Ex-Nati-Trainer Ralph Krueger ist unheilbar krank: «Plötzlich zitterte meine Hand»
Ralph Krueger: Darf ich zur Eröffnung unseres Interviews etwas sagen, das mich sehr beschäftigt?
Ja, natürlich.
Ich habe im Herbst 2024 die Diagnose Parkinson bekommen. Die Krankheit ist unheilbar. Das ist ein Grund, warum ich mich noch stärker aus der Öffentlichkeit zurückgezogen habe. Ich spreche bei dieser Gelegenheit zum ersten Mal darüber. Es ist ein grosser Schritt für mich.
Gibt es keine Chance auf Heilung?
Nein. Parkinson ist unheilbar, aber behandelbar. Genaue Prognosen sind nicht möglich, es gibt keine zwei Verläufe, die genau gleich sind. Aber die Lebenserwartung ändert sich wenig, nur die Lebensqualität. Die wissenschaftlich am besten belegte Methode zur Linderung der Symptome ist, Sport zu treiben, aktiv zu bleiben. Ich bin sportlich wie nie und versuche jeden Tag zwei bis drei Stunden verschiedene Sportarten auszuüben. Unter anderem Skifahren auf Wasser und Schnee, Biken, Schwimmen, Stand-up-Paddeln, Krafttraining und meine Frau und ich laufen mehrmals pro Woche mindestens fünf Kilometer und ich habe wieder begonnen, Schlägersportarten zu spielen.
Wie haben Sie die Krankheit bemerkt?
Zwei oder drei Wochen nach meinem 65. Geburtstag zitterte meine Hand von einem Tag auf den anderen. Ich dachte, das komme davon, dass ich wohl doch zu viel Kaffee trinke. Erst nach zwei Monaten habe ich den Arzt aufgesucht und dann die Diagnose im November 2024 bekommen.
Sie haben immer den Eindruck erweckt, alles unter Kontrolle zu haben. Wie gehen Sie mit dieser Situation um?
Ja, das ist so und ich war vielleicht sogar zu sehr ein Perfektionist. Zum ersten Mal hatte ich keine Kontrolle mehr und dieser Tag hat vieles verändert. Zuerst dreht sich alles um dieses Problem, du denkst 24 Stunden am Tag nur noch daran. Nach und nach habe ich durch eine sehr gute Betreuung und durch meine Familie gelernt zu akzeptieren, dass diese Krankheit nun ein Teil von mir ist – aber eben nicht alles. Ich verbringe keine Zeit damit, zu fragen: Warum? Seit der Diagnose bin ich nie depressiv geworden. Ja, ich habe keine Kontrolle. Aber ich lerne, mit meiner Krankheit zu leben. Ich kann kontrollieren, wie ich darauf reagiere. Jeder von uns bekommt irgendwann etwas, bekommt sein Urteil, das ist die Realität des Lebens. Meine Prinzipien werden stärker.
Sie sind über Ihre Tätigkeit als Nationaltrainer hinaus durch einen Bestseller zur Lebenshilfe bekannt geworden …
… und jetzt sehe ich die wichtigsten Botschaften in diesem Buch und in meinen Vorträgen, als seien sie rot unterstrichen.
Hat niemand ausserhalb ihres persönlichen Umfeldes – etwa bei einem ihrer Vorträge – etwas von ihrer Krankheit bemerkt?
Nein, ich glaube nicht, ich halte nach wie vor 75-minütige Vorträge und habe gelernt, mein Zittern zu managen. Ich bin Rechtshänder und habe Glück, dass meine linke Seite eher beeinträchtigt ist. Ich habe meine Vortragstätigkeit etwas reduziert, aber nicht aufgegeben.
Sie lassen sich nicht auf Ihre Krankheit reduzieren.
Nein, ganz und gar nicht. Ich war schon immer transparent wie ein offenes Buch, und auch deshalb spreche ich darüber und hoffe, dass ich den Menschen, die das gleiche Schicksal teilen, Mut machen kann. Das sind über 15'000 Personen in der Schweiz.
Geboren am 31. August 1959, aufgewachsen in Winnipeg und dank einem deutschen Pass eine Spielerkarriere in der höchsten deutschen Liga (Landshut, Düsseldorf/401 Spiele/515 Punkte) und in der Deutschen Nationalmannschaft (WM 1981 und 1986). In Feldkirch bekam er seinen ersten Trainerjob (5 Meistertitel, 1998 Sieger der Champions League), bevor er im Herbst Nationaltrainer in der Schweiz wurde. Nach 2010 war er in der NHL Cheftrainer in Edmonton (2012/13) und in Buffalo (2019/20), gehörte zum Coachingteam der Kanadier beim Olympiasieg 2014 in Sotschi und von 2014 bis 2019 arbeitete er als Chairman in der Premier League bei Southampton.
Er ist bis heute der einzige Trainer/Manager, der sowohl in der wichtigsten Eishockey- und Fussball-Liga Chefpositionen innehatte. Er lebt mit seiner Familie in Davos und ist seit 2019 Schweizer Bürger.
Beschäftigen Sie sich noch immer mit unserem Hockey und werden Sie bei der Eishockey-WM Spiele live im Stadion verfolgen?
Ja klar, ich habe Tickets für alle Schweizer Spiele. Ich habe zwar auch als Coach in der NHL und als Chairman in der Premier League in England gearbeitet. Aber nichts hat mich so geprägt wie meine Tätigkeit als Nationaltrainer in der Schweiz. Diese Zeit ist so etwas wie das Herzstück meines Arbeitslebens. Ich durfte zwischen 1997 und 2010 eine ganze Spielergeneration auf dem Weg nach oben begleiten, und das Schweizer Eishockey hat in dieser Zeit den Anfang einer atemberaubenden Entwicklung genommen.
Werden Sie heute noch auf der Strasse erkannt?
Ja, vor allem von der älteren Generation, also von den über 35-Jährigen.
Dann kommen wir nicht darum herum, uns um die Turbulenzen der letzten Wochen rund um unser Nationalteam zu unterhalten. Haben Sie sich je vorstellen können, dass ein Schweizer Nationaltrainer nach zwei WM-Finals in Folge entlassen wird?
Das ist verrückt, ja. Bin ich überrascht? Nein. Wenn du im Sport eine Führungsrolle übernimmst, dann musst du damit rechnen, dass es Situationen gibt, die du nicht kontrollieren kannst. Im Sport laufen Entwicklungen – positive wie negative – mindestens zehnmal schneller ab als im Leben. Sport ist Leben hoch zehn und das gehört zu seiner Faszination. Auch deshalb liebe ich den Sport.
Wie ordnen Sie Patrick Fischers Entlassung ein? Sie kennen ihn ja sehr gut und Sie haben ihn ja einst ins WM-Team aufgeboten.
Patrick hatte eine erfolgreiche Zeit als Nationaltrainer. Ich war in Spanien in den Ferien und habe quasi nur die «Highlights» der ganzen Geschichte mitbekommen. Ich masse mir kein Urteil an. Patrick hat Entscheidungen getroffen, die zu dieser Situation geführt haben.
Sie haben nur die «Highlights» mitbekommen? Sie konnten sich in Spanien ja reichlich über die sozialen Medien informieren.
Ich nutze bislang keine sozialen Medien und ausser meinem Profil auf Linkedin finden Sie von mir keine Einträge im Internet.
Wie kommt das?
Ich war mehrmals beim WEF in Davos dabei. Vertreter der «Magnificent Seven» …
… der sieben grössten US-Techkonzerne Apple, Microsoft, Amazon, Alphabet, Meta, Tesla und Nvidia …
… haben mir vor über 15 Jahren erklärt, die bestbezahlten Leute in ihren Firmen seien jene, die dazu in der Lage sind, Algorithmen zu entwickeln, um die Menschen süchtig nach sozialen Medien zu machen. Das ist eine zutiefst beunruhigende Entwicklung. Die sozialen Medien fesseln unsere Aufmerksamkeit, und durch die ständige Wiederholung negativer Meldungen entsteht negative Energie. Ja, ich muss wissen, dass es den Krieg in Iran gibt. Das genügt. Ich muss mich nicht 20-mal am Tag damit beschäftigen, ich kann dieses Geschehen ja nicht beeinflussen. Es reicht, wenn ich ein paarmal pro Woche in Ruhe eine Zusammenfassung der wichtigsten Ereignisse lese. Wichtig ist, dass man den Umgang mit sozialen Medien sehr gut managt.
Das Wichtigste der letzten Woche rund um die Nationalmannschaft war die Entlassung von Patrick Fischer. Beeinträchtigt dieser Entscheid die WM-Chancen unserer Nationalmannschaft?
Eher nicht. Die Hauptarbeit der Nationaltrainer findet in der Vorbereitung statt. Während der WM ist er nicht mehr das Allerwichtigste …
…dann könnte ich auch ein Spiel coachen?
So weit würde ich nicht gehen (lacht).
Das müssen Sie erklären.
Es geht zuerst um das Team. Das Momentum der zwei Finals hat die Gruppe stark genug gemacht, um mit dieser Situation umzugehen. Wenn im ersten Spiel gegen die USA der erste Puck eingeworfen wird, dann ist alles, was vorher passiert ist, vergessen. Diese Mannschaft ist so stark, dass sie funktioniert, sobald das Spiel beginnt, und der Coach muss in seiner Rolle stark führen und die richtigen Impulse geben, wenn sie gefragt sind.
Ihr Optimismus im Ohr der Hockey-Götter. Was stimmt Sie so zuversichtlich?
Diese WM kommt zum richtigen Zeitpunkt. 2020 waren wir noch nicht so gut, die Verschiebung auf 2026 wegen der Pandemie ist aus sportlicher Sicht ein Glücksfall.
Das war 2009, als Sie mit unserer Nationalmannschaft bei der letzten Heim-WM in Bern und Kloten den Viertelfinal verpassten, noch anders. Was hat sich seither verändert?
Alles. Die Eishockey-Welt ist eine andere geworden. Beginnen wir mit dem physischen Element. Eishockeyspieler als 365-Tage-Athleten wie heute gab es 2009 nur wenige. Physisch sind die Schweizer so gut wie noch nie. 2009 waren nur vier Ausländer pro Team zugelassen und trotzdem schafften es höchstens ein oder zwei Schweizer in die ersten 15 der Liga-Skorerliste. Heute sind es bei sechs Ausländern doppelt so viele und wir haben zwei NHL-Captains im Team und mehr als die Hälfte des WM-Teams hat genug Talent, um in der NHL zu spielen. Ich bekomme Gänsehaut, wenn ich die spielerische Qualität unseres Nationalteams sehe. Zwei weitere Elemente kommen dazu und dafür ist der Coach verantwortlich: Er muss dieses Talent ins System integrieren. Das ist gelungen. Um ein System einzuschulen, braucht es bei einem Klub drei bis vier Monate. Bei einem Nationalteam drei bis vier Jahre. Die Mannschaft hat aus den Niederlagen bei den WM-Turnieren 2021, 2022 und 2023 gelernt, die richtigen Schlüsse daraus gezogen und ist jetzt so stabil wie noch nie.
Was ist mit dem vierten Element, der mentalen Verfassung?
Das ist die grösste Herausforderung für Jan Cadieux. Er wird sie meistern. Weil wir auch in diesem Bereich riesige Fortschritte gemacht haben. 1999 hatten die Spieler bei der WM vor den Kanadiern noch so viel Respekt, dass sie blockiert waren und gar nicht richtig spielen konnten. Wir verloren 1:8 und ich bin nach dem Spiel so laut geworden wie vorher und nachher nie. Der 1:0-Sieg gegen die USA 2003 mit dem Siegestor durch Mathias Seger war dann in meinem 7. Titelturnier als Nationaltrainer der erste grosse Schritt nach vorne. Heute haben wir dieses Problem nach vier WM-Finals nicht mehr.
Sie haben vor der WM 2009 den Begriff «Heimnachteil» geprägt und sind dafür geschmäht worden.
Es gab diesen Heimnachteil. 1986 holte die Sowjetunion in Moskau den Titel und dann gab es bis 2013 in Stockholm nie mehr einen Heim-Weltmeister. Das Scheitern damals 2009 hat sehr weh getan. Wir waren einfach offensiv zu schwach, wir hatten noch keinen Stürmer aus der NHL im Team …
… und sie haben unsere damaligen NHL-Profis Mark Streit und Yannick Weber zu stark forciert.
Ja, das war eher so.
Aber jetzt haben wir einen «Heim-Vorteil».
Ja, auch weil der Modus heute ein anderer ist. 2009 schieden die ersten Teams schon nach drei Gruppenspielen aus und das machte alles unberechenbarer. Nun gibt es sieben Gruppenspiele, um die Mannschaft abzustimmen.
Wagen Sie eine WM-Prognose?
Die Schweiz wird den Halbfinal erreichen.
