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«Die 120 Tage von Sodom» Milo Rau, Theater Hora, Schauspielhaus Zürich

Dieses Hochzeitsmahl ist ... schön schokoladig? Szene aus «Die 120 Tage von Sodom» am Zürcher Schauspielhaus. Bild: Toni Suter

So wird das Fascho-Sex-Grüsel-Behinderten-Stück von Milo Rau und dem Theater Hora

Da meint man ganz genau zu wissen, worauf man sich einlässt ... Ein Probebesuch zeigt: «Die 120 Tage von Sodom» am Zürcher Schauspielhaus ist ein unheimlich geschickter Angriff auf unsere Nerven.



«Eifach nöd furze!», befiehlt Nora Tosconi vom Behindertentheater Hora ihrem Kollegen, der ihr gerade seinen nackten Hintern entgegenstreckt. Es ist nur einer von ein paar Hintern, Julia Häusermann wird den Wettbewerb um den «schönsten Arsch der Welt» gewinnen und wird unten ohne vor einem perversen Fascho-Fürsten tanzen.

Wir sind auf einer der letzten Proben von «Die 120 Tage von Sodom» im Zürcher Schiffbau. Elf Horas treffen dabei auf vier Kollegen aus dem Schauspielhaus-Ensemble. Milo Rau führt Regie. Milo Rau macht eins seiner Reenactments. Normalerweise heisst dies, dass er wahre Begebenheiten auf der Bühne nachstellt. Zum Beispiel die Prozesse gegen die Band Pussy Riot, den Völkermord in Ruanda, den belgischen Pädophilen und Mörder Dutroux. Gerade sieht er «voll fertig» aus, wie die Kollegin vom Fernsehen meint. Milo, bist du krank? «Nein, mir geht's bestens!»

Trailer zu «Die 120 Tage von Sodom»

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Video: YouTube/Schauspielhaus Zürich

Doch der Fascho-Fürst ist krank. Sein Darsteller, Schauspielhaus-Altstar Robert Hunger-Bühler, liegt irgendwo im Bett, und deshalb ist alles etwas chaotisch. Hunger-Bühler wird vom Regiehospitanten ersetzt, und der gibt sich alle Mühe, bei Julias Nackttanz desinteressiert zu schauen. Eine Kamera zoomt auf die blutten Füdli, sie sehen ausnehmend heiter aus, wie gutgelaunte Doppelmonde. Dann gibt's Kuschelbedarf, Gianni Blumer von den Horas wirft sich allen um den Hals, die er kriegen kann. 

Pasolini schuf einen Film auf der Schwelle zur Hölle.

«Die 120 Tage von Sodom» ist das Reenactment eines Films. Pier Paolo Pasolinis «Salò oder die 120 Tage von Sodom» (1975) nämlich. Einer der unschaubarsten, weil brutalsten Filme der Filmgeschichte. Italienische Faschisten verschanzen sich gegen Ende des Zweiten Weltkriegs im norditalienischen Salò und feiern Orgien, auf denen sie widerständige junge Menschen missbrauchen, foltern und hinrichten. Ein Film auf der Schwelle zur Hölle. Inspiriert vom Sadisten-Sex-Roman «Die 120 Tage von Sodom oder die Schule der Libertinage» (1785) des Marquis de Sade.

Bild

Noch ist alles ganz harmlos: Der Füdli-Contest in Pasolinis Film. bild: pea

Jetzt, auf der Theaterprobe im Zürcher Schiffbau, herrscht freudige Aufregung: All die künstlichen Körperteile, die es für das finale Gemetzel braucht, sehen endlich aus wie echt. Als Zuschauer werden wir das noch sehr bereuen.

Milo Rau ist trotz miserabler Gesichtsfarbe (rot-weiss-gefleckt) unendlich entspannt, sitzt da mit einem einzigen Blatt Papier, macht wenige Notizen, gibt klare, freundliche Durchsagen. Wie macht er das? Arbeitet der Mann nicht zu viel? Er inszeniert in halb Europa seine Stücke, mit denen er andauernd Preise gewinnt, schreibt gleichzeitig Bücher und eine Kolumne für die «SonntagsZeitung», hat eine Familie in Köln, ist Kritiker im SRF-«Literaturclub» und hat trotzdem immer Zeit für alle und das Gefühl, sein Leben zu vertrödeln. Er muss in einer idealeren Welt leben als wir Normalsterblichen.

Portrait of Milo Rau, director, theatre author, journalist and essayist, taken in  Basel, Switzerland, on April 19, 2013. (KEYSTONE/Gaeatan Bally)

Milo Rau, Regisseur, Theaterautor, Journalist und Essayist, portratiert am 19. April 2013 in Basel. (KEYSTONE/Gaetan Bally)

Schon viele haben sich die Frage gestellt: Ist Milo Rau ein Genie? Bild: KEYSTONE

Die Schauspielhäusler proben gerade irgendwas mit viel Text, die Horas schlafen unterdessen an einem langen Tisch ein. Sie warten dort auf das letzte Abendmahl. Julia Häusermann ist Jesus. Natürlich. Julia ist immer die Grösste. Die Frau, die am Berliner Theatertreffen 2013 den Preis als beste Schauspielerin gewann, «wil ich so guet mini Gfühl zeige und brüele cha». Nora wiederum kann irrsinnig gut hinfallen und leiden. Sie muss das oft tun. Bei ihrem ersten Auftritt wird sie auch gleich erschossen. Mit viel Bühnenblut. Sie ist eine wundervolle, sehr ergreifende Leiche.

Die NZZ nennt die Horas «Vorzeige-Behinderte» aus der «Förderoase».

Pasolinis Film ist Fiktion. Pasolini selbst seit über 40 Jahren tot. Wie also holt Milo Rau hier das Gegenwärtige in sein Stück? Die Realität? Die Debatte? Erstens über die Horas, zweitens über die Kunst.

«Die 120 Tage von Sodom» Milo Rau, Theater Hora, Schauspielhaus Zürich

Wer Jesus spielt, weiss, was kommt: Julia Häusermann schafft ihr Kreuz mit Leichtigkeit. Bild: Toni Suter

Das Zürcher Behindertentheater Hora gibt es seit 1993, es bietet 33 Menschen einen festen Arbeitsplatz, seit es 2013 aufs Berliner Theatertreffen eingeladen wurde, ist es ein Exporthit, für 2017 stehen neben Zürich, Lausanne und Bern auch schon Kairo und das polnische Poznan auf dem Tourplan. Die Horas stehen für Freiheit und Anarchie. Grössere Rampensäue gibt es im Theater nicht. Sie machen, was sie wollen. Sind ein Leben lang Pippi Langstrumpf. Kompromisslos. Wer sie sieht, liebt sie. Nur die NZZ nennt sie «Vorzeige-Behinderte» aus der «Förderoase». 

Was in «Die 120 Tage von Sodom» immer wieder durchblitzt, ist Milo Raus Frage: Sind sie die letzten ihrer Art? Fallen heute nicht unzählige potenzielle Horas der Pränataldiagnostik zum Opfer? Ist das nicht auch eine Art Faschismus? Der nicht behinderte Schauspieler Michael Neuenschwander erzählt, wie er und seine Frau einen Sohn mit Trisomie 21 abgetrieben haben. Ist das jetzt Neuenschwanders eigene Geschichte? Eine erfundene?

«Die 120 Tage von Sodom» Milo Rau, Theater Hora, Schauspielhaus Zürich

Dieses Bild entstand zufälligerweise bei den Proben: Ein Hora-Reenactment des legendären John-und-Yoko-Foto von 1980 nämlich. Bild: Kevin Graber

ZUM 75. GEBURTSTAG VON JOHN LENNON AM FREITAG, 09. OKTOBER 2015, STELLEN WIR IHNEN FOLGENDES MATERIAL ZUR VERFUEGUNG - This photo supplied by the Magazine Publishers Association and American Society of Magazine Editors shows the Rolling Stone magazine cover from Jan. 22, 1981, depicting John Lennon and Yoko Ono, which was voted the number one cover from the last 40 years, as decided by judges in a contest by the American Society of Magazine Editors, the group announced Monday, Oct. 17, 2005. The photo was taken by photographer Annie Liebovitz in December 1980 on the last day of Lennon's life. (KEYSTONE/AP Photo/Magazine Publishers Assn and American Society of Magazine Editors)

Bild: AP MAGAZINE PUBLISHERS ASSN AND

Ein Hora-Schauspieler macht klar, dass er kastriert ist und keine Kinder bekommen kann. Ist er das wirklich? Wahrscheinlich. Andere träumen von Hochzeit und Familiengründung. Es schnürt einem das Herz ab. Pasolini war ein Abtreibungsgegner. Milo Raus Argumentation von den Faschos zu den Horas ist etwas kurz gegriffen, aber natürlich effizient.

Aber wieso stellen wir uns eigentlich mit dem Verlauf des Stücks immer diese Fragen nach Echtheit? Wieso projizieren wir auf das Spiel der Horas grössere Authentizität als auf das der andern Schauspieler? Sind wir wirklich so naiv? Wieso wollen wir plötzlich alles glauben? Weil wir manipuliert werden. Weil es der Zweck dieses Abends ist, uns mit offenen Augen in die blutige Katastrophe laufen zu lassen.

Denn die Horas sind abgefeimte Profis. Sie haben sich «Salò» angeschaut und sich sofort überlegt: Wie geht das? Wie können wir das umsetzen? Und genau diesen Prozess spielen sie jetzt: Einer von ihnen interessiert sich für die Special Effects der Gewalt. Er spielt Pasolini. Andere wollen wissen, wie sich Sexszenen so spielen lassen, dass keine Erniedrigung stattfindet. Neuenschwander demonstriert mit einer Kollegin, wie man eine Vergewaltigungsszene spielt. Beziehungsweise wie mann dies spielt. Erklärt, dass Kunst immer Missbrauch sei, auch wenn es sich um Fake handeln würde.

«Die 120 Tage von Sodom» Milo Rau, Theater Hora, Schauspielhaus Zürich

Die bekleidete Vergewaltigungs-Szene von Michael Neuenschwander und Dagna Litzenberger Vinet wirkt weit missbräuchlicher als die nackte Sexszene der Horas. Bild: Toni Suter

Milo Rau hat den Missbrauch innerhalb der Kunst gerade auch mit seinen «Five Easy Pieces» thematisiert: Kinder spielen da die Geschichte um den Sexualstraftäter Dutroux nach. Ist das zulässig? Und wenn ja, weshalb genau? Und wie müssen wir uns als Zuschauer dazu verhalten? Die Horas finden Neuenschwanders Demonstration zwar «hammergeil», spielen danach aber eine Sexszene, die unfassbar zärtlich und liebevoll ist, ein Trost mitten im Inferno.

Denn grundsätzlich geht diese Inszenierung, die bei der Probe noch wie ein Schneesturm aus Pasolini-Fragmenten daherkommt, den Lauf des Films. Und obwohl uns eingehämmert wird, dass wir hier einem Stück Kunst bei seiner durchaus kunsthandwerklichen Verfertigung zuschauen, fallen wir am Ende darauf hinein. Das Gefühl im Magen? Entsetzlich. Die Horas? Geili Sieche. 

«Die 120 Tage von Sodom» hat am 10. Februar Premiere im Zürcher Schiffbau. Die Vorstellung ist ausverkauft. Hier geht es zu den weiteren Terminen.

 

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