Schweiz
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Vor 40 Jahren vom Pfarrer missbraucht – jetzt erzählt Andreas Santoni seine Geschichte

Zwischen 1978 und 1981 wurde Andreas Santoni im Kinderheim Hermetschwil missbraucht. Vier Jahrzehnte später wagt er den Schritt an die Öffentlichkeit.

Noemi Lea Landolt / az Aargauer Zeitung



Andreas Santoni wollte Pfarrer werden. Schon damals, als er als kleiner Junge seiner Grossmutter half, auf dem Friedhof die Gräber zu machen. Er hat zu den Pfarrern hochgeschaut, sie bewundert. Auch später, als er wegen Schwierigkeiten in der Schule ins Kinderheim St. Benedikt in Hermetschwil kam. Er spielte den Pfarrer, hielt Predigten. «Der Fussballpokal war mein Kelch», erzählt er.

Andreas Santoni ist nie Pfarrer geworden. Der damalige Pfarrer im Kinderheim hatte ihn sexuell missbraucht. Die Bilder verfolgen ihn bis heute. «Es ist schwer, damit zu leben.» Was genau der Pfarrer ihm als neun- und zehnjähriger Junge angetan hat, weiss nur Andreas Santoni. «Ich kann nicht darüber sprechen. Ich habe auf die Bibel geschworen, dass ich nichts sage.»

Zwischen 1978 und 1981 wurde Andreas Santoni im Kinderheim Hermetschwil missbraucht. Vier Jahrzehnte später wagt er den Schritt an die Öffentlichkeit.

Andreas Santoni will nicht mehr Schweigen. Bild: aargauer zeitung/chris iseli

Nichts sagen. Schweigen. Verschweigen. Das will Andreas Santoni 40 Jahre später nicht mehr. Er macht den Schritt an die Öffentlichkeit, lässt alle wissen, dass er damals zwischen 1978 und 1981 als Schüler im Kinderheim Hermetschwil sexuell missbraucht wurde.

Vom Pfarrer. Jener einzigen Bezugsperson, die da war für die Heimkinder. Ihnen die fehlende Liebe und Geborgenheit hätte geben sollen und sie stattdessen missbrauchte. Mit seinem Schritt an die Öffentlichkeit zwingt Andreas Santoni zum Hinschauen, um Wegschauen in Zukunft zu verhindern.

Der Täter ist immer schuld

Eingeladen hat die Medien aber nicht Andreas Santoni, sondern das Kinderheim Hermetschwil und das Benediktiner-Kollegium Sarnen. Sie wollen, obwohl der Missbrauch verjährt und der Pfarrer tot ist, die Sache nicht verschweigen. Sie wollen sich öffentlich entschuldigen (siehe Box unten). Bei Andreas Santoni und allen anderen Opfern. Ihnen sagen: «Der Täter ist schuld.»

Diesen Satz hat Andreas Santoni schon unzählige Male gehört. Trotzdem gibt er sich für den Missbrauch immer noch selber die Schuld. «Ich ging ja immer wieder zum Herrn Pfarrer, obwohl das passiert ist. Und ich fühle mich auch schuldig, weil ich mich nicht gewehrt, nichts gesagt habe.» Er hat den Missbrauch für sich behalten, hat die schlimmen Bilder verdrängt, versucht, zu vergessen. «Ich war der Meinung, ich hätte das hinter mir», sagt er.

«Ich bin froh, dass ich es sagen konnte. Aber ich habe Angst davor, was noch kommt.»

Bis die aufgebaute Schutzmauer an der Beerdigung seiner Mutter zu bröckeln begann. «Der Pfarrer hielt die Messe und ich sah ihn plötzlich nackt. Aber nicht ihn, sondern den anderen Pfarrer», sagt Andreas Santoni.

Vom Dorfpfarrer missbraucht

Andreas Santoni litt und schwieg jahrelang im Kinderheim Hermetschwil. Jetzt geht er mit seiner erschütternden Geschichte an die Öffentlichkeit. Video: © Tele M1

Doch selbst mit diesen Bildern im Kopf dauerte es ein weiteres Jahr, bis er seiner Frau zum ersten Mal vom Missbrauch in der Kindheit erzählte. Einen Tag später wollte er sich das Leben nehmen. Vor dem Kinderheim. Die Polizei konnte ihn stoppen.

Seither macht Andreas Santoni eine Therapie, um die traumatischen Erlebnisse von damals aufzuarbeiten. Er mache Fortschritte, sagt er. Doch nach wie vor plagt ihn seine Depression. «Ich falle immer wieder in die schlimme Vergangenheit zurück.»

Entschuldigung: «Es ist beschämend und bestürzt mich»

Die Verantwortlichen, die es vor 40 Jahren verpasst haben, hinzuschauen, sind nicht mehr im Amt. Sie können sich weder entschuldigen noch Verantwortung übernehmen für das, was im Kinderheim Hermetschwil passiert ist. Im Namen aller Verantwortlichen und aller Mitarbeitenden des Kinderheims bittet Regula Jäggi, heutige Präsidentin des Vereins Kinderheim Hermetschwil, um Entschuldigung. Sie habe keinen Zweifel, dass alles stimme, was Andreas Santoni gerade erzählt habe.

Und sie müsse leider davon ausgehen, dass er nicht das einzige Opfer sei. Sieentschuldige sich bei allen Opfern für den Machtmissbrauch sowie die körperlichen und sexuellen Übergriffe. Auch Abt Beda Szukics vom Benediktiner-Kollegium Sarnen ringt nach Worten. «Was der Pfarrer gemacht hat, wirkt sich bis heute aus. Es ist noch nicht erledigt und kann wohl nie erledigt sein.»

Das sei beschämend und bestürze ihn. Er verurteile alle Versuche des Pfarrers, aus Andreas Santoni einen Täter zu machen und bitte um Entschuldigung. «Wir können es nicht ungeschehen machen», sagt der Abt, «aber wir können dazu stehen, dass Unrecht passiert ist.» (nla)

Trotzdem fühlt er sich als Judas

Kontakt zu Personen aus dieser Zeit hat er nicht mehr. Sie waren zu viert in einem Zimmer, sagt Andreas Santoni. Vier Jungen. Zwei seien früh an Drogen gestorben, der Dritte lebe auf der Strasse, sei in der ganzen Schweiz unterwegs. Mit ihm hatte Andreas Santoni den Kontakt gesucht. Er versuchte auch, über die Vorfälle im Heim zu sprechen, wollte wissen, ob ihm das Gleiche passiert ist. Doch der ehemalige Zimmerkollege packte ihn am Kragen, sagte, das Thema sei tabu.

Am Ende der Medienkonferenz wirkt Andreas Santoni ausgelaugt. Über den erlebten sexuellen Missbrauch zu sprechen hat ihn mitgenommen. Er überlegt lange, wie er sich nun fühlt. Es seien viele Gefühle in ihm, die er nicht zuordnen könne. Auch alle Bilder von damals seien da. Er könne nicht sagen, dass er erleichtert sei. «Ich bin froh, dass ich es sagen konnte. Aber ich habe Angst davor, was noch kommt.»

Er fühle sich auch als Judas, weil er gesagt hat, was der Pfarrer mit ihm gemacht hat, obwohl er damals als Kind auf die Bibel geschworen hatte, nichts zu sagen. Es sei ihm mit dem Schritt an die Öffentlichkeit aber auch um alle anderen Opfer gegangen. Andere Opfer, die sich das nicht trauen. Andere Opfer, die gar nicht mehr sprechen können, weil sie nicht mehr leben.

Genauso wie der Pfarrer. Ihn hat Andreas Santoni nie mehr gesehen. Seine Fragen an ihn bleiben für immer ohne Antwort. (aargauerzeitung.ch)

Exorzismus in der Schweiz

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    Alle Leser-Kommentare
  • El Vals del Obrero 15.06.2018 19:37
    Highlight Highlight Wenn jemand Kinder einer Organisation anvertrauen würde, deren Repräsentanten offiziell kein Sexualleben haben dürfen, würden doch bei den meisten die Alarmglocken schrillen und man würde die KESB oder so benachrichtigen.

    Ausser die Organisation heisst römisch-katholische Kirche (die christlich-katholischen kennen wie die Reformierten kein Zölibat).

    So lange das Zölibat besteht, sollte der Staat die katholische Kirche grundsätzlich als für Kinder potentiell gefährlich anschauen.
  • Janis Joplin 15.06.2018 14:15
    Highlight Highlight Und dann noch perfide den armen Jungen auf die Bibel schwören lassen - ihn und zusätzlich seinen Glauben missbrauchen.
    Mir kommt die Galle hoch. Und: du bist nicht Judas, sondern Andreas - Gott weiss wie es in deinem Herzen aussieht. Nur das Beste dir ♥
    • phreko 15.06.2018 16:48
      Highlight Highlight Welcher Gott? Das Hauptsymbol einer jeglichen Gesellschaftskontrollbewegung?
  • Malina 15.06.2018 13:49
    Highlight Highlight Wie perfide und hypokritisch, ein Kind auf die Bibel schwören zu lassen um den Missbrauch zu verschweigen... eklig. Ich hoffe, Herr Santoni kann sich irgendwann vergeben und auch daran glauben, dass er überhaupt keine Schuld trägt an seinem Missbrauch. Schuld ist immer der Täter.
  • My Senf 15.06.2018 12:53
    Highlight Highlight So viel zu unseren (weltweit) Werten!

    Die Heime als Rettung der Kinder!

    Von den 4 sind 2 an Drogen gestorben einer lebt auf der Strasse und einer ist (stand heute) dem selbstmord entkommen!

    100% Versagen der Gesellschaft!

    Und es gibt noch tausende solcher Geschichten!
    • Janis Joplin 15.06.2018 15:25
      Highlight Highlight Oh ja - da könnte ich auch noch einiges aus dem Nähkasten erzählen...
  • Gubbe 15.06.2018 12:48
    Highlight Highlight Vor 40 Jahren wurde alles totgeschwiegen. Über Schwule und Lesben wurde hinter vorgehaltener Hand gelacht, weil man nicht so recht wusste, was da so ging. Gender gab es nicht, höchstens wurden Personen als komisch angesehen. Der Mann muss wirklich schreckliches durchgemacht haben, wohl im Glauben, dass es so sein muss. Heute gibt es immer mehr 'Abweichungen' von Mann/Frau, (zB. Roboterliebe). Ob es ein Trend ist, anders sein zu wollen? Ich wünsche dem Mann Akzeptanz des geschehenen und Freisein im Kopf.

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