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De Ohrfiige na

Wetten, dass Fliesenlegen ein packendes Spielkonzept sein kann? (Echt jetzt!)

Bild: Tom Felber
Es geht spielerisch auch ohne Monster, Händler, Baumeister und Seefahrer: Im Spiel «Azul» werden mit bunten Keramik-Kacheln einfach nur die Wände von Palästen verziert.  
01.04.2018, 20:5302.04.2018, 06:54

Wir spielen heute:
«Azul»

Taktisches Legespiel von Michael Kiesling für 2 bis 4 Spieler ab 8 Jahren. Spieldauer: 30 bis 45 Minuten. Verlag: Next Move/Pegasus, Preis: etwa 60 Franken. 

Thema:

Wir sollen die Wände des Palastes des portugiesischen Königs Manuel I. in Evora mit prachtvollen Keramikfliesen verzieren. 

Bild: Next Move

Was macht man?

Eine Auslage mit bunten Fliesen bestücken. Fliesen wählen und ins eigene Tableau einbauen. Punkte werten.  

Besondere Features:

Wunderschöne Kachel-Steine, die uns ein stilvolles haptisches Erlebnis bescheren. 

Geeignet für:

Alle, die gerne einfache, taktische Legespiele mit einer gesunden Portion Glück mögen.

Wir haben es für euch gespielt!

An der letztjährigen Spielmesse in Essen war dieses Spiel eine der meistbeachteten Neuheiten. Nach dem Weihnachtsgeschäft war es lange ausverkauft. Im Februar hat es in Cannes den wichtigsten französischen Spielepreis «As d'or» abgeräumt.

Seit Mitte März ist nun die zweite Auflage mit neuem Logo erhältlich. Denn inzwischen hat die kanadische Firma Plan B-Spiele den deutschen Verlag eggert-Spiele gekauft und mit Next Move einen neuen Brand für abstrakte Spiele kreiert.  

In der Mitte gibt es Kacheln zu holen, die im eigenen Tableau möglichst punkteträchtig verwertet werden sollen. 
In der Mitte gibt es Kacheln zu holen, die im eigenen Tableau möglichst punkteträchtig verwertet werden sollen. 
Bild: Tom Felber

Dass «Azul» ein gutes Spiel ist, merkt man schon allein daran, dass sich praktisch nie jemand nach der ersten Partie negativ darüber äussert, mit wem man es auch immer spielt. Das mag einerseits am edlen Spielmaterial liegen, das stimulierend zwischen den Fingern klackt und einfach gut anzufassen ist.

Würde es sich bei den zu verbauenden Fliesen nur um herkömmliche Kartonplättchen handeln, wären sicher nicht alle Spieler derart beeindruckt.

Andererseits hat der deutsche Spieleerfinder Michael Kiesling, der als Co-Autor mit Wolfgang Kramer auch schon zweimal das «Spiel des Jahres» gewonnen hat (für «Tikal» und «Torres»), einfach auch ein gutes Gefühl für eingängige, einfache, aber interessante Spielsysteme. Das hat er schon mit unzähligen anderen Titeln wie «Verflixxt!», «Die Paläste von Carrara» oder «Abluxxen» bewiesen. 

Der Name «Azul» ist von den ursprünglich weiss-blauen Keramikfliesen «Azulejos» abgeleitet, die man überall in Portugal in Gebäuden findet. Sie stammen aber ursprünglich eigentlich von den Mauren und eignen sich natürlich nur schon rein optisch hervorragend, um mit ihren Anordnungen zu experimentieren und ein bisschen herumzupuzzeln.

Im Spiel gibt es die Kacheln in fünf Farben. Immer vier zufällig gezogene Kacheln liegen zu Beginn einer Partie zusammen auf runden «Manufakturplättchen» bereit. Wer an der Reihe ist, muss entweder alle Fliesen einer Farbe von einem Manufakturplättchen nehmen und die übrigen in die Tischmitte schieben. Oder er muss alle Fliesen einer Farbe aus der Tischmitte nehmen.

Genommene Fliesen werden auf dem eigenen Spielertableau sogenannten «Musterreihen» zugewiesen. Sobald die Auslage auf dem Tisch leer ist, werden einzelne Kacheln von vollständigen «Musterreihen» auf den Tableaus definitiv in ein schachbrettartiges Feld verschoben. Dort zählen sie Punkte, je nachdem, wie viele Steine zu ihnen benachbart sind.

Bild: Pegasus Spiele

Beim Legen gibt es farbliche Einschränkungen. Mit den falschen Farben kann man auch kräftig Minuspunkte einsammeln. Die Auslage in der Mitte wird jeweils mit neuen Fliesen wieder aufgefüllt. Sobald ein Spieler auf seinem Tableau eine vollständige waagrechte Fliesenreihe hat, endet das Spiel und es kommt noch zu einer Schlusswertung mit Bonuspunkten. 

Der Spielmechanismus ist zwar nicht ganz so einfach und intuitiv, wie vom Spiel euphorisierte Fans behaupten, sondern kann mit seinen Zwischenschritten, Einschränkungen und der nicht ganz offensichtlichen Punktewertung doch auch als etwas umständlich und konstruiert empfunden werden.

Spätestens nach der zweiten Partie haben aber alle das Prinzip verstanden und auch begriffen, dass man nicht einfach kopflos drauflos spielen kann.

«Azul» hat einen nicht zu unterschätzenden taktischen Anspruch. Man kann Gegnern gezielt Kacheln vor der Nase wegschnappen, oder ihnen nur noch Beute überlassen, die saftige Minuspunkte einbringt. Kaum einem Menschen wäre wohl als Dreijähriger beim Brei essen mit dem Ausblick auf seine Zukunftsperspektiven je in den Sinn gekommen, dass er sich eines Tages mit dem Verzieren von Wänden mit Keramikkacheln spielerisch derart vergnügen könnte. 

Bild: Next Move

«Azul» überzeugt als Familienspiel ohne Einschränkungen durch den grossen Wiederspielreiz, die spezielle Optik, die schöne Haptik und die gute Mischung von Taktik und Glück. Geübtere Spieler schaffen eine Partie locker in einer halben Stunde.  

Geht «Azul» auch zu zweit?

Ja, sogar hervorragend, und da es ein abstraktes Spiel ist, auch ohne grosse Einbussen beim Spielspass. 

Tom Felber ist ...
... der Vorsitzende der internationalen Kritiker-Jury «Spiel des Jahres» und veröffentlicht seit 1985 Spiele-Rezensionen in verschiedenen Medien. Er stellt hier für uns regelmässig neue Brett- und Kartenspiele vor. 
bild: zvg
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