Favoritin ist die Schweiz gegen Italien nicht. Aber wenn WM-Final-Schiedsrichter Szymon Marciniak um 18 Uhr den EM-Achtelfinal anpfeift, begegnen sich im Berliner Olympiastadion zwei Teams auf Augenhöhe.
Die Wege in die deutsche Hauptstadt waren unterschiedlich. Titelverteidiger Italien benötigte nach einem knappen Sieg gegen Albanien und einer Niederlage gegen Spanien, bei der man chancenlos war, ein Tor in der 98. Minute gegen Kroatien, um in die K.o.-Phase zu kommen.
Die Schweiz startete mit einer eindrücklichen ersten Halbzeit beim 3:1-Sieg gegen Ungarn, schaffte mit einem 1:1 gegen Schottland die Achtelfinal-Qualifikation so gut wie sicher und sie war drauf und dran, Gastgeber Deutschland zu schlagen. Erst in der 92. Minute kassierte die Nati den 1:1-Ausgleich.
Was war, zählt nun nicht mehr viel – eigentlich. Denn es hat eben doch eine grosse Bedeutung. Die Schweiz kann nach den Eindrücken der Vorrunde mit breiter Brust in dieses Duell mit dem südlichen Nachbar, der im Fussball stets überlegen war, steigen. Spieler und Fans darf es positiv stimmen, dass Nationaltrainer Murat Yakin an diesem Turnier bislang ein feines Gespür bewiesen hat.
Gegen Ungarn überraschte er mit der Nominierung von Michael Aebischer und Kwadwo Duah in die Startelf – beide trafen. Gegen die Schotten brachte er Xherdan Shaqiri von Anfang an – er schoss ein zauberhaftes Tor. Gegen Deutschland liess er sein Team mutig pressen und bissig spielen. Die Hoffnung ist da, dass Yakin im vierten EM-Spiel erneut einen taktischen Volltreffer landet.
Der Begriff der «Goldenen Generation» wurde in der Vergangenheit und in anderen Ländern, wie zuletzt etwa Belgien, überstrapaziert. Aber auch diese Schweizer Mannschaft ist ein Team, das in dieser Konstellation vermutlich nie mehr so gut sein wird wie jetzt.
Goalie Yann Sommer ist 35 Jahre alt, Fabian Schär und Xherdan Shaqiri blicken ihrem 33. Geburtstag entgegen, Ricardo Rodriguez und Granit Xhaka werden in einigen Monaten 32, Remo Freuler hat dieses Alter schon erreicht. Mit gemeinsam rund 600 Länderspielen bildet diese Gruppe an Stammspielern das Rückgrat der Mannschaft. Wenn sie einmal an einem Turnier wirklich weit kommen will, dann ist diese EM vielleicht ihre letzte grosse Chance.
Da und dort wird das Tableau der K.o.-Phase als aus Schweizer Sicht erfreulich eingestuft, weil Spanien, Deutschland, Portugal oder Frankreich in der anderen Hälfte sind. Dennoch würde bei einem Sieg gegen Italien nach Papierform England und damit ein weiterer Hochkaräter auf die Nati warten.
Kaum auszudenken, sollte sie diesen dann auch noch schlagen und dann im Halbfinal vielleicht auf Österreich treffen! Ein ewiges Nachbarschafts-Duell würde von der Skipiste ins Fussballstadion verlegt werden. Der 10. Juli würde zu einem sporthistorischen Datum werden.
Aber das ist Schnee von morgen. Heute zählt nur Italien und wie man die Squadra Azzurra besiegen kann. Gelingt dies, bleibt genug Zeit, um von noch mehr zu fantasieren. Der Traum lebt.