Schweiz
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Sterbehilfe im «Tatort»: «Warum seid ihr in diese Scheiss-Schweiz gefahren?»



Ein Zimmer wird vorbereitet, ein Glas bereitgestellt, eine Kerze angezündet. Eine Freitod-Erklärung wird parat gelegt, die eine ältere Frau schliesslich mit zittrigen Händen unterschreibt, bevor sie eine Giftmischung trinkt. «Mir ist nicht kalt, Kind», sagt die Deutsche, als die Tochter sie zudecken will. Dann stirbt die Frau, während die Kamera den ganzen Vorgang aufzeichnet.

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Gisela Aichinger kam zum Sterben in die Schweiz. Ihre Tochter nimmt Abschied. Im Hintergrund: Helen Mathys.

Willkommen beim «Tatort: Freitod» aus Luzern, der diesmal die Sterbehilfe zum Thema macht. Es ist aber nicht der geplante Tod der alten Dame, der die Kommissare Liz Ritschard (Delia Mayer) und Reto Flückiger (Stefan Gubser) auf den Plan ruft, sondern der von Helen Mathys, deren Organisation «Transitus» die Begleitung Todkranker durchführt.

Der Mord kann sich sehen lassen

Die Gruppe hat nicht nur Freunde. Der Verein «Pro Vita» lehnt ihre Arbeit ab. Seine Mitglieder machen auch eine Mahnwache, als die Bestatter die Deutsche aus dem abgerockten Luzerner Hochhaus holen. Als die Tochter im Taxi dem Leichenwagen folgen will, springt ein Clochard vor das Auto. «Du hast die umgebracht», brüllt er die Tochter an. «Ich hab's erst heute Nacht erfahren. Ihr werdet büssen!»

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Martin Aichinger nimmt Helen Mathys ins Gebet. Jonas Sauber will ihr helfen.

Kurz darauf wird die Mathys auf einem Spielplatz erschlagen. Obwohl wir Zuschauer davon wenig sehen, ist die Szene gruselig und herausragend gefilmt, wenn das Opfer erst niedergeschlagen und dann mit einem Plastiksack erstickt wird.

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Helen Mathys wird erstickt.

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Dein Urteil zur Mordszene? (Nach Schweizer Schulnoten, also 6 = Sehr gut bis 1 = ungenügend)

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Team Transitus. Dr. Hermann (links), Nadine Camenisch und Jonas Sauber.

Ritschard und Flückigers Arbeit beginnt. Sie besuchen Doktor Hermann, den Chef von «Transitus», auf dessen Boot unlängst ein Brandanschlag verübt worden war. «Helen hat ‹Tranistus› mit aufgebaut. Vor einem halben Jahr hat sie ihren Partner verloren», erzählt der.

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Trailer des Krimis. Video: YouTube/Tatort

Achtung, ab hier Spoiler

Natürlich gerät der aggressive Clochard zuerst in den Fokus der Ermittler, doch Tatort-Profis wissen, dass der erste und offensichtlichste Verdächtige nie der Täter ist. Der Sohn der Deutschen, die zum Sterben in die Schweiz gekommen war, verkraftet den Tod seiner Mutter nicht.

Martin Aichinger, der unter einer bipolaren Störung leidet, will die Mitglieder von Transitus zur Rechenschaft ziehen. «Warum seid ihr in diese Scheiss-Schweiz gefahren?», herrscht er seine Schwester im Hotel an, bevor der untertaucht. Josef Thommen von Pro Vita ist dagegen sehr präsent: Aalglatt vergiesst der Mann ob des Mordes Krokodilstränen, bevor er sagt: «Dr. Hermann lebt von ‹Transitus›. Der Tod ist sein Geschäft.»

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Herrlich eklig: «Pro Vita»-Chef Thommen.

Thommen steckt den Ermittlern, dass die Mathys Hermann für Milan König verlassen hat, der jedoch an einer Hirnblutung im Spital gestorben ist. Der «Pro Vita»-Chef ist ein Ekel, was daran liegt, dass Schauspieler Martin Rapold die Rolle grossartig spielt. Aber wer besonders unsympathisch ist, ist in der «Tatort»-Regel ebenfalls nicht der Mörder.

Umfrage

Benote bitte Martin Rapolds Arbeit!

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Noch eine grosse Szene: Disput zwischen «Pro Vita»-Chef und dem Todkranken

Derweil bereiten die Transitus-Mitarbeiter Nadine Camenisch und Jonas Sauber die nächste Sterbebegleitung vor. «Ich spüre immer wieder die positive Energie bei den Menschen, die zum Sterben herkommen», sagt Nadine. «Ich glaube, weil sie selbstbestimmt gehen können», antwortet Jonas. Nadine bricht in Tränen aus: «Helen ... Sie wollte noch nicht gehen. Sie ist noch so voller Leben gewesen.» 

Doch aus der Sterbebegleitung für einen krebskranken Österreicher wird nichts: Es gab einen Anschlag auf die «Transitus»-Wohnung. Der Todgeweihte ist fassungslos – und muss sich auch noch mit dem «Pro Vita»-Chef auseinandersetzen.

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Der todkranke Österreicher.

Thommen: «Ich glaube, sie wollen gar nicht sterben. Sie wollen nur nicht mehr leiden. Dieser Mann hier will einfach nur Geld von ihnen, das ist alles.»
Der Todkranke: «Wollen Sie mir das Sterben verbieten?»
Thommen: «Gott allein entscheidet.»
Der Todkranke: «Gott hat entschieden, mir Krebs zu geben? Mich wieder in die Windeln scheissen zu lassen?»

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Wie fandst du die Disput-Szene?

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Sterbehilfe nein, abtreiben ja

Langsam kommt Bewegung in die Ermittlungen. Ritschard und Flückiger finden heraus, dass der schwer nierenkranke Nachbar der «Transitus»-Wohnung Dreck am Stecken hat. «Ja, ich habe das verdammte Boot abgefackelt», gesteht er den Anschlag auf Dr. Hermanns Yacht. «Ich gehe dreimal in der Woche zur Dialyse, und die finden das gut, irgendwelche Leute zu vergiften.»

Und der gestörte deutsche Clochard? Bricht erst bei Dr. Hermann und «Transitus»-Frau Nadine ein, bevor er im Krematorium verhaftet wird. Eine Durchsuchung bei «Pro Vita»-Boss Thommen bringt ans Licht, dass der Familienvater seine Sekretärin geschwängert hat. Der zweifache Vater wollte, dass diese abtreibt – man kann ja quasi nicht jedes Leben schützen.

«Sandra, ich habe lang viel Verständnis gehabt für Ihre Emotionalität, aber das muss jetzt aufhören.»

Ekel Thommen zu Sekretärin Sandra, die von ihm schwanger ist

Der Täter kann Thommen wegen seines Alibis aber nicht sein. Der Kreis der Verdächtigen wird immer kleiner, als die Kommissare herausfinden, dass das Opfer eine Krankenschwester treffen wollte, deren Leiche aufgefunden wird. Offenbar wollte die Frau der Mathys Informationen zum Tod ihres Partner Milan König geben.

Da fragt sich ein Kommissar natürlich: «Wer hat Dienst gehabt, als Milan König gestorben ist?» Es war Nadine Camenisch, die auch dann auf Station war, als weitere Patienten an einem «Plötzlichen Herztod» gestorben sind. Camenisch hat derweil gerade ihren Kollegen Jonas vernascht, der dann über Beweise gegen Nadine stolpert.

Nadine: «Jonas, es sind nicht alle Menschen so vernünftig und kommen zu Transitus, wenn sie unheilbar krank sind ... Ich muss ihnen helfen! [...] Jonas, ich schliesse ihnen die Augen. Verstehst du das nicht?»
Jonas: «Du bist nicht Gott»
Nadine: «Aber Gott ist in mir.» 

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Jonas weiss zu viel.

Jonas muss dran glauben, bevor die Kommissare eintreffen. «Wir sind zu spät. Vielleicht nur ein paar Minuten.» Nadine ist in die «Transitus»-Wohnung gefahren, schluckt dort vor der Handykamera Gift. «Herr Flückiger, Sie kommen zu spät. Sie rennen und rennen und kommen immer zu spät.»

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Nadine ist ein Todesengel.

Blöd nur, dass der Nachbar das Gift durch Wasser ersetzt hat. «Wie lange braucht das Mittel, bis es wirkt?», fragt Flückiger und klärt dann auf: «Sie haben Wasser getrunken.» Camenisch ist ausser sich. «Ich bringe sie um», faucht sie psychopathisch, bevor sie verhaftet wird.

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Dein Gesamturteil zu «Freitod»?

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Fazit

Viele lästern über das Luzerner Tatort-Team, doch die letzten vier Filme aus der Schweiz waren gut inszeniert. «Freitod» knüpft daran an – dank der Schauspieler, die den Bösen ein markantes Profil geben. Ob Sterbehilfe nun legitim ist, kann ein Krimi nicht beantworten. Es gelingt dem Film aber, einen Einblick in das Dilemma zu geben, das mit dem Thema verknüpft ist.

Meine Note: 5

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Hier noch ein Interview eines katholischen Mediendienzentrums Mit Stefan Gubser und Regisseurin Sabine Boss über den Dreh.

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Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
13Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Saraina 19.09.2016 14:24
    Highlight Highlight Luzern ist eigentlich gar nicht so ein hässliches Loch. Und nicht jeder, der dort wohnt ist drogenabhängig, irr, sterbenskrank oder sonstwie geplagt.
  • teha drey 19.09.2016 11:57
    Highlight Highlight Ich erhebe den Autor dieser Betrachtung, Philipp Dahm, in den Level "Champions League" der TV-Kritiker. Anstatt die eigene Meinung als Rundumschlag zu texten (gnaz übel: "Dieser Tatort ist langweilig -BaZ vom 19.9.) nimmt er sich die Zeit und porträtiert das grossartige Handwerk des gestrigen Tatorts. So sollte man TV und Tatort schauen und geniessen! Ich persönlich fand es auch nicht ein Erst-Klass-Tatort. Aber mit der Beurteilung der beschriebenen Szenen bin ich komplett einverstanden.
  • MacB 19.09.2016 09:45
    Highlight Highlight Ich mag Stefan Gubser als Schauspieler aber in den Tatorten ist er dermassen unsympathisch.

    Viele Tatortkommissare sind eigen und kantig, jedoch hat jeder etwas liebenswertes an sich, etwas positives. Der Schweizer Kommissar ist aber schlicht nur unsympathisch.
  • herschweizer 19.09.2016 06:26
    Highlight Highlight Overacten scheint zum Inventar Schweizer Schaupiels zu sein...
  • JasCar 18.09.2016 22:25
    Highlight Highlight Und ich möchte nur die Resultate sehen...
    Wäre toll, wenn ihr das bei den Umfragen noch ändern könntet, danke.
  • Der Belehrende 18.09.2016 22:15
    Highlight Highlight @watson Gemäss Schweizer Notengebung ist bereits alles ab 4 abwärts ungenügend😉
  • Calvin Whatison 18.09.2016 22:04
    Highlight Highlight ... und es gab schon schlechtere. auch aus der Schweiz.
  • DonPedro 18.09.2016 22:03
    Highlight Highlight Es ist äusserst heikel, das Thema Freitod in einen Krimi hineinzuweben.
    Die Ernsthaftigkeit der Thematik kommt zu kurz, da die Tatortspannung bis am Schluss durchgehalten oder noch verstärkt werden muss.
    Letzteres ist gelungen, ersteres zu wenig
    • schoggifresser@gmail.com 19.09.2016 09:22
      Highlight Highlight Don Pedro
      Im Prinzip hast du recht!!
      Wie soll denn dieses Thema aufgegriffen werden?
      Denke mal, durch den 'Tatort" wird mindestens für einige Tage mehr darüber Diskutiert, als wenn nach 22.00 in der 'Arena" 2 Stunden um 'nichts" Geplappert würde!!
      Im übrigen gab es in der Schweiz auch ein Fall, vom 'Todespfleger Luzern" der 22 Menschen getötet hat......(Mitleid?)
      TOD UND SEX, ist leider gleichermaßen Tabu!!!
      Der Tod wird verdrängt, über Sex wird gelästert und gelogen, was d
  • Miikee 18.09.2016 21:56
    Highlight Highlight Tatort = Breaking News Push? Echt jetzt?
    • Barracuda 19.09.2016 01:50
      Highlight Highlight Warum rumjammern, wenn man sich freiwillig per Push zuspamen lässt, und dann noch von einem Online-Portal, das vorwiegend auf Soft-News setzt?
  • Martinov 18.09.2016 21:55
    Highlight Highlight Zuerst Sex haben & ihn danach töten? Das fand ich etwas crazy 🙄
    • Gulasch 19.09.2016 06:17
      Highlight Highlight Eine schwarze Witwe oder eher Gottesanbeterin!

Interview

Gedreht in einem Take – Regisseur Levy über den Schweizer «Tatort» ohne Schönheits-OP

Am 5. August geht die «Tatort»-Saison wieder los. Ausgerechnet mit Luzern. So spektakulär hätten wir Flückiger und Ritschard gern immer gesehen, nicht erst in einem ihrer letzten Fälle.

Es gibt alte Verbrechen und junge Tote. Glitzer, Liebeswirren, schöne Frauen, klassische Musik und Gift, viel Gift. Und alles in Echtzeit, innerhalb von 90 Minuten, an genau einem Ort, von genau einer Kamera gefilmt. Die erste «Tatort»-Folge der neuen Saison heisst «Die Musik stirbt zuletzt». Gedreht wurde sie im Kultur- und Kongresszentrum Luzern (KKL). Ein irres Experiment, ein Adrenalin-Akt für die Schauspielerinnen, Schauspieler und 1200 Statisten, ein Triumph für Kamera und Regie, …

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