Mit Donald Trump kommt eine tickende Zeitbombe ans WEF
Kommt er? Oder kommt er nicht? Nach dem Militäreinsatz in Venezuela stand Donald Trumps Teilnahme am Jahrestreffen des World Economic Forum (WEF) in Davos offenbar auf der Kippe. Nun wird er wohl anreisen und Mittwoch sowie Donnerstag in der Alpenstadt in Graubünden verbringen, mit einer ansehnlichen Delegation im Schlepptau.
Nur schon die Aussicht auf eine persönliche Begegnung mit Trump scheint wie ein Magnet zu wirken. In Davos wird eine Rekordzahl von 400 Spitzenpolitikern erwartet, teilte WEF-Chef Børge Brende letzte Woche mit. Für die Organisatoren muss dies am ersten Forum nach dem Rauswurf von Gründer Klaus Schwab eine besondere Genugtuung sein.
André Hoffmann, Co-Präsident des WEF und Roche-Erbe, praktizierte im Gespräch mit der SRF-«Samstagsrundschau» den verbalen Kniefall. Letztes Jahr hatte er Donald Trump kurz vor dessen zweitem Amtsantritt als «alten, korrupten Mann» bezeichnet. Nun werde er ihn willkommen heissen, räumte er wenn auch zögerlich ein: «Ich werde ihn begrüssen.»
Anders als 2018 und 2020
Das überrascht nicht weiter. Das WEF hat sich stets als wendig erwiesen und für zweifelhafte Figuren den roten Teppich zum Davoser Kongresszentrum ausgerollt. Chinas Staatschef Xi Jinping wurde geradezu bejubelt, als er 2017 kurz nach Trumps erster Vereidigung ein Plädoyer für den Freihandel hielt – nach Pekings Regeln wohlgemerkt.
Nun gehört die Bühne wieder Donald Trump, und das zum dritten Mal. In seiner ersten Amtszeit war er 2018 und 2020 nach Davos gereist. Dieses Mal aber ist einiges anders. Trump 2.0 hat nicht mehr viel gemeinsam mit dem damaligen Präsidenten. Er ist eine tickende Zeitbombe, und das nicht nur wegen der jüngsten Zoll-Eskalation um Grönland.
Wirr und hasserfüllt
Bei seinen ersten Besuchen verhielt sich Trump auf dem Podium einigermassen staatsmännisch. In letzter Zeit aber wurden seine Reden immer wirrer und hasserfüllter, was ernsthafte Zweifel an seinen kognitiven Fähigkeiten aufkommen liess. Wie wird er sich in Davos aufführen? Hält er sich an den Teleprompter, oder fällt er komplett aus der Rolle?
Ein weiterer Risikofaktor ist Trumps Imperialismus. So interessiert ihn an Venezuela nur das Öl und nicht das Schicksal der Menschen. Gleiches gilt für Iran, wo er die Aufständischen mit leeren Versprechungen abgefertigt hat. Und es ist seine erste Europareise, seit er die Eroberungs-Drohungen gegenüber Dänemark und Grönland verschärft hat.
Der Anti-«Davos Man»
Darin steckt enormes Konfliktpotenzial. Eine Eskalation am WEF ist denkbar, zumal Trump von Scharfmacher Stephen Miller begleitet wird. Aussenminister Marco Rubio und der Sondergesandte Steve Witkoff sind ebenfalls dabei, doch auch in Sachen Ukraine sind keine Fortschritte zu erwarten, obwohl Wolodymyr Selenskyj in Davos weilt.
Das grösste Risiko von Trumps Besuch aber betrifft die DNA des WEF. Es ist, wie es der Name sagt, in erster Linie ein Wirtschaftstreffen. Lange galt es als Hochamt der Globalisierung. Der «Davos Man», ein vom US-Politologen Samuel Huntington geprägter Begriff, war Synonym für eine globalisierte Führungselite mit wenig Verständnis für nationale Befindlichkeiten.
«America First» über alles
Unter Trump 2.0 aber geht «America First» auch ökonomisch über alles. Seine Zollpolitik ist nur das offensichtlichste Symptom. Für den US-Präsidenten hat es der Rest der Welt – vor allem China und die EU, aber auch die Schweiz mit ihrem Handelsbilanzüberschuss – nur darauf abgesehen, Amerika «auszunehmen» und über den Tisch zu ziehen.
Mit allen Mitteln will Trump den übrigen Ländern seinen Willen aufzwingen, und das nicht ohne Erfolg, wie die «Pilgerfahrt» von Schweizer Wirtschaftsführern ins Weisse Haus gezeigt hat. Auch im Inland geht er rücksichtslos vor, etwa gegen Notenbank-Chef Jerome Powell, was dessen Amtskollegen zu einer beispiellosen Solidaritätsbekundung bewogen hat.
Der «Kanonenboot-Kapitalist»
Damit nicht genug: Auch die Realwirtschaft ist von massiven Eingriffen betroffen. Faktisch verlangt Donald Trump von den Unternehmen, dass sie sich dem Staat und damit ihm unterordnen. Sein Vorgehen hat eine populistische bis planwirtschaftliche Dimension. Der «Economist» verwendet in der aktuellen Ausgabe den Begriff «Kanonenboot-Kapitalismus».
So will Trump die US-Ölkonzerne zwingen, in Venezuela zu investieren. Wer wie der CEO von ExxonMobil daran zweifelt, bekommt seinen Zorn zu spüren. Er will Rüstungsfirmen Dividenden und Aktienrückkäufe untersagen und kritisiert ihre Managerlöhne, was ihm eigentlich die Ehrenmitgliedschaft bei der Schweizer Juso einbringen sollte.
Deckel für Kreditkarten-Zinsen
Letzte Woche machte Trump zudem seine Ankündigung wahr und verhängte einen Zoll von 25 Prozent auf den Export von Hochleistungs-Computerchips vor allem nach China. Betroffen sind die US-Hersteller Nvidia, das wertvollste börsenkotierte Unternehmen der Welt, und AMD. Den strauchelnden Konkurrenten Intel hat er teilweise verstaatlicht.
Trump scheint auch realisiert zu haben, dass die Kaufkraft-Krise kein «Schwindel» der Demokraten ist, sondern eine reale Sorge vieler Landsleute. Er hat Massnahmen auf dem Immobilien- und Hypothekenmarkt angekündigt, mit denen er Zohran Mamdani links überholt. Und er will die Zinsen für Kreditkartenschulden bei zehn Prozent «plafonieren».
Absage an Globalisierung
Das ist etwa halb so hoch wie der heutige Durchschnittswert und sorgt für Unmut bei den Banken und Kreditgebern. Kritiker warnen vor kontraproduktiven Folgen. Menschen mit geringen Einkommen könnten keine Kreditkarte mehr bekommen, und ohne die ist man in den USA ein Nobody. Bislang scheint dies Trump nicht zu kümmern.
Es bleibt vorerst unklar, was umgesetzt wird, doch Trump stösst selbst seine Unterstützer aus der Wirtschaft vor den Kopf. Als «Kanonenboot-Kapitalist» werde er die Welt ärmer und unsicherer machen, kritisiert der «Economist». Der US-Handelsdelegierte Jamieson Greer aber betonte gegenüber dem Magazin, die Blütezeit der Globalisierung werde nicht zurückkehren.
Schweiz hofft auf Treffen
Donald Trumps Besuch wird somit zur Herausforderung für das WEF – und die Schweiz. Bundespräsident Guy Parmelin hofft auf ein Treffen mit dem US-Präsidenten, um die Verhandlungen über ein Handels- und Zollabkommen zu lancieren. Sie dürften mit einem «Kanonenboot-Kapitalisten» wie Trump alles andere als ein Spaziergang werden.
Vielleicht wird alles halb so schlimm. Vielleicht gibt sich Trump in Davos versöhnlicher als erwartet. Darauf zählen darf man nach den jüngsten Entwicklungen auf keinen Fall. Vielmehr droht ein Reputationsschaden für das WEF und die Schweiz als Gastgeberland.
