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Moderator Jonas Projer, SVP-Nationalrat Andres Glarner und Politologin Regula Stämpfli. bild: screenshot/srf

Hass im Netz: Ein Wutbürger bringt «Arena»-Moderator Projer ins Schwitzen

Das Netz, einst als Ort zur Verwirklichung von Utopien gedacht, hat sich zu einer Ansammlung von Hasskommentaren entwickelt – so jedenfalls der Eindruck, wenn man sich durch die Kommentarspalten hiesiger Medien und Social-Media-Foren klickt. Was tun gegen den Hass im Netz, fragte diese «Arena». Und wartete mit wenigen Antworten und einem speziellen Gast auf.



Ruedi Lienhart ist ein mutiger Mann. Der Kleinunternehmer, der in seiner Freizeit in Kommentarspalten Sätze postet wie «Drecksarrogantes Tussi», hat sich in die Höhle des Löwen gewagt. In den Leutschenbach, wo in den Augen von Lienhart & Co. normalerweise linksversiffte staatsfinanzierte Journalisten damit beschäftigt sind, die Agenda des progressiven Bundesbern in die Zeitungsspalten zu diktieren.

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Lienharts Kommentar war als Reaktion gedacht auf den Auftritt einer jungen linken Politikerin in einer der letzten «Arena»-Sendungen. Die Social-Media-Redaktion löschte den Post und teilte Lienhart mit, dass er gegen die Netiquette verstossen habe. Lienhart witterte Zensur, beschwerte sich – und nahm schliesslich die Einladung an, sich in der «Arena» vor laufender Kamera zu erklären.

«Es ist die Wahrheit und ausserdem die Sprache der Jungen», rechtfertigt sich Lienhart jetzt. Er verstehe immer noch nicht, wieso sein Kommentar gelöscht worden sei – geschweige denn, wieso er so viel Aufruhr verursacht habe.

Lienhart ist einer von Tausenden. Menschen, die aufmerksam Artikel im Netz lesen, die die Diskussionen in den Kommentarspalten der Medien aufmerksam verfolgen – und die das Gefühl haben, ihre Stimme sei in diesem Land keinen Rappen mehr wert. Ihre Reaktion: Ein wütendes Drauflosschreiben gegen die angeblich skandalösen Zustände in der Schweiz. Nicht selten wird dabei auf den Mann gespielt, bzw. unter die Gürtellinie geschossen.

Im Gegensatz zu Lienhart wagen sich die meisten nicht aus dem Widerschein ihrer Computer und Smartphones. Sie verharren vor dem blauflackernden Bildschirm und lassen sich in ihren Bubbles die eigene Meinung immer und immer wieder bestätigen. So jedenfalls die Einschätzung von Lea Stahel. Die Soziologin an der Universität Zürich warnt vor den verheerenden Folgen der Echokammerisierung. Denn: «Wenn man aus dieser Gruppe rausgeht, ist man sich nicht mehr gewohnt, argumentieren zu müssen.»

Eine Sicht, die Irina Studhalter stützt. Für die Co-Präsidentin der Jungen Grünen Luzern ist Hate Speech die letzte Waffe derer, die das Gefühl haben, nicht ernst genommen zu werden. Studhalter geht in ihrer Analyse noch weiter als Stahel: «Wir haben ein Demokratiedefizit», konstatiert sie. Studhalter ist ein gebranntes Kind. Eine, die den Hass schon am eigenen Leib gespürt hat. Mit einem Tweet nach den Anschlägen in Brüssel hat sie sich einen veritablen Shitstorm eingehandelt. Seither engagiert sich Studhalter mit dem Verein Netzcourage gegen Hass im Internet. 

Für Studhalter hat sich der Mensch noch nicht an das Phänomen Internet gewöhnt. Dass am anderen Ende der Glasfaserleitung ein Mensch sitzt und nicht ein Algorithmus, das müsse man noch lernen, gibt Studhalter zu bedenken. 

Natürlich darf in einer «Arena» über den verlorenen Respekt im Netz Andreas Glarner nicht fehlen. Der Aargauer Nationalrat und Dorfkönig von Oberwil-Lieli ist der SVP-Tätschmeister auf Facebook. Rechtsstreits, Skandale und Anfeindungen können Glarner nicht davon abhalten, in regelmässigem Abstand Artikel auf Facebook zu posten. Meistens garniert mit einem trockenen und provokanten Spruch. Genau das fordert Glarner auch von seinen politischen Kontrahenten: Dass sie Sprüche auch mal aushalten können. 

Wenn die Welt kein Ponyhof ist, wieso soll dann das Internet einer sein? 

Anderseits: Wenn man es schafft, auf der Strasse miteinander respektvoll umzugehen, wieso sollte das nicht auch im virtuellen Raum funktionieren?

Ist man machtlos angesichts der Flut an Hasskommentaren im Netz? Nein, glaubt die Berner FDP-Nationalrätin Christa Markwalder und schiebt den Medien ein Stück weit den schwarzen Peter zu: «Reisserische Artikel werden eher gelesen und kommentiert», das hätten vor allem auch die neuen Medien erkannt. 

In diesem Punkt wird die Ex-Nationalratspräsidentin von der streitbaren Politologin Regula Stämpfli sekundiert. Für Stämpfli ist es ein Unding, dass die Medien jeden Hasstweet und jeden niveaulosen Facebook-Post weiterverbreiten. Auch Moderator Jonas Projer bleibt von Stämpflis Furor nicht verschont. Das Framing werde unterschätzt, so die Politologin. Von jedem Tweet, von jedem Facebook-Post, der eingeblendet wird, bleibe etwas hängen. 

Ob Glarner schon einmal von Framing gehört hat, sei dahingestellt. Tatsache ist, dass er sich bestens mit seiner Wirkung auskennt. Man könnte das, was der Aargauer Nationalrat auf Facebook macht, in Anlehnung an den SVP-Übervater Blocher, das Glarner-Prinzip nennen. Ein Prinzip, mit dem die Netzaktivistin Studhalter ihre liebe Not hat. «Mir läuft es kalt den Rücken herab, wenn ich an Ihr System denke. Sie posten etwas, geben damit die Stossrichtung gegen ihre politischen Gegner vor, deuten aber nur an, sodass Sie selber nicht strafrechtlich belangt werden können. Ihre Lemminge, ihre Untertanen, machen dann die Drecksarbeit für Sie», schleuderte sie dem SVP-Nationalrat an den Kopf.

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In den Augen Studhalters ist Wutschreiber Lienhart wohl auch einer der «Lemminge». Auf Projers Frage, wieso er, Lienhart, in einem Post von Landesverrätern geschrieben habe, verweist der Kleinunternehmer auf die SVP. Tatsächlich machen Exponenten der grössten Schweizer Partei gerne von dem Ausdruck Gebrauch. 

Projer konfrontierte Glarner daraufhin mit dem Vorwurf, die SVP schaukle die Wut in der Bevölkerung bewusst hoch – um anschliessend politisches Kapital daraus zu schlagen. Die Kritik prallte an Glarner ab. Man könne natürlich schönere Wörter als Landesverräter dafür finden, so Glarner, aber es sei nun einmal Tatsache, dass die Parteien links der SVP mit der Umsetzung der MEI Verfassungsbruch betrieben hätten.

Eines muss man Glarner lassen. Er schafft es immer wieder, neue, überraschende, absurde Perspektiven auf bekannte Ereignisse zu werfen. Die PR-wirksame BH-Verbrennung der Juso-Frauen zum Beispiel, eine der meistdiskutierten Polit-Aktionen in den letzten Wochen. In einem Post fragte Glarner sich damals, ob möglicherweise der Straftatbestand der Schreckung der Bevölkerung erfüllt sei. Seine Facebook-Freunde waren hellauf begeistert von Glarner – und fluteten die Kommentarspalten mit dümmlichen und abschätzigen Bemerkungen über die Urheber der Aktion.

Viel wurde in dieser Arena über den Hass diskutiert. Konstruktive Vorschläge, wie man ihm begegnen könnte, waren die Ausnahme. Die Motion von Ständerat Christian Levrat etwa wurde erwähnt, die Facebook und andere ausländische Social-Media-Unternehmen dazu verpflichten will, mit den Nutzerdaten herauszurücken. Für Rechtsanwalt Martin Steiger, der als Experte eingeladen war, eine «gefährliche» Vorlage. Steiger vergleicht die sozialen Medien lieber mit der Wohnung in der realen Welt. «Auf Facebook hat der Inhaber einer Profilseite ein virtuelles Hausrecht.» Es sei jedem selber überlassen, wie und in welchem Stil die Diskussionen auf seinem Profil geführt werden.

Stahel wiederum plädiert für eine Art Zivilcourage im Netz. Man wisse aus der Forschung, so die Soziologin, dass die Untätigkeit von Zuschauern, also den Kommentarlesern, die Täter, also die Wutschreiber, befeuere. Die Bystanders, die unbeteiligten Zuschauer, müssten aktiv und kritisch in Diskussionen eingreifen – so könne dem Hass im Netz vielleicht Einhalt geboten werden.

Neben Wutschreiber Lienhart hockt Anti-Aggressionstrainer Patrik Müller. Ein vierschrötiger Mann Ende 30, der aussieht, als hätte er schon die eine oder andere Kneipenschlägerei erfolgreich hinter sich gebracht. Und Müller wartet mit dem überraschendsten Vorschlag des Abends auf. «Löscht doch einfach eure Facebook-Profile, wenn ihr seht, dass es nicht mehr geht.» 

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Das wäre eine Möglichkeit. Es käme aber einer Kapitulation gleich. Und man müsste wahrscheinlich auf so herrlich kuriose Statements wie dieses von Glarner verzichten, der noch einmal die Gelegenheit nutzt, die BH-Verbrennungs-Aktion zu geisseln – Bühne frei für Neo-Standup-Comedian Glarner:

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