DE | FR
Schweiz
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Arbeitnehmerin Büro Computer müde erschöpft Symbolbild

Den Chef nach mehr Lohn fragen, ist noch lange keine Zumutung. Denn von alleine kommt der Vorgesetzte kaum drauf.  Bild: Shutterstock

Interview

«Von nichts kommt nichts»: Eine Headhunterin sagt, warum Frauen besser verhandeln müssen

Frauen verdienen im Schnitt 7,4 Prozent weniger als Männer. Headhunterin Ute Barnickel arbeitet täglich mit Frauen zusammen und weiss, welche Fehler bei Lohnverhandlungen am häufigsten gemacht werden – und wie man diese umgehen kann. 



Laut Bundesamt für Statistik verdienen Frauen im Durchschnitt rund 600 Franken weniger pro Monat als Männer. Und dieser Unterschied lässt sich nicht erklären. Weder durch Faktoren wie Berufserfahrung noch Ausbildung. 

Ist dieser Unterschied nur auf die Unternehmen zurückzuführen? Oder liegt es auch am Verhandlungs(un)geschick der Frauen? Wir haben bei einer Headhunterin nachgefragt. Und diese hat mit uns Tacheles geredet. 

Frau Barnickel, wann haben Sie das letzte Mal eine Lohnerhöhung erhalten?
Ute Barnickel: Ehrlich gesagt musste ich mir im letzten Jahr erst einmal den Lohn kürzen, als ich mich selbständig gemacht habe (schmunzelt).

«Frauen begeben sich häufiger in die Rolle des Bittstellers.»

Ute Barnickel

Sie rekrutieren Executive Assistants für CEOs. Sind Assistenzstellen noch immer eine Frauendomäne?
Ja, das ist tatsächlich so – bei jeder neuen Ausschreibung sind maximal drei bis vier männliche Bewerber dabei. Wobei das ja nicht immer so war. Bis  Mitte des 19. Jahrhunderts wurde der Beruf Sekretär fast ausschliesslich durch Männer wahrgenommen. Ungefähr in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und in 50ern kam das Bild der typischen Vorzimmerdame auf, ‹die tippt und den Kaffee serviert›.

Bild

Ute Barnickel ist Firmeninhaberin von Barnickel & Fellows. Das Unternehmen ist spezialisiert auf die Vermittlung von Assistenzpositionen für CEO’s, Geschäftsleitung und Verwaltungsräte in Grosskonzernen, KMUs und Family Offices. bild: zvg

Und heute? Vermitteln Sie auch Männer?
Ja, und die Zahl dürfte von mir aus gerne noch zunehmen. Aber dennoch überwiegt der Anteil der Frauen, die ich rekrutiere, bei weitem. Unsere Klienten sagen das zwar nicht ganz offen, aber ich kann bestätigen, dass primär Frauen eingestellt werden. Doch mit dem Wandel des Berufsbilds stelle ich durchaus eine Veränderung fest. Innerhalb der letzten 12 Monate haben wir drei männliche Assistenten vermitteln können.

Und wie viele Ihrer Kunden sind weibliche CEOs? 
Hmm (denkt nach). Das waren zwei innerhalb der letzten 5 Jahre.

Bild

«Wer besser verhandelt und sich besser verkauft, erhält mehr Lohn», sagt Headhunterin Ute Barnickel.  bild: shutterstock

Würden Frauenquoten in Firmen dieses Problem lösen?
Da bin ich zwiegespalten. Die Wirtschaft kann es sich nicht leisten, auf das Potenzial gut ausgebildeter Frauen zu verzichten. Eine befristete Quote wäre vielleicht ein Weg. Auf der anderen Seite bin ich aber auch der Meinung, dass die Person mit den entsprechenden Leistungsnachweisen und Qualifikationen eingestellt werden soll. Die Diskussion um die Frauenquote hat bereits einige Fortschritte gebracht. Klienten verlangen heute vom Headhunter mindestens so viele Männer wie Frauen zur Auswahl. Das war vor zehn Jahren noch ganz anders.

Das löst aber das Problem des unerklärten Lohnunterschieds zwischen Mann und Frau nicht. 
Nein, das tut es nicht. Und jetzt spreche ich für das von mir betreute Segment der Executive Assistants. Es ist tatsächlich so, dass Frauen noch immer weniger verdienen. Das liegt aber auch daran, dass der Lohn zum Teil willkürlich bestimmt wird und nicht immer klaren Richtlinien folgt. Nicht zu vergessen die Tatsache, dass es nicht selten zur Vergabe von «Sympathie-Boni» kommt. Wer besser verhandelt und sich besser verkauft, erhält mehr Lohn. Ich bin der festen Überzeugung, dass es generell mehr Lohntransparenz braucht. Diese ganze Geheimniskrämerei um das Gehalt muss verschwinden. Firmen sollen offener kommunizieren, was sie für welche Leistungen und Qualifikationen anbieten können.

«Frauen machen sich viel mehr Gedanken darüber, ob man den Vorgesetzen mit seinen Forderungen womöglich vor den Kopf stösst. Das schwächt die Verhandlung.»

Ute Barnickel

Verhandeln Frauen schlechter als Männer?
Sagen wir es so: Sie begeben sich häufiger in die Rolle des Bittstellers und lassen die Emotionalität nicht aussen vor. Was ich zu hören bekomme ist: ‹Ach, heute kann ich nicht mit meinem Chef reden, ich warte lieber, bis er wieder besser gelaunt ist.› Das darf man nie denken, damit hat man bereits verloren.

Warum?
Weil man so die ganze Verhandlung ins Emotionale zieht. Und das ist in der Tendenz schon eher bei Frauen der Fall. Natürlich gibt es solche, die können das hervorragend. Aber Vielen steht der emotionale Aspekt im Weg. Frauen machen sich viel mehr Gedanken darüber, wie der oder die Vorgesetzte auf die Forderungen reagiert oder ob man ihn mit seinen Forderungen womöglich vor den Kopf stösst. Das schwächt die Verhandlung.

Was müssen denn Frauen konkret tun, um eine erfolgreiche Lohnverhandlung zu haben?
Perfekte Vorbereitung ist das A und O. Niemals mit blankem Papier in ein Verhandlungsgespräch gehen. Man muss sich im Vorfeld genaue Gedanken darüber machen, was man geleistet hat. Und stets mit Hard Facts verhandeln. Dinge wie ‹ich schlichte immer die Streits im Büro› oder ‹ich bin erste Anlaufstelle für Probleme› würde ich nicht ins Feld führen. Damit begibt man sich gleich wieder auf eine emotionale Schiene.

Das klingt vielleicht einfach in der Theorie ...
Natürlich ist das nicht immer einfach. Aber von nichts kommt nichts. Oder wie man in Deutschland sagt: ‹Klappern gehört zum Handwerk!› Viele – und das ist wiederum eher ein Frauending – warten darauf, dass die eigenen Leistungen anerkannt werden. Sie sitzen im stillen Kämmerlein und harren aus mit der Hoffnung, dass der Chef endlich die verdienten Lorbeeren verteilt. Doch das passiert selten. Man muss einfach selber aktiv werden. Immer im Hinterkopf behalten: Fragen ist keine Zumutung für den Chef!

Glauben Sie, dass das Verhandlungsgeschick, vor allem bei Frauen, auch eine Generationenfrage ist?
Dem stimme ich zu. Ich erlebe viele junge Frauen, die mutiger sind als die ältere Generation. Sie sind weniger scheu, Dinge einzufordern. Sie agieren angstfreier, sind globaler vernetzt und selbstbewusster. Eine positive Entwicklung.

Was kann man sonst noch tun, um als Frau dem Lohnunterschied aktiv entgegen zu wirken?
Immer wieder mal den eigenen Marktwert testen. Heisst konkret: Den Arbeitsmarkt beobachten und sich ruhig auch mal auf eine Stelle bewerben, um zu schauen, was andere bieten und wie ‹begehrt› man auf dem Markt eigentlich ist. Ganz wichtig ist: Ehrlich mit sich selbst sein. Man muss sich über seine Stärken und Schwächen stets bewusst sein. Man muss wissen, was man kann und ob man auch bereit ist, das zu leisten, was gefordert wird.

Unser Lohnpolizist Michi (13) fragt nach

Video: watson

Das könnte dich auch interessieren:

4 Gründe, weshalb die Corona-Zahlen des BAG wenig mit der Realität zu tun haben

Link zum Artikel

Wie ich nach 3 Stunden Möbelhaus von Wolke 7 plumpste

Link zum Artikel

So lief Tag 1 nach Bekanntgabe der «ausserordentliche Lage» für die Schweiz

Link zum Artikel

Die Schweiz befindet sich im Notstand – die 18 wichtigsten Antworten zur neuen Lage

Link zum Artikel

Corona International: EU beschliesst Einreisestopp ++ Italien mit 345 neuen Todesopfern

Link zum Artikel

Dieser Februar war trotz Eistagen zu warm

Link zum Artikel

Die Fallzahlen steigen wieder leicht an – so sieht's in deinem Kanton aus

Link zum Artikel

Das iPad kriegt Radar? Darum ist der Lidar-Sensor eine kleine Revolution

Link zum Artikel

Der Mann, der es wagt, Trump zu widersprechen

Link zum Artikel

Lasst meinen Sex in Ruhe, ihr Ehe- und Kartoffel-Fanatiker!

Link zum Artikel

Wie ansteckend sind Kinder wirklich? Was die Wissenschaft bis jetzt dazu weiss

Link zum Artikel

Ein Virus beendet Jonas Hillers Karriere: «Es gäbe noch viel schlimmere Szenarien»

Link zum Artikel

Magic Johnson vs. Larry Bird – ein College-Final als Beginn einer grossen Sportrivalität

Link zum Artikel
Alle Artikel anzeigen
DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Interview

Swiss-Piloten kritisieren ihre Airline – und hoffen auf einen Deal

Kilian Kraus, Präsident des Cockpit-Personalverbands, warnt vor einer Ungleichbehandlung des Standorts Schweiz durch den Lufthansa-Konzern. Er spricht über einen Deal, der die Swiss unter Druck bringt, über geimpfte Crew-Mitglieder – und Cockpit-Klischees.

Kilian Kraus ist seit knapp 20 Jahren Airline-Pilot und steht seit 2018 dem Aeropers-Verband als Präsident vor, der rund 1500 Swiss- und Edelweiss-Piloten vertritt. Er versucht, seine Mitglieder durch die schwierigste Krise der Luftfahrtgeschichte zu führen. Doch vor wenigen Tagen kam es zum Eklat. Die Swiss kündigte den Gesamtarbeitsvertrag per 2022, da man sich über Corona-Sparmassnahmen nicht einigen konnte. Gleichzeitig steht die europäische Aviatik praktisch still.

Wie oft fliegen Sie …

Artikel lesen
Link zum Artikel