DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Die «Arena» mit Daniele Ganser (l.) hat der SRG fast 500 Beanstandungen eingebracht.
Die «Arena» mit Daniele Ganser (l.) hat der SRG fast 500 Beanstandungen eingebracht.screenshot: srf

So verrissen wurde das SRF noch nie – schuld ist vor allem eine Sendung

2017 erreichten den Ombudsmann der Deutschschweizer SRG 75 Prozent mehr Beanstandungen als im Jahr davor. Viele davon bezogen sich auf die umstrittene Ganser-«Arena».
22.03.2018, 09:1822.03.2018, 13:25

«Die Ombudsstelle war 2017 massiv überlastet», schreibt Roger Blum im Jahresbericht, den er heute publiziert hat. Wer den Bericht liest, versteht wieso: Für den Ombudsmann der SRG Deutschschweiz war das vergangene Jahr in jeder Hinsicht ein Ausnahmejahr. Die wichtigsten Punkte im Überblick:

Allzeit-Rekord: Über 800 Beschwerden in einem Jahr

Sage und schreibe 827 Beanstandungen erreichten die SRG-Ombudsstelle letztes Jahr – das sind 75 Prozent mehr als noch 2016. Im Schnitt flatterte also alle 10 Stunden eine Beschwerde ins Büro von Ombudsmann Roger Blum.

Das ist nicht nur in der Geschichte der Ombudsstelle SRG Deutschschweiz ein absoluter Rekord. Auch keine der anderen Rundfunk- oder Print-Ombudsstellen in der Schweiz verzeichneten jemals einen solch hohen Wert, wie es im Jahresbericht heisst.

Beanstandungen bei der Ombudsstelle der SRG Deutschschweiz.
Beanstandungen bei der Ombudsstelle der SRG Deutschschweiz.quelle: jahresbericht 2017

Ganser-«Arena» die meist beanstandete Sendung aller Zeiten

Ein wesentlicher Teil der Beanstandungen ging auf das Konto der «Arena»-Redaktion: Die Sendung mit dem Titel «Trumps Krieg gegen die Medien» vom Februar 2017 war für total 495 Eingaben verantwortlich. Insbesondere die Art, wie Moderator Jonas Projer mit dem umstrittenen Publizisten Daniele Ganser umgegangen war, sorgte für Kritik. Wie es im Jahresbericht heisst, gibt es in der Geschichte der Ombudsstelle keine andere Sendung, die so viele Beanstandungen verursachte.

Erstmals regte die internationale Politik am meisten auf

Und noch ein Novum gab es im Berichtsjahr 2017: Erstmals haben Beiträge über internationale Politik-Themen häufiger Anlass zu Kritik gegeben als Beiträge zur Schweizer Politik. Ombudsmann Blum wertet dies als «Ausdruck einer Gespaltenheit der Bevölkerung in ihrer aussenpolitischen Orientierung».

Zur Israel-Berichterstattung von Radio und Fernsehen SRF organisierte Ombudsmann Blum sogar eine Aussprache, an der sich «eine grössere Anzahl von Kritikern» mit SRF-Vertretern austauschen konnte. Blum macht jedoch kein Geheimnis draus, dass der Nutzen des Treffens eher bescheiden war.

Beanstandete Themen nach Sendungen.
Beanstandete Themen nach Sendungen.quelle: jahresbericht 2017

Online-Artikel der SRG geraten häufiger ins Visier

Das Fernsehen ist immer noch das Medium, welches das Blut der Zuschauer am stärksten in Wallung bringt. Zwei Drittel der Beanstandungen richten sich gegen TV-Sendungen, knapp ein Viertel gegen Radiosendungen. Am häufigsten gaben Nachrichten- und Diskussionssendungen wie die «Tagesschau», «10vor10» oder der «Kassensturz» Anlass zu Kritik. Allerdings holt auch der Online-Bereich der SRG kräftig auf: Hatten sich 2016 erst 3,7 Prozent der Beschwerden auf Online-Publikationen bezogen, waren es letztes Jahr schon 12,1 Prozent.

Beschwerden nach Kanälen.
Beschwerden nach Kanälen.quelle: jahresbericht 2017

Die «Rundschau» hat die reinste Weste – «Schweiz aktuell» ist das Sorgenkind

Der Ombudsmann stellt den SRG-Journalisten generell ein gutes Zeugnis aus. In fast 86 Prozent der Fälle kam er zum Schluss, dass die Berichterstattung «sachgerecht, fair, faktentreu und kompetent» war. Alles richtig gemacht haben laut der Ombudsstelle die Redaktionen der «Rundschau» und der Radio-Nachrichten. Alle Beschwerden, die diese Gefässe betrafen, wurden vollständig abgewiesen. Vergleichsweise schlecht ist dagegen die Bilanz der Sendung «Schweiz aktuell»: Jede zweite Beanstandung im Zusammenhang mit der Sendung hat der Ombudsmann ganz oder teilweise unterstützt.

«Rundschau»-Moderator Sandro Brotz (r., im Bild mit Sepp Blatter).
«Rundschau»-Moderator Sandro Brotz (r., im Bild mit Sepp Blatter).Bild: SRF

Ausnahmezustand wegen No Billag

Die Menschen, die letztes Jahr Kritik an Schweizer Radio und Fernsehen übten, brachten ihre Vorwürfe «zunehmend mit der No-Billag-Initiative in Zusammenhang», wie Ombudsmann Blum schreibt. Viele Kritiker hätten mit der Abschaffung der SRG gedroht. 

Häufig sei der Einfluss der Ombudsstelle dabei aber überschätzt worden. «Viele Medien-Nutzerinnen und -Nutzer glauben, die Ombudsstelle könne verbindliche Entscheide fällen und im Extremfall sogar die Entlassung von Journalistinnen und Journalisten verfügen.» Dem sei allerdings nicht so. 

«Die Medienfreiheit ist von entscheidender Bedeutung für die pluralistische und demokratische Gesellschaft, denn am Grad der Medienfreiheit misst sich der Grad der menschlichen Freiheit überhaupt.»

«Viele sind sich nicht bewusst, dass sie der SRG fälschlicherweise unterstellen, ein Staatsmedium zu sein, aber selber insgeheim ein Staatsmedium herbeiwünschen, in dem das Parlament die Radio- und Fernsehsender an die Kandare nimmt und ihnen strengere Vorgaben macht.»

Die Ombudsstelle beschränke sich jedoch darauf, zu beraten, zu vermitteln und aufzuklären. Die Medienfreiheit sei von entscheidender Bedeutung für die pluralistische und demokratische Gesellschaft, gibt Blum den Lesern des Berichts mit auf den Weg, «denn am Grad der Medienfreiheit misst sich der Grad der menschlichen Freiheit überhaupt».

12 sexistische «Perlen» aus dem SRF-Archiv

Video: watson/Lya Saxer

Das Fernsehen der Zukunft: Operation HollyTube

1 / 10
Das Fernsehen der Zukunft: Operation HollyTube
Auf Facebook teilenAuf Twitter teilenWhatsapp sharer
DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
twint icon
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Abonniere unseren Newsletter

72 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Die beliebtesten Kommentare
avatar
Hierundjetzt
22.03.2018 09:30registriert Mai 2015
Das war damals in den Kommentarspalten bei Watson nicht anders. Da knackten „wir“ rasch den 1000 Kommentar.

Komisch, dass ich viele überengagierte Ganseriche seit her nie mehr hier bei watson vernommen habe 🤔

Und selbstverständlich war diese Flut orchestriert. Die Kommentare und Beschwerden stehen in absolut keinem Verhältnis zum Bekantheitsgrad und Relevanz von Ganser
18290
Melden
Zum Kommentar
avatar
Lowend
22.03.2018 09:56registriert Februar 2014
Die fast religiöse Verklärung und das Sektierertum rund um den pseudowissenschaftlich, weil nicht ergebnissoffen arbeitenden Ganser wäre mal ein Thema für Hugo Stamm.
198128
Melden
Zum Kommentar
avatar
Snowy
22.03.2018 10:58registriert April 2016
Man tut Ganser unrecht, wenn man ihn mit der Aluhutfraktion (Chemtrails, Anti-Impfen, New World Order Verschwörungen à la Rothschild/Bilderberger etc) in einen Topf wirft.

Von diesen Strömungen distanziert sich Ganser ausdrücklich.

Seine Bücher über illegale Angriffskriege und verdeckte politische Einflussnahme verdienen es, dass man ihn als Forscher und Redner ernst nimmt.
12166
Melden
Zum Kommentar
72
Netto Null bis 2050 ist in der Schweiz möglich – wenn diese 5 Punkte angegangen werden

Die Schweiz kann das Netto-Null-Ziel bis 2050 erreichen, trotz steigendem Strombedarf. Doch dafür brauche es Anstrengungen in allen Bereichen, von der Verringerung der Nachfrage über eine höhere Effizienz der Geräte bis zum Ersatz der fossilen Energie, schreiben die Akademien der Wissenschaften.

Zur Story