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Trash-TV-Regisseur packt aus – das sind seine absurdesten Anekdoten

Kai Tilgen manipuliert für die Quote. So sehr, dass sich der Regisseur von «DSDS» und Co. sicher ist, dass er nicht in den Himmel kommt.
01.10.2018, 13:5402.10.2018, 07:57
Julia Dombrowsky / watson.de

Kai Tilgen ist 57 Jahre alt und seit 24 Jahren Profi im Trash-TV-Metier – er hatte TV-Formate wie «Deutschland sucht den Superstar», «Verstecke Kamera», Hochzeits- und Abnehmwettbewerbe in der Hand. Nun hat er in einem Buch darüber aus dem Nähkästchen geplaudert – und die absurden Anekdoten, die er da so erzählt, klingen fast genauso scripted wie die Sendungen selbst ... 

Warum er in die «Fernsehhölle» kommt

Nach über zwei Jahrzehnten Schieberei im Fernsehen glaubt Tilgen selbst nicht mehr, dass er in den Himmel kommt. Warum? «Es ist der Umgang mit den Menschen vor der Kamera, wie ich sie ausbeute, betrüge und belüge: ‹Nein, das bleibt natürlich unter uns.› Oder: ‹Eine Stunde maximal, dann sind wir wieder raus. Und wir machen auch nichts kaputt ...›»

Seit 1994 produziert er Scripted Reality und Fernsehshows. Er liebt seinen Beruf, hat sich «Regie» sogar vor zehn Jahren auf den Rücken tätowieren lassen. Doch dazu gehöre auch, Menschen vor der Kamera aus der Reserve zu locken. «Es geht darum, die Leute vorzuführen, sich lustig zu machen», sagt er im watson-Gespräch. 

«Ich mag dieses Manipulieren»

Leute vorführen, die gar nicht merken, dass Millionen sich über sie lustig machen werden und im schlimmsten Falle auch zurück im normalen Leben Probleme bekommen? Hat er da gar kein schlechtes Gewissen? «Viele sind so seltsam, da kratzt es mich nicht. Wie dieser Lehrer bei ‹DSDS›, der sagte, er würde sich selbst eine glatte Eins fürs Singen geben und dann war er grottig. Da denke ich: Super. So einer benotet unsere Kinder?! Nö, da halte ich voll drauf.»

Wenn sich ein Menderes bei «DSDS» zum achten Mal blamiert, reibt sich Tilgen die Hände.

«Ein guter Trash-Regisseur und ein guter Mensch zu sein – das schliesst sich manchmal aus.»
Kai Tilgen zu watson.de

«Ich habe mir vorgenommen eine anständige Person zu sein, aber das gelingt mir nicht immer», sagt er. «Ich mag dieses Manipulieren, das Strippen-Ziehen, ich finde das interessant ... Gut, vielleicht bin ich doch ein schlechter Mensch!»

Manchmal könne er auch Personen vorstellen, die wirklich Erstaunliches leisteten oder Berufe, die die Welt ein bisschen besser machen wie Rettungskräfte oder Zoopfleger. Seine Arbeit bestehe also nicht nur aus dunklen Seiten. «Ich frage mich aber schon, ob ich Propaganda mache», sagt er weiter.

«Es beschäftigt mich, wenn ich höre, dass Sanitätern und Polizisten immer weniger Respekt bei der Arbeit entgegengebracht wird. Denn wir vom Fernsehen zeigen ja ständig, wie Leute sich bei der Verhaftung wehren und wegrennen, als wäre das akzeptables Verhalten. Wir schwächen so unbewusst deren Autorität.»

Welche drei Grenzen selbst er nicht überschreitet

Er tauschte einmal eine Darstellerin aus, weil sie ein rechtes Tattoo auf dem Bauch trug: «Mit Nazis drehe ich nicht. Die sitzen in einer anderen Hölle», erklärt er.

Für die perfekte Aufnahme werden Erwachsene auch mal manipuliert. Bei Kleinen zieht er aber eine Grenze. «Mit Kindern darf man solche Sachen einfach nicht machen, das ist tabu und gehört sich nicht», so Tilgen.

Auch bei Drogensüchtigen und Obdachlosen sei er vorsichtig. Diese wären oft verschüchtert und nicht zurechnungsfähig, das sei aber kein Grund, sie einfach vor die Kamera zu zerren. «Das Recht am eigenen Bild gilt auch für Drogenabhängige.»

«TV ist wie eine Axt. Du kannst damit Holz hacken, um dich zu wärmen – oder deine Schwiegermutter umbringen. Den Umgang muss man lernen.»
Kai Tilgen zu watson.de

Seine fünf absurdesten Anekdoten aus der TV-Welt

  • Interessantes aus dem Hochzeitsformat, in dem sich vier Bräute messen: Der Crew ist es nicht erlaubt, auf der Feier zu essen, zu trinken oder kurze Hosen zu tragen. Wild war es trotzdem. «Ich weiss von mindestens zwei Fällen, bei denen meine Kollegen die Gastbräute, die ja frisch verheiratet waren oder kurz davor standen, von ihren romantischen und körperlichen Qualitäten überzeugt haben.»
  • Bei «Deutschland sucht den Superstar» sang ein 18-Jähriger «Ave Maria». Dabei hatte er einen feuchten Fleck auf der Hose, mit dem ihn Dieter Bohlen aufzog. «Dafür, dass er sich in seinem Dorf die nächsten zwei Monate nicht ohne Häme zu ernten morgendlich beim Bäcker zeigen konnte, habe dann ich gesorgt», gibt Tilgen zu. Er liess dem Kandidaten auch noch einen pinkelnden Dieter-Bohlen-Engel über den Kopf fliegen und auf den Recall-Zettel urinieren. «Ich habe mich also schön lustig gemacht über den Jungen», sagt er. «Aber leider hat das total Spass gemacht.» 
  • Bei einer Berliner Immobilien-Show sollte der Wettbewerb zwischen zwei Paaren angefeuert werden, die um dasselbe Mietshaus kämpften. Im Keller eines Objekts wurde dann eine alte Metallkiste gefunden mit Fotos, Orden etc. Der vermeintlich wertvolle Fund stachelte die zwei Parteien erst so richtig an und liess sogar die Lokalpresse von einem möglichen Schatz träumen. Tilgen: «14 Jahre später kann ich es ja sagen: Ich habe die Kiste samt Inhalt einige Tage davor besorgen und vergraben lassen.»
  • Er bat die Kandidatin einer Abnehmschow, die Mitglieder ihrer Gruppe nach GEWICHT als Orgelpfeifen zu sortieren. Sie sagte: «Maxime ist die grösste Pfeife.» Tilgen: «Ich hab das dann später so in die Sendung reingeschnitten und damit den Eindruck erweckt, ihr O-Ton sei beleidigend gewesen, dabei gab es in der Gruppe gar keinen Stress. Höchstens danach.»

Und das hier:

«Einen Kameramann, der über mehrere Monate junge Frauen beim Modelwerden beobachtet hat, fragte ich einmal, mit wie vielen der Anwärterinnen er im Bett war. Seine Antwort: ‹In welcher Staffel meinst du?›»
Kai Tilgen

Aber warum tun die Kandidaten sich das an?

Seit mehr als einem Jahrzehnt gibt es Shows wie «DSDS», eigentlich wissen die Leute also, worauf sie sich einlassen. Warum finden sich trotzdem Bewerber? Perspektivlosigkeit, glaubt Tilgen. «Viele sehen keine andere Möglichkeit, um schnell erfolgreich zu werden. Sie denken, das sei ihre letzte Chance, um nicht in der grauen Masse unterzugehen – und das machen wir sie ja auch glauben.» Das Gefühl in der Bevölkerung sei oft: Das Fernsehen hilft. Sei es bei der Renovierung, beim Schuldenabbau oder der Modelkarriere. 

«Wir sind ein vermeintlicher Heilsbringer geworden, der in Wirklichkeit mit dieser Verzweiflung Programm macht.»
Kai Tilgen zu watson.de

Für die Darsteller von Scripted-Reality-Sendungen gibt es auch Geld. Darum geht es aber nicht, meint Tilgen, das wären ja meist nur um die 80 Euro Zubrot. «Für viele ist es eher das Drumherum: Man fliegt in eine andere Stadt, wird vom Airport abgeholt, kriegt ein Hotel und Essen bezahlt. Das ist die Wertschätzung, nach der viele Leute hungern.»

Seine eigenen Kinder würde er übrigens im TV mitmachen lassen – sie aber vorher warnen. Dass seine sechs Kids Gefahr laufen, sich irgendwo anzumelden, glaubt er jedoch nicht, weil die jüngere Generation kaum TV schaut. 

«Die wollen jetzt alle YouTube-Stars werden – das ist ja so ähnlich ...»
Kai Tilgen zu watson.de

Das ist die Geschichte des Farbfernsehens

Video: srf
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