Schweiz
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Bild

Spiel mit der Identität: David Bowie als Kunstfigur Ziggy Stardust (1972). Bild: AP

Kommentar

Fluid werden! So könnten Staat und Gesellschaft ganz ohne Geschlechter funktionieren 

Der Bundesrat will Transmenschen Geschlechts- und Namensänderung erleichtern. Das ist gut. Ein drittes Geschlecht im Personenstandsregister einführen will er nicht. Das ist schlecht. Wie weiter? Ein Gedankenexperiment zu Gesellschaft und Geschlechtern.



Das Juristendeutsch lenkt davon ab, aber der Kerngedanke dahinter ist erfreulich progressiv:

«Jede Person, die innerlich fest davon überzeugt ist, nicht dem im Personenstandsregister eingetragenen Geschlecht zuzugehören, kann gegenüber der Zivilstandsbeamtin oder dem Zivilstandsbeamten erklären, dass sie den Eintrag ändern lassen will.»

Mit diesem Artikel will der Bundesrat das Zivilgesetzbuch ergänzen. Geschlechtsänderungen im Personenstandsregister sollen in Zukunft auf unbürokratische Weise möglich werden.

Der Vorentwurf des Bundesrats hat noch Mängel und ist teilweise zu mutlos ausgefallen. Enttäuschend ist, dass er darauf verzichtet, ein drittes Geschlecht einzuführen für Personen, die sich weder dem männlichen noch dem weiblichen Geschlecht zugehörig fühlen. Doch die grundsätzliche Stossrichtung stimmt.

Keine Lifestyle-Politik

Kritik kam von SVP-Nationalrat Sebastian Frehner. Er beklagte sich gegenüber 10 vor 10, im Sinne von «Diversity» würden heutzutage «Hunderte von Minderheiten geschaffen». Dabei ginge der «weisse, heterosexuelle, christliche Schweizermann» vergessen. So ähnlich tönt es aus konservativen Kreisen stets, wenn die Gesetze der real existierenden Vielfalt der Lebensformen in der Schweiz angepasst werden. Das wird als Verrat an der  traditionellen Familie gesehen, als Verhätschelung von Minderheiten.

Unrecht einen Riegel zu schieben, ist kein Minderheiten-Appeasement.

Aussagen wie jene von Frehner sind Unsinn. Die Rücksichtnahme auf Minderheiten ist keine «nice to have»-Lifestyle-Politik, sondern eine Frage der Menschlichkeit. Beispiel Transmenschen: Das Geschlecht ist einer der wirkungsmächtigsten gesellschaftlichen Marker. Wer im falschen geboren wurde, der leidet darunter. Selbstbestimmt das Geschlecht wählen zu können, dem man sich zugehörig fühlt, sollte deshalb ein Grundrecht sein.

Doch bis vor Kurzem wurden Transmenschen zu sterilisierenden Operationen gezwungen, wollten sie ihr Geschlecht im Personenstandsregister ändern lassen. Diesem Unrecht einen Riegel zu schieben, ist kein Minderheiten-Appeasement.

Geht Gesellschaft ohne Geschlecht?

Das enge Korsett des binären Geschlechtersystems schafft Leiden. Die Frage ist deshalb berechtigt: Warum muss der Staat, muss die Gesellschaft eigentlich jedem Menschen ein eindeutiges Geschlecht zuordnen? Im Nationalrat sind derzeit zwei Vorstösse hängig, die verlangen, den Verzicht auf die Geschlechtererhebung im Personenregister zu prüfen. Ein User präsentierte in seinem Kommentar einen noch weitergehenden Vorschlag.

Ohne Frage: Die völlige Auflösung der Geschlechter in Staat und Gesellschaft ist eine Utopie. Geschlechter machen Identität aus, sie können Halt geben und Orientierung. Unbeachtet von nicht-binären Menschen sind wir auch bei den «traditionellen Geschlechtern» Mann und Frau meilenweit von einer Gleichstellung entfernt. In dieser Hinsicht ist unsere Gesellschaft nicht egalitär. Deshalb würde ein «geschlechterblinder» Staat auch die Augen vor Diskriminierung schliessen.

Identität statt Diskriminierung

Einen solchen Staat darf es folglich erst in einer Gesellschaft geben, die Haus- und Erwerbsarbeit fair verteilt, die für gleiche Arbeit gleiche Löhne zahlt, die Partnerschaften und Familienformen ungeachtet von Geschlechtern und sexueller Orientierung akzeptiert. Doch als Utopie, als Fernziel, ist der Gedanke reizvoll.

Geschlechtliche Idealtypen zu konstruieren und Abweichungen davon zu diskriminieren, ist einer liberalen Demokratie unwürdig.

In dieser Gesellschaft bliebe das Geschlecht ein wichtiges Identitätsmerkmal, aber wäre kein Kriterium für Diskriminierung mehr. Und in einer solchen Gesellschaft gebe es keine Notwendigkeit mehr für Geschlechterunterschiede etwa beim Rentenalter, bei der allgemeinen Dienstpflicht oder beim Adoptionsrecht. Das würde zu einem entspannteren Umgang mit dem Thema führen – und die ungesund aufgewertete Bedeutung des Geschlechts reduzieren.

Denn Geschlechteridentitäten sind immer fluid, weiss die Forschung. Jeder noch so «männliche Mann» hat auch so genannt weibliche Seiten – und umgekehrt. Irgendwelche geschlechtlichen Idealtypen zu konstruieren und Abweichungen davon zu diskriminieren, ist einer liberalen Demokratie unwürdig. So entstehen Ungerechtigkeiten und Unrecht. Und das verhindert letzten Endes eine wahrhaft freiheitliche Gesellschaft. Wir müssen fluid sein – sonst werden wir untergehen.

Androgynes Idol: David Bowies Leben in Bildern

Das könnte dich auch interessieren:

4 Gründe, weshalb die Corona-Zahlen des BAG wenig mit der Realität zu tun haben

Link zum Artikel

So lief Tag 1 nach Bekanntgabe der «ausserordentliche Lage» für die Schweiz

Link zum Artikel

Das iPad kriegt Radar? Darum ist der Lidar-Sensor eine kleine Revolution

Link zum Artikel

Der Mann, der es wagt, Trump zu widersprechen

Link zum Artikel

Corona International: EU beschliesst Einreisestopp ++ Italien mit 345 neuen Todesopfern

Link zum Artikel

Wie ich nach 3 Stunden Möbelhaus von Wolke 7 plumpste

Link zum Artikel

Die Schweiz befindet sich im Notstand – die 18 wichtigsten Antworten zur neuen Lage

Link zum Artikel

Lasst meinen Sex in Ruhe, ihr Ehe- und Kartoffel-Fanatiker!

Link zum Artikel

Die Fallzahlen steigen wieder leicht an – so sieht's in deinem Kanton aus

Link zum Artikel

Wie ansteckend sind Kinder wirklich? Was die Wissenschaft bis jetzt dazu weiss

Link zum Artikel

Magic Johnson vs. Larry Bird – ein College-Final als Beginn einer grossen Sportrivalität

Link zum Artikel

Ein Virus beendet Jonas Hillers Karriere: «Es gäbe noch viel schlimmere Szenarien»

Link zum Artikel

Warten auf Bond... James Bond

Link zum Artikel
Alle Artikel anzeigen
DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Duell zum Diskriminierungsverbot: «Auf Worte folgen Taten!» – «Es ist ein Zensurgesetz!»

Sollen Diskriminierung und Aufruf zu Hass aufgrund der sexuellen Orientierung unter Strafe gestellt werden? Während Anna Rosenwasser von der Lesbenorganisation Schweiz für ein Ja wirbt, kämpft Benjamin Fischer (SVP) für ein Nein. Ein Pro-Contra-Duell in sechs Fragen.

Am 9. Februar kommt die Erweiterung der Anti-Rassismus-Strafnorm zur Abstimmung. Neben Rasse, Religion und Ethnie soll neu auch Diskriminierung und der Aufruf zu Hass in Bezug auf die sexuelle Orientierung strafbar werden.

Während Befürworter für ein «Ja zum Schutz vor Hass» werben, sprechen die Gegner der Vorlage von einem «Zensurgesetz».

watson hat Anna Rosenwasser, Co-Geschäftsführerin der Lesbenorganisation Schweiz (LOS) und Benjamin Fischer, Präsident der SVP des Kantons Zürich und …

Artikel lesen
Link zum Artikel