Mit grossen Zielen und noch höheren Erwartungen ist England in dieses Turnier gegangen. Neben Frankreich galten die «Three Lions» als der ganz grosse Favorit auf den Titel an der Europameisterschaft 2024 in Deutschland. Doch in der Gruppenphase zeigte England drei enttäuschende Auftritte. Dem knappen 1:0-Erfolg gegen Serbien folgten zwei Unentschieden gegen Dänemark (1:1) und Slowenien (0:0).
Nach dem letzten Spiel, in dem die Engländer blutleer und völlig ideenlos auftraten, fragten sich Fans, Experten und Medien gleichermassen: Wie kann eine Offensive um so hervorragende Spieler wie Harry Kane, Phil Foden und Jude Bellingham nur so harmlos sein? Wie können in drei Spielen gegen auf dem Papier zum Teil deutlich unterlegene Gegner nur zwei Tore resultieren?
Wir haben vor dem Achtelfinal gegen die Slowakei (Sonntag, 18 Uhr) versucht herauszufinden, woran das liegen könnte.
Einer der Gründe scheint die Risikoaversion von Trainer Gareth Southgate zu sein. Der 53-Jährige fokussiert sich auf eine stabile Defensive und geht offensiv lieber auf Nummer sicher, als einen Ballverlust und damit einen Konter zu riskieren. Mit nur einem Gegentor scheint das bisher zu funktionieren, jedoch ist es für die Zuschauerinnen und Zuschauer alles andere als attraktiv, dabei zuzusehen. Zumal die Qualität für begeisternden Offensivfussball durchaus vorhanden wäre.
Taktik-Experte Constantin Eckner von spielverlagerung.de führt gegenüber watson aus: «Southgates Fussball ist auf Risikominimierung ausgelegt. Wenn die Engländer im Ballbesitz sind, spielen sie häufig um den gegnerischen Defensivblock herum.» Gegen Slowenien wurde dies wieder deutlich. «Ganz selten gehen die Aussenstürmer ins Eins-gegen-eins – lieber wird der Ball zurückgespielt.»
So kommt England aber auch nur zu sehr wenigen Chancen. Bei den Expected Goals steht England nach der Gruppenphase auf dem drittletzten Platz, ausserdem schossen nur vier Nationen weniger als das Team aus Grossbritannien. Wenn sich die Engländer nicht mehr getrauen, wird die Kritik an Trainer Southgate kaum weniger werden.
Für Bayern München erzielte er in 45 Spielen 44 Tore, damit war er der beste Torschütze Europas. Im englischen Nationalteam ist er mit 64 Treffern in 94 Einsätzen Rekordtorschütze. Doch an der EM kommt Harry Kane noch gar nicht richtig ins Spiel. Zwar erzielte er eines der beiden Tore in der Gruppenphase – das andere schoss der sich ansonsten ebenfalls ausser Form befindende Jude Bellingham –, aber der 30-Jährige scheint zuweilen eher ein Fremdkörper bei den Engländern zu sein.
Der ansonsten eigentlich passstarke Stürmer spielte von den Stammspielern die mit Abstand wenigsten Pässe und hatte auch deutlich die wenigsten Ballkontakte. Insgesamt war er in drei Spielen nur 68 Mal am Ball, davon lediglich zehnmal im Strafraum. In der abgelaufenen Bundesliga-Saison hatte er 5,7 solcher pro Partie. Normalerweise ist Kane also sowohl im Spielaufbau integriert als auch als Strafraumstürmer hervorragend – an der EM weder noch.
Der «Guardian» sieht hier ein Paradox als Problem. So sei Kanes Rolle im Nationalteam nicht klar definiert. «Er ist ein zu guter Passgeber, um ihn einfach in der Spitze auf Zuspiele warten zu lassen wie beispielsweise Erling Haaland. Aber er ist zu gut im Abschluss, um ihn als reine Nummer 10 einzusetzen», schreibt die englische Zeitung. Derzeit sei er aber nicht in der Form, beide Rollen zu übernehmen. Das könnte auch mit einer Rückenverletzung, die er sich gegen Ende der Bundesliga-Saison zugezogen hat, zu tun haben.
England hat aber keine Zeit, darauf zu warten, dass Kane wieder in seine Bestform kommt. Die letzte EM könnte aber auch Hoffnung machen. Da traf Kane in keinem der drei Gruppenspiele und erzielte auf dem Weg in den Final dann vier Tore gegen Deutschland, die Ukraine und Dänemark. Vielleicht ist es für England dann auch von Vorteil, wenn die Gegner nicht mehr nur verteidigen, sondern auch selbst die Offensive suchen. Im Achtelfinal gegen die Slowakei dürfte das aber noch nicht der Fall sein. In einem allfälligen Viertelfinal würde dann aber die Schweiz warten, die durchaus selbst offensive Akzente setzen möchte.
Eine weitere Schwäche von Southgates System wird durch eine Grafik von «BBC» klar. Diese zeigt, wo die einzelnen Spieler während ihrer Ballkontakte im Schnitt platziert waren. Dabei ist auffällig, dass die offensive linke Seite komplett frei blieb, weil der nominelle Flügel Phil Foden (11) oft ins Zentrum zieht. Dort standen mit den beiden Mittelfeldspielern Jude Bellingham (10) und Declan Rice (4) teilweise auch Stürmer Harry Kane aber bereits drei Spieler.
Auch JJ Bull von «The Athletic» kritisiert Southgate dafür, seine Spieler nicht in ihre präferierten Positionen zu bringen. Der heutige Trainer und frühere Nationalspieler möchte seine besten Spieler aufstellen, anstelle wie beispielsweise der deutsche Coach Julian Nagelsmann auf das beste Team zu setzen. Dadurch kommt es aber noch stärker dazu, dass sich die Spieler teilweise selbst im Weg stehen.
Great to see Gareth Southgate picking England's most talented players and putting them in their best and preferred positions. I think this is really good, this works very well pic.twitter.com/pdNOb3Cl8g
— JJ Bull (@jj_bull) June 25, 2024
So können gar keine Räume entstehen, in welchen sich die talentierten Offensivspieler auch mal entfalten können. Vielmehr macht es das dem Gegner viel einfacher, England zu verteidigen. Durch die Einwechslung von Kobbie Mainoo für Gallagher nach der Pause wurde es mit der Kreativität und der Spielkontrolle zumindest etwas besser. Das sorgt für Hoffnung.
Eine weitere Möglichkeit wäre, Bellingham ins zentrale Mittelfeld zurückzuziehen. Schon in Dortmund fungierte er häufig als sogenannter Box-to-Box-Spieler, der sowohl am eigenen als auch am gegnerischen Strafraum aktiv wird. So könnte Foden ins offensive Zentrum rücken, während über links ein echter Flügelspieler wie Newcastles Anthony Gordon kommen könnte.
Was Taktik-Experte Eckner ebenfalls stört, ist, dass die einzelnen Spieler viel zu wenig Freiheiten geniessen. Das drückt sich einerseits dadurch aus, dass nur ganz selten Dribblings versucht werden. Der deutsche Fussball-Kommentator für unter anderem Sport 1 und DAZN sagt: «Erst wenn Akteure wie Kane und Foden mehr positionelle Freiheiten geniessen oder sich diese im Laufe eines Spiels einfach nehmen, wird England offensiv gefährlich.»
Zwar hätte der EM-Finalist von 2021 bereits im abschliessenden Gruppenspiel gegen Slowenien mehr als zuvor rochiert, jedoch auch dann meist ausserhalb des gegnerischen 4-4-2-Blocks. Dadurch bleibt die Abwehr kompakt und wird nicht wirklich durcheinandergewirbelt. «So kann die offensive Produktivität nur viel zu mager ausfallen», meint Eckner.
Zu guter Letzt muss auch Jude Bellingham als möglicher Verantwortlicher für Englands Krise genannt werden. Nach dem torlosen Unentschieden gegen Slowenien kursierten die Horrorstatistiken des 20-jährigen Superstars. Keinen einzigen Schuss gab er ab, keine Chance kreierte er und nicht einen Pass spielte er gemäss ESPN ins Angriffsdrittel. Ausserdem verlor er den Ball 16 Mal – häufiger als jeder andere im Team.
Jude Bellingham for England vs. Slovenia:
— ESPN FC (@ESPNFC) June 25, 2024
▫️ 0 shots
▫️ 0 chances created
▫️ 0 successful tackles
▫️ 0 passes completed into attacking third
▫️ 12% of his passes went forward
▫️ 22% duels won (worst on team)
▫️ 16 times possession lost (most on team)
He's got just one shot and… pic.twitter.com/7Z1SDQhRVy
In der ganzen Vorrunde kam Bellingham lediglich auf einen Schuss – jenen zum 1:0 gegen Serbien – und eine kreierte Chance. Das entspricht nicht den Ansprüchen des Mittelfeldspielers von Real Madrid. Schon in seiner ersten Saison bei den Königlichen war er deren bester Torschütze und gewann sowohl Meisterschaft als auch Champions League. Seit einer Verletzung im Februar läuft er seiner überragenden Form aus der Hinrunde jedoch etwas hinterher. Schon im Final der Königsklasse war er eher unauffällig, in der K.o.-Phase der Champions League erzielte er kein Tor.
Finden Bellingham, Foden, Kane und Co. in den verbleibenden zwei EM-Wochen nicht noch zu ihrer Bestform, können sich die Three Lions den Traum vom ersten EM-Triumph wohl abschminken. Die Qualität wäre aber vorhanden – und darin besteht die Hoffnung von Southgate und «The Whole Of England».