst hat, viel spannender.

Sie sprechen die Vermutungen an, wonach die P-26 bei einem Sieg der Linken einen Putsch ausgeführt hätte. Das wird mittlerweile von den meisten Wissenschaftlern angezweifelt.
Ja, vor allem der ehemalige SP-Parteipräsident Helmut Hubacher verteidigte die Putsch-These. Ich persönlich bezweifle, dass 400 Leute, oder auch 800, wenn die P-26 im Vollbestand gewesen wäre, erfolgreich hätten putschen können. Ich glaube nicht, dass die P-26 eine Gefahr für die Existenz der Demokratie war, dafür waren sie schlicht zu wenige. Das Argument der P-26-Verteidiger, wonach die P-26 keine Armee im herkömmlichen Sinn war, sondern Dutzende übers Land verstreute Zellen umfasste, und deshalb nicht in der Lage war, einen Putsch durchzuführen, hat etwas für sich. Aber gerade diese grosse Autonomie machte die P-26-Zellen um so gefährlicher. Unter den P-26-Leuten hatte es knallharte Kalte Krieger, die uns Linke, selbst die Moskaukritiker, als fünfte Kolonne einer ausländischen Macht gesehen haben. So wie sie es zehn Jahre vor der Gründung der P-26 im Zivilverteidigungsbuch lesen konnten. Gemäss diesem in alle Haushalte verschickten Machwerk bildeten die armeekritischen Linken eine besonders grosse Gefahr.

bild: screenshot/libenter.ch
«In unserer Welt kann jedes Volk bedroht werden, von innen und von aussen. So wie jeder einzelne um seine Existenz kämpfen muss – friedliche Arbeit ist seine beste Rüstung – so ringen die Völker, auch wenn sie sich in manchem aufeinander angewiesen sehen, um ihr Wesen und ihre Selbstbehauptung.»
Auszug aus dem Zivilverteidigungsbüchlein von 1969.

Sie waren damals als führendes GSoA-Mitglied speziell im Visier genau dieser Kalten Krieger.
Ja, und ich bin überzeugt, die P-26 hätte gerade uns damals gefährlich werden können.

Also doch eine Gefahr für die Demokratie?
Schauen Sie, die Mentalität der Schweiz war damals eine völlig andere. Das ist für heutige Generationen unvorstellbar. Was haben Sie für einen Jahrgang?

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1989.
Der Bundesrat hat ein Jahr vor Ihrer Geburt in der Botschaft zur Initiative für eine Schweiz ohne Armee im ersten Satz geschrieben: «Die Schweiz hat keine Armee, die Schweiz ist eine Armee.» Nehmen wir einmal an, in ihrem Geburtsjahr wäre die Initiative tatsächlich angenommen worden. Für die P-26, für einen grossen Teil der Rechten, hätte ein Ja zur Initiative nicht nur die Abschaffung der Armee, sondern die Abschaffung der Schweiz bedeutet! Sie können mir nicht sagen, dass nicht ein paar dieser P-26-Zellen eigenmächtig gegen die bekannten Köpfe der GSoA vorgegangen wären. Solche Szenarien sind weniger abwegig als all die Manöver-Szenarien, die während des Kalten Krieges im Militär durchgespielt wurden.

Die ehemaligen Mitglieder der P-26 sehen das alles ein bisschen anders. Sie fühlen sich ungerecht behandelt, klagen über Vorverurteilungen und eine völlige Verzerrung der Tatsachen.
Das ist das Ärgerlichste an der ganzen Geschichte: Die unglaubliche Larmoyanz der ehemaligen Mitglieder.

Ärgert es Sie, dass Sie die Verantwortlichen nie juristisch zur Rechenschaft ziehen konnten?
Ich bin mehr daran interessiert, die damalige offizielle Schweiz zu kritisieren, als auf die ehemaligen Mitglieder der P-26 loszugehen. Bei der Buchvernissage von Martin Matter («Die Geheimarmee, die keine war», die Red.), schauten mich viele Veteranen an wie den Leibhaftigen. Ich habe mir damals Efrem Cattelan, den Ex-Chef der P-26, vorgenommen, und lange, lange mit ihm geredet. Ganz ehrlich: Ich hätte ihm keinen Tag Gefängnis gewünscht, und ich war ja doch selber eine Zeitlang in der Kiste. Es geht mir nicht um eine Abrechnung mit den P-26-Mitgliedern. Es geht darum, dass die P-26 ein Symptom für eine hysterische antilinke Stimmung in diesem Land war, die jenseits von der Realität war und die Demokratie einschränkte.

Efrem Cattelan (rechts) alias «Rico», seit 1979 Chef der P-26, nimmt an einer Pressekonferenz 1990 Stellung zur geheimen Widerstandsorganisation.
Efrem Cattelan (rechts) alias «Rico», seit 1979 Chef der P-26, nimmt an einer Pressekonferenz 1990 Stellung zur geheimen Widerstandsorganisation.
Bild: KEYSTONE

Mittlerweile sind 28 Jahre seit der Enttarnung der P-26 vergangen. Und es scheint, die historische Aufarbeitung ist immer noch nicht vollständig erfolgt.
Geschichtspolitik ist unberechenbar. Und sie dauert lange. Die Schweiz arbeitete ihre Rolle im Zweiten Weltkrieg erst 50 Jahre später auf, in den 90er-Jahren. Das Interesse war damals enorm, und jetzt, 30 Jahre später, ist der Bergier-Bericht bereits wieder vergessen. Ich sage einfach, die Zeit ist reif, um den Kalten Krieg aufzuarbeiten. Ob das passiert? Ich glaube schon, vielleicht nicht in ein, zwei, aber in fünf oder zehn Jahren.

Dann, wenn die meisten der involvierten Personen nicht mehr am Leben sind?
Ja, es braucht vielleicht eine gewisse Distanz zu den Geschehnissen, einen Generationenwechsel. Die, die alles unter dem Deckel halten wollen, die werden immer weniger. Und die, die kritisch aufarbeiten wollen, dafür immer mehr. Ich merke das selber. Erst letzte Woche war ein Doktorand hier, der schreibt seine Dissertation über die Fichenaffäre. Studenten kommen vorbei, um mich zur GSoA-Abstimmung zu interviewen, eine Reihe von Publikationen zum Thema Kalten Krieg sind in den letzten Jahren erschienen oder sind in der Pipeline.

Jo Lang an einer Vollversammlung der GSoA 1992 in Solothurn.
Jo Lang an einer Vollversammlung der GSoA 1992 in Solothurn.
Bild: KEYSTONE

Sie waren einer der engagiertesten Kritiker der P-26 und einer der unbeugsamen Köpfe der alternativen Linken. Was hat Sie eigentlich vom beschaulichen Aristau im Reusstal an die Speerspitze der Linken geführt?
Ich wuchs in einer kinderreichen Bauernfamilie auf, war ein katholisch-konservatives Landei und habe in dieser Welt geschwelgt bis Ende der 60er-Jahre. Im Kollegium Sarnen, eine der linken politischen Brutstätten, bin ich dann politisiert worden. Richtig gepackt hat es mich, als ich zwei Jahre vor der Matura nach London gefahren bin, um als Griechisch-Schüler mein Englisch aufzubessern. Dort stiess ich als Fan von John Lennon zu der Gruppe, der der Ex-Beatle damals angehörte. Geführt wurden die «Internationalen Marxisten», wie sie sich nannte, von Tariq Ali, dem Dutschke Englands. Als ich zurück in die Schweiz kam, habe ich dann sofort Kontakte mit Schweizer Neulinken gesucht.

Geschichte – die Vergangenheit lebt!

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