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Italy's Moto3 rider Romano Fenati waits in his team garage during the second practice session for the Australian Motorcycle Grand Prix at Phillip Island near Melbourne, Australia, Friday, Oct. 20, 2017. (AP Photo/Andy Brownbill)

Romano Fenati wird nach seinem Ausrutscher wohl keine Rennen mehr bestreiten.  Bild: AP/AP

Der «Fall Fenati» und die neue Gnadenlosigkeit im Töff-Zirkus

In Sekundenbruchteilen ist eine Karriere zerstört worden. Aber der Italiener Romano Fenati steht auch für eine neue Rücksichtslosigkeit im Motorrad-Rennsport. Wie «Ben Hur» auf Höllenmaschinen statt Streitwagen.



Lebenslänglich. Romano Fenati (22) büsst für einen verrückten Aussetzer wahrscheinlich mit dem Ende einer Karriere, die eine grosse hätte werden können. Er hat sich inzwischen entschuldigt und in italienischen Medien erklärt, er werde sich ins Eisenwarengeschäft seiner Eltern in Ascoli zurückziehen. Der GP-Zirkus sei nicht mehr seine Welt. Er flüchtet sich in die Opferrolle und klagt über eine verstörende Welle des Hasses, die ihm in den sozialen Medien entgegenschlage. Morddrohungen inklusive.

Er hatte am Sonntag bei Tempo 200 km/h während des Moto2-Rennens in Misano seinem Landsmann Stefano Manzi (19) in die Vorderbremste gegriffen. Eine lebensgefährliche Aktion, die der Angegriffene als Versuch wertete, ihn zu töten.

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Video: streamable

Die Hitzköpfe waren zuvor schon in heftigen Gefechten aneinandergeraten, Romano Fenati fühlte sich provoziert und tatsächlich wird Stefano Manzi für sein Verhalten bestraft und beim nächsten Rennen in der Startaufstellung um sechs Positionen rückversetzt.

Am ehesten lässt sich Romano Fenatis Ausraster mit dem wütenden Angriff von Todd Bertuzzi (Vancouver) gegen Steve Moore (Colorado) vergleichen, der als eine der schlimmsten Aktionen in der Geschichte des bezahlten Eishockeys gilt. Steve Moore blieb mit einem gebrochenen Genick und schweren Gesichtsverletzungen auf dem Eis liegen. Seine NHL-Karriere war vorbei. Todd Bertuzzi wurde sofort gesperrt und (inklusive Lockout-Saison) 17 Monate aus dem Verkehr gezogen und in einem Strafprozess schuldig gesprochen.

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Todd Bertuzzis fataler Angriff gegen Steve Moore.  Video: YouTube/HockeyWebCast

Der «Fall Fenati» ist allerdings mehr als ein einmaliger Ausrutscher. Er steht auch für die neue, nie dagewesene Gnadenlosigkeit im internationalen Rennsport.

Gewiss, auch in «alten Zeiten» sind die Jungs hart zur Sache gegangen und das Auge der TV-Kamera war nicht überall. Aber es dauerte länger, bis einer ganz oben war und einen gewissen Reifeprozess durchlaufen hatte. «Wunderkinder», die früh siegten (wie Freddie Spencer, der mit 21 Weltmeister der Königsklasse war) hat es schon im letzten Jahrhundert gegeben. Aber Karrieren begannen später. Jacques Cornu war beispielsweise 35 als er seinen ersten GP gewann. Rennsport auf höchstem Niveau bereits mit 16 oder 17 Jahren war undenkbar.

Heute wird der Kampfgeist im Schulalter geschärft. Im «Red Bull GP Rookies Cup» (im Rahmenprogramm der Töff-GP) treten seit 2007 Buben zwischen 13 und maximal 17 Jahren auf identischen Viertaktern an, die auf über 200 km/h beschleunigen. Diese Rennen sind von unerhörter Intensität.

Auch zwei der drei GP-Klassen (Moto2 und Moto3) werden auf praktisch identischen motorisierten Apparaten ausgefahren.

Bis ins 21. Jahrhundert hinein kämpften die Gladiatoren auch mit der Technik. Heute gibt es kaum mehr technische Ausfälle. Die Energie wird in den «Schräglagen-Kampf» investiert. Es gibt keinen anderen Sport – nicht die Formel 1, nicht das Eishockey, nicht American Football – der so sehr mit Testosteron aufgeladen ist und der so sehr dem Männlichkeitswahn huldigt. Weil auch in keinem anderen Sport der Tod so nahe ist.

Längst machen in diesem archaischen Sport nicht nur Talent, waghalsige Manöver, Mut und Risikobereitschaft die Differenz. Immer mehr machen sich auf verstörende Art und Weise Respektlosigkeit, Aggressivität und Rücksichtslosigkeit breit.

Romano Fenati mag ein Verrückter sein. Aber wer sich einfach in seiner Verurteilung und Verteufelung ergeht, macht es sich zu leicht. Er ist eben auch ein Produkt dieses Systems. Ein extremer Vertreter der neuen Generation, die da heranwächst. 2012 ist er im Alter von 16 Jahren mit Donnerhall über die Töffwelt gekommen. Platz zwei und ein Sieg in seinen zwei ersten Moto3-Rennen. Sein Problem war schon von Anfang an, dass er seine Aggression zu wenig kontrollieren konnte. Auch neben der Piste. Er weiss es. Aber selbst ein Mentaltrainer konnte ihm nicht helfen.

epa07003274 Italian rider Valentino Rossi of Movistar Yamaha during a MotoGP free practice session for the motorcycling Grand Prix of San Marino and Riviera of Rimini at Misano circuit, in Misano Adriatico, Italy, 07 September 2018.  EPA/PASQUALE BOVE

Valentino Rossi ist kein unbeschriebenes Blatt. Bild: EPA/ANSA

Der Italiener wird die grosse Töffbühne wohl verlassen. Aber die Radikalisierung bleibt. Sie breitet sich längst in der Szene aus. In diesem Sport ist der Respekt vor dem Gegner (und dessen Gesundheit) überlebenswichtig. Aber eine gefährliche Erosion des Anstandes ist längst im Gange. Fusstritte gegen Gegner hat sich auch schon Valentino Rossi schon geleistet. Lebensgefährliches Abdrängen von der Piste musste auch schon Tom Lüthi erdulden.

Im Mai haben in Mugello die Anhänger von Valentino Rossi nach dem Rennen den Asphalt dort geküsst, wo Marc Marquez gestürzt ist. In Misano ist der spanische Weltmeister von den «Rossisti» bei der Siegerehrung ausgepfiffen worden. Solches Verhalten wäre noch vor ein paar Jahren völlig undenkbar gewesen.

epa06973574 Spanish MotoGP rider Marc Marquez of the Repsol Honda Team on the grid before the MotoGP race of the 2018 Motorcycling Grand Prix of Britain at the Silverstone race track, Northampton, Britain, 26 August 2018.  EPA/Tim Keeton

Marc Marquez. Bild: EPA/EPA

Das System duldet diese moderne Rücksichtslosigkeit. Romano Fenati wäre praktisch ungeschoren davongekommen, wenn die TV-Kameras die Bilder nicht in die Welt hinausgetragen hätten. Am Sonntag war er für seine Missetat von der Renndirektion bloss für zwei Rennen gesperrt worden.

Erst der Aufruhr ausserhalb des Systems (der sich heute über die sozialen Medien ganz anders ausdrücken kann) hat nun Folgen. Das aktuelle Team konnte unter dem öffentlichen Druck gar nicht anders als Romano Fenati zu feuern. Und sein neuer Arbeitgeber, für den er nächste Saison gefahren wäre, hat den Vertrag annulliert.

Angesichts der weltweiten Empörung ist der Italiener nun auch noch von Vito Ippolito, dem Präsidenten des Töff-Weltsportverbandes FIM zur Anhörung an den FIM-Hauptsitzt in Genf aufgeboten worden.

Kein böser Zyniker, der ob diesen Umtrieben denkt: die Hunde bellen, die Karawane aber zieht weiter. Dem nächsten Zwischenfall entgegen.

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Video: srf

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    Alle Leser-Kommentare
  • Güselbert 12.09.2018 13:59
    Highlight Highlight Bei allem Respekt von Cornu, der ja wirklich eine geile Socke war, bin ich mir nicht sicher, ob er der geeignetste ist, um als Messlatte zu dienen.

    Ich kann bloss für die Zeit ab mitte 80er sprechen.

    Ja, die Weltmeister waren zumeist ein bisschen älter, was aber auch damit zusammenhing, dass während 10 Jahre auf höchster Ebene praktisch nur Amis und Aussies von Relevanz waren, welche va. die Amis zuerst die nationalen Meisterschaften dominierten, bevor sie in den GP-Zirkus wechselten.

    Nüchtern betrachtet, war keiner von diesen Protagonisten mehr aktiv auf Elitestufe mit 35!


    0 0 Melden
  • Güselbert 12.09.2018 13:45
    Highlight Highlight Es gibt sicher manigfaltig Gründe, welche zur jüngsten Entwicklung beigetragen haben.

    Unter anderem: Professionalisierung der Ausbildung oder die grossen Geldsummen, oder die enorme technische Entwicklung der Maschinen, welche immer höhere Kurvengeschwindigkeiten und Neigungswinkel, und trotzdem viel mehr Bikekontrolle im Grenzbereich erlauben, usw

    Ein wichtiger Punkt ist auch, dass die unheillige spanische Allianz Dorna-Marquez, die von aussen betrachtet, schon fast mafiös anmutet, einen Präzedenzfall geschaffen hat, an dem nun alles gemessen werden muss...

    Ja wer die Geister rief...
    4 2 Melden
  • no-Name 12.09.2018 09:54
    Highlight Highlight Ein Fusstritt ist bei dem Tempo mit einem kurzen wackeln erledigt. Die Physik erledigt das recht schnell weil die Kräfte so weit unten kaum ins wanken zu bringen sind. Unschön, unangenehm aber auch wenn optisch sehr spektakulär, mehr als den Verlust der Ideallinie hat es kaum zur Auswirkung.

    Eine Bremsgriff zu drücken ist schon ein anderes Kaliber und kann zum sofortigen einschlagen des Lenkers führen und den Fahrer wie ein Geschoss durch die Luft schleudern. Kein valabler Vergleich.

    Aber ja, wo viel Kohle im Dpiel ist werden mitunter auch fahrlässig getötete in Kauf genommen.
    19 1 Melden
  • Walser 12.09.2018 07:43
    Highlight Highlight Solches Gebahren ist hier in der Schweiz auch im täglichen Leben dauernd zu beobachten. Vom ersten Moment des Lebens werden viele Kids zu Egoisten erzogen. Sie lernen. Setze dich durch! Sei aggressiv! Sei rücksichtslos! Wer schon mal bei Fussballmatches der Kids das Vehalten inklusive der Eltern beobachtet hat, hat keine Fragen mehr. Und in der Regel wird nichts sanktioniert und niemand zur Verantwortung gezogen. So kommmts wies kommt.
    44 2 Melden
  • thelastpanda 12.09.2018 07:05
    Highlight Highlight Ich denke, es sagt viel aus über ein System, das einen solchen Angriff, der durchaus auch tödlich hätte enden können, nur mit einer Sperre von 2 Rennen bestraft. Das ist ein kleiner Klaps auf die Hände, mehr nicht. Man nimmt also weitere solche Aktionen einfach in Kauf, anstatt ein Exempel zu statuieren.
    20 1 Melden
  • Dude 12.09.2018 06:53
    Highlight Highlight Ok, danke Herr Zaugg für diesen unglaublich informationsarmen Artikel.
    Höllenmaschinen... Testosteron... Archaisch...
    Die Folgen von Fenatis Verhalten sind doch bereits hinteichend bekannt.
    Any news?
    76 51 Melden
    • Stratosurfer 12.09.2018 08:38
      Highlight Highlight Ich finde den Artikel sehr treffend und informativ. Es geht ja gar nicht um die Folgen des Vorfalls. Es geht darum, dass im Sport Fairness, Respekt und Ehre, länger je mehr abhanden kommen.
      53 5 Melden
    • exeswiss 12.09.2018 22:55
      Highlight Highlight @Dude btw. dieser Artikel ist als Kommentar deklariert somit ist es zu erwarten das es nicht "News" sind, sondern eine sichtweise des schreibers auf ein ereigniss.
      3 0 Melden

Lieber Arno, ich glaube leider, es ist wirklich an der Zeit zu gehen

Auch nach der Nationalmannschaftspause scheint der HC Davos immer noch tief in einer Krise zu stecken. Es ist Zeit für einen drastischen Schritt.

Ich hätte nie gedacht, dass ich diesen Satz mal so schreibe. Aber es scheint tatsächlich, als wäre es an der Zeit, dass du, Arno Del Curto, den HCD verlassen musst.

Seit 1996, seit 23 Jahren, stehst du in Davos oben an der Bande. Du hast viele Erfolge gefeiert, gewannst sechs Mal die Meisterschaft und fünf Mal den Spengler Cup. Du hast auch einige schwierige Momente, gar Krisen durchlebt. Doch so ratlos wie in diesen Tagen haben du und dein ganzes Umfeld noch nie gewirkt.

Selbst als …

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