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Weshalb Bayerns Meistertitel dem deutschen Fussball trotzdem gut tut

epa10658025 Bayern Munich's players celebrate with the league title trophy after winning the German Bundesliga soccer match between 1.FC Cologne and FC Bayern Munich, in Cologne, Germany, 27 May  ...
Das gewohnte Bild nach einem ungewohnten Finish: Bayern München mit der Meisterschale.Bild: keystone
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Weshalb Bayerns Meistertitel dem deutschen Fussball trotzdem gut tut

Zum elften Mal in Folge ist Bayern München deutscher Meister geworden. Auf der Zielgeraden brach Borussia Dortmund ein. Aber es war ein Saisonfinale, das für die Zukunft hoffen lässt.
28.05.2023, 10:55
Harald Lange / Watson.de
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Die aktuelle Saison war ein Glücksfall für den deutschen Fussball. Die Meisterschaft war atemberaubend, spannend und ein echter Zweikampf zwischen den übermächtigen Bayern und Borussia Dortmund, den der Rekordmeister erst in der 89. Spielminute durch einen Treffer von Youngster Jamal Musiala für sich entscheiden konnte.

Dortmund vergab den Matchball beim eigenen Heimspiel gegen Mainz und spielte nur unentschieden. Die Münchner hingegen zitterten sich in Köln zum Sieg.

So ein knapper Meisterkampf liegt aber nicht ausschliesslich an einer starken BVB-Saison. Die Münchner selbst sind Schuld, sie haben nicht ihr gesamtes Potential abgerufen.

Der überflüssigste Trainerwechsel der Saison

Vergleicht man die Marktwerte beider Teams, ist klar, weshalb die Münchner eigentlich der Abo-Meister sind. 979 Millionen Euro ist der Kader der Bayern wert. Mit 547 Millionen sind die Dortmunder nur etwas mehr als halb so teuer. Trotzdem hat der BVB in dieser Saison dem Team von Thomas Tuchel lange Paroli geboten.

Das klappte natürlich auch, weil die Bayern durch die Entlassung von Julian Nagelsmann im März den überflüssigsten Trainerwechsel der Saison vollzogen. Die Top-Stars waren im Anschluss unter Thomas Tuchel so verunsichert, dass sie gegen Hoffenheim, Mainz und Leipzig Punkte liegen liessen. Und sich am Ende doch noch belohnten.

Über den Autor
Harald Lange ist seit 2009 Professor für Sportwissenschaft an der Universität Würzburg. Er leitet den Projektzusammenhang «Fan- und Fussballforschung» und gilt als einer der bekanntesten Sportforscher in Deutschland. Der 55-Jährige schreibt und spricht täglich über Fussball, auch in seinem Seminar «Welchen Fussball wollen wir?»

Der legendäre Weltmeistertrainer Sepp Herberger hatte die Faszination des Fussballs einmal so auf den Punkt gebracht: «Die Leute gehen ins Stadion, weil sie nicht wissen wie es ausgeht.» Der Fussball könnte deshalb der letzte wirkliche Krimi oder das letzte grosse Drama unserer Unterhaltungskultur sein. Einfach deshalb, weil das Ergebnis nicht schon im vorhinein feststeht. Das ist die Einsicht der aktuellen Saison.

Langfristig ein höheres Niveau

Und sollte die Entwicklung aus der nun abgelaufenen Saison gerade im Titelrennen andauern, wird das der Bundesliga langfristig gut tun. Aus mehreren Gründen. Rein sportlich müssten im Titelrennen der BVB und der FC Bayern an jedem Spiel an ihr Leistungslimit gehen. Langfristig erhöht das auch das allgemeine Niveau beider Teams und der Rest der Liga.

Die logische Folge: Auch in der Champions League werden sie geringere Schwankungen haben, sportlich erfolgreicher sein und wieder regelmässig in die Halbfinals oder sogar Finals kommen.

Spannung ist unerlässlich für die Attraktivität einer Liga

Aber auch aus finanzieller Sicht für die ganze Liga wäre eine spannende Meisterschaft wichtig. Sie liesse sich nämlich auf dem TV-Markt besser vermarkten. Das beste Beispiel dafür ist die englische Premier League. Dort zählen jährlich fünf bis sechs Teams zu den Favoriten. Auch wenn Manchester City jetzt zum dritten Mal in Folge den Titel holte: Zu Beginn der Saison war das bei weitem nicht so eindeutig, wie es in den letzten Jahren in Deutschland beim FC Bayern der Fall war.

Trotzdem: Ein spannender Meisterkampf ist unerlässlich für die Attraktivität einer Liga. Da tröstet auch nicht das jahrelang spannende Rennen um den Klassenerhalt oder um die internationalen Plätze. Was zählt, und was die Zuschauer anzieht, sind die Endspiele um Titel und Trophäen. Die «Do-or-die-Spiele». Oder, wie in dieser Saison: eine spannende Meister-Konferenz am letzten Spieltag.

epa10657978 Dejected players of Borussia Dortmund stand in front of their fans after the German Bundesliga match between Borussia Dortmund and Mainz 05 in Dortmund, Germany, 27 May 2023. The match end ...
Borussia Dortmund steht mit leeren Händen da.Bild: keystone

Natürlich wäre ein Dortmunder Titel noch besser für die Bundesliga gewesen. Elf Bayern-Titel in Folge sind immer noch ein Statement für sich. Aber der spannende letzte Spieltag gibt Hoffnung für die nächsten Jahre.

Ein BVB-Erfolg hätte vollends gezeigt, dass die Bundesliga offen und spannend ist und vielleicht schon in naher Zukunft die Auslandsvermarktung am TV-Markt noch weiter erhöht. Nach dpa-Informationen wurden im Dezember für die Bundesliga mit 190 Millionen Euro aus der Auslandsvermarktung für die aktuelle Saison gerechnet. 2019/20 lag diese Summe schon einmal bei 275 Millionen Euro.

Heja BVB!

Zum Vergleich: Die Premier League (rund 2 Milliarden Euro) und die spanische La Liga (fast 800 Millionen Euro in der abgelaufenen Saison) verdienen ein Vielfaches mit den TV-Rechten im Ausland. Ein spannender Wettbewerb könnte der Bundesliga weiterhelfen.

Also, liebe neutrale Fans: Lasst uns auch in der nächsten Saison den Dortmundern die Daumen drücken. Nicht nur, dass die Dominanz der Bayern weiter aufgebrochen wird, sondern, damit wir eine noch spannendere Liga haben. Eine interessante Liga. Eine Liga, die Zukunft hat und bei der es sich wieder lohnt, jeden Spieltag von Anfang bis Ende mit zu fiebern.

Denn das ist es, was den Fussball ausmacht.

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quelle: keystone / anna szilagyi
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14 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Pacha Mama
28.05.2023 13:38registriert Dezember 2018
Quatsch! Wenn eine Mannschaft elf mal hintereinander Meister wird, kann das schon generell nicht gut sein. Und wenn sie eine verhältnismässig schwache Saison spielt und trotzdem Meister wird, ist das für die Liga eine Bankrotterklärung. Warum drückt man den Bayern nicht schon vor der Saison die Schale in die Hand? Nächste Saison werden sie wahrscheinlich wieder mit 20 Punkten Vorsprung Meister und das für die nächsten 25 Jahre 🤷‍♂️🤮
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InfinityMitzu
28.05.2023 12:49registriert Mai 2021
Und warum genau tut Bayerns Meistertitel nun der Liga gut? Der Liga tut Spannung gut, aber nicht ein elfter Titel in Folge
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Tobes
28.05.2023 14:15registriert Oktober 2017
Bin mir nicht so sicher was dieses Finale der Bundesliga helfen sollte. Eigentlich haben wir doch jetzt gelernt, das selbst wenn die Bayern eine katastrophale Saison spielen, trotzdem Meister werden. Da könnte man das ganze gekicke ja auch gleich lassen. Am Ende geht's nur drum wer zweiter wird.
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