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Stillen am Arbeitsplatz wird zum Politikum. 

Der Staat soll Stillpausen für berufstätige Mütter bezahlen

Im ersten Lebensjahr des Kindes haben Mütter Anrecht auf bezahlte Stillpausen, finanziert vom Arbeitgeber. Im Alltag werde dieses Recht aber oft missachtet, sagt eine Expertin. Deshalb soll neu die Erwerbsersatzordnung (EO) dafür bezahlen, fordert eine Nationalrätin.



Wie familienfreundlich ist der Schweizer Arbeitsmarkt? Das Thema ist hochpolitisch: Stichworte sind etwa Krippenfinanzierung, Tagesschulen oder Vaterschaftsurlaub. Weniger im Fokus von Politik und Medien hingegen steht das Thema Stillen am Arbeitsplatz. Das könnte sich nun ändern. Eine vor Kurzem eingereichte Motion verlangt jetzt, die Stillpausen zukünftig durch die Erwerbsersatzordnung EO zu finanzieren.

Eigentlich ist die heutige Sachlage klar. Per 1. Juni 2014 wurde das Arbeitsgesetz angepasst. Seither haben Mütter im ersten Jahr nach Geburt des Kindes Anrecht auf bezahlte Stillpausen. Finanziell muss der Arbeitgeber dafür aufkommen.

Das schreibt das Gesetz vor

Arbeitgeber müssen stillenden Müttern für das Stillen oder das Abpumpen von Milch die nötigen Zeiten freigeben. Bis ein Jahr nach Geburt des Kindes gelten die Pausen laut Verordnung als bezahlte Arbeitszeit.
Die anrechenbare Stillzeit pro Arbeitstag hängt von der geleisteten Arbeitszeit ab:
- Bis zu 4 Stunden =  mind. 30 Minuten.
- Bis zu 7 Stunden = mind. 60 Minuten.
- Über 7 Stunden = mind. 90 Minuten.

Doch das geschieht nicht immer. «In der Realität müssen Mütter zum Teil viel Aufwand betreiben, um zu ihrem Recht zu kommen», sagt Christine Brennan. Sie ist Geschäftsführerin der Stiftung Stillförderung Schweiz. In den gut vier Jahren seit Einführung der bezahlten Stillpausen habe man laut Brennan versucht, dem Recht zum Durchbruch zu verhelfen: «Doch es gibt weiterhin zahlreiche Probleme.»

«Es fehlt eine Willkommenskultur»

Gemäss Brennan fehle es in vielen Unternehmen an einer «Willkommenskultur» für stillende Mütter. Arbeitgeber müssten ein Klima schaffen, in dem sich den Müttern das Stillen während der Arbeitszeit nicht wie ein unüberwindbares Hindernis entgegenstelle. «Heute ist es so, dass viele Frauen nach der Schwangerschaft den Mutterschaftsurlaub unbezahlt verlängern oder ihr Kind frühzeitig abstillen, bevor sie die Arbeit wieder aufnehmen.» Viele Arbeitgeber erklärten deshalb, es wolle ja gar niemand im Betrieb stillen. «Damit machen sie es sich zu einfach», kritisiert Brennan.

Viele Firmen informierten werdende Mütter zu wenig transparent über ihre Rechte und suchten das Gespräch nicht, um praktikable Lösungen zu finden, sagt Christine Brennan. In grösseren Unternehmen mit professionellen Personalabteilungen sei die Lage allgemein besser. In vielen KMUs hingegen ist es laut Brennan für stillende Mütter schwieriger: «Zum Teil heisst es dort von Arbeitgeberseite, man habe nichts von der gesetzlichen Pflicht gewusst.»

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Arbeitsmarktexpertin Daniella Lützerschwab. Bild: arbeitgeber.ch / rob lewis

Diese Kritik lässt Daniella Lützelschwab nicht gelten: «Die gesetzliche Regelung ist grundsätzlich bekannt – auch den Arbeitgebern», sagt die Arbeitsmarktexpertin beim Schweizerischen Arbeitgeberverband (SAV). Bei der Einführung der Stillzeitregelung hätten der SAV und das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) breit informiert.

«Kosten sind überschaubar»

Für die Baselbieter Nationalrätin Maya Graf von den Grünen ist die heutige Situation unbefriedigend: «Wir machen in diesem Bereich leider keine Fortschritte.» Die Wissenschaft weise immer wieder auf die positiven Wirkungen des Stillens hin: «Die Schweiz will das Stillen fördern, aber leider geht die Zahl der stillenden Frauen zurück.» Das liege vor allem an der Situation der berufstätigen Mütter – und müsse sich jetzt ändern.

Letzte Woche hat Maya Graf in Zusammenarbeit mit Stillförderung Schweiz eine Motion eingereicht. Sie will die bezahlten Stillpausen neu durch die Erwerbsersatzordnung (EO) finanzieren lassen. Diese Sozialversicherung wird von Arbeitgebern und -nehmern mit je 0,225 Prozent Lohnanteil finanziert. Aus der EO wird der Verdienstausfall von Militärdienst-, Zivilschutz- und Zivildienstleistenden kompensiert, ebenso wie der 14-wöchige Mutterschaftsurlaub.

Maya Graf, GP-BL, hoert einer Frage zu, an der Herbstsession der Eidgenoessischen Raete, am Dienstag, 11. September 2018 im Nationalrat in Bern. (KEYSTONE/Alessandro della Valle)

Nationalrätin Maya Graf (Grüne). Bild: KEYSTONE

Von der noch ausstehenden Antwort des Bundesrats erhofft sich Maya Graf jetzt Klarheit über die aktuellen Probleme. Weil entsprechendes Datenmaterial fehle, liessen sich die finanziellen Konsequenzen ihrer Forderung nicht beziffern. «Die Kosten werden aber überschaubar sein, die Wirkung hingegen gross», ist sie überzeugt. Würde die Finanzierungspflicht von den Firmen auf die EO umgestellt, steige die Akzeptanz fürs Stillen bei den Arbeitgebern, glaubt Graf. Das Stillen gehöre ja zur Mutterschaft, argumentiert sie: «Deshalb ist es konsequent, auch die bezahlten Stillpausen aus der EO zu finanzieren.»

«Ureigenes Interesse der Arbeitgeber»

Daniella Lützelschwab vom Arbeitgeberverband ist skeptisch und setzt «ein grosses Fragezeichen hinter die Wirksamkeit dieser Massnahme». Ob stillende Mütter deshalb vermehrt von ihrem Recht Gebrauch machen würden, sei fraglich: «Dieser Entscheid liegt allein im Ermessen stillender Mütter.» Auch was die Finanzierung angeht, ist Lützelschwab anderer Meinung als die grüne Nationalrätin: Weil die Arbeitgeber die EO mitfinanzierten, würde eine Änderung die Unternehmen je nach Belegschaft finanziell stark unterschiedlich treffen: «Einige würden entlastet, andere benachteiligt.» Die Arbeitgeber seien grundsätzlich gegen einen weiteren Ausbau der EO.

Für Maya Graf hingegen bietet eine Finanzierungsänderung den Unternehmen die Chance, das Thema aktiver anzugehen. Um den Mutterschaftsurlaub zu planen, müssten sich die Firmen eh mit den Müttern an einen Tisch setzen. «Dann sollte man beim Thema Wiedereinstieg auch gleich das Stillen oder Abpumpen besprechen», findet Graf.

Es liege schliesslich im ureigenen Interesse der Arbeitgebenden, dass die Frauen rasch nach dem Mutterschaftsurlaub wieder an den Arbeitsplatz zurückkehrten und nicht wegen dem Stillen länger zu Hause bleiben müssen. Auch darüber hinaus müssten die Unternehmen die Vereinbarkeit von Arbeit und Familie verbessern: «Die Wirtschaft findet nur dann gute Arbeitnehmende, wenn sie familienfreundliche Bedingungen schafft.» Dazu gehörten auch finanziell klarere Verhältnisse für Stillpausen.

Stillende Mütter: Eine Fotografin verwandelt sie in stolze Göttinnen

Tausende Kolumbianerinnen stillen in der Öffentlichkeit

Video: srf/SDA SRF

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