Curling fasziniert bei Olympia – dabei widerstrebt das lange Spiel dem Zeitgeist
Ein asiatischer Journalist, der schon länger durch das Medienzentrum schleicht, bleibt plötzlich stehen. Er vertrete einen japanischen TV-Sender und benötige eine Experteneinschätzung zum olympischen Curling-Turnier. Die Kamera läuft bereits. Die Röte steigt mir ins Gesicht. Experte?
Nein, zum Expertentum ist der Weg noch weit. Es ist mehr eine Liebschaft, wie alle vier Jahre, wenn der Curling-Sport sein Nischendasein verlässt und uns bei Olympia in seinen Bann zieht. Wahrscheinlich ist eines der grösseren Rätsel dieser Winterspiele: Warum fasziniert uns ausgerechnet jene Sportart, von der wir wenig verstehen und ein Spiel auch mal drei Stunden dauern kann?
Ehrfürchtig schauen wir den kühlen Strateginnen und Strategen zu, die Granitsteine über das Eis tanzen lassen, als würden sie von einem unsichtbaren Faden gezogen. Und immer wieder unterhalten uns die Gespräche, die sie führen, weil alle Spieler verkabelt sind. Im Italien-Spiel brachte uns der Schweizer Sven Michel zum Schmunzeln.
Michel wollte seinen Teamkollegen Benoît Schwarz-van Berkel überzeugen, jetzt einen Takeout zu spielen. Takeouts sind stürmische Steine. Sie segeln mit viel Tempo ins Haus und verfolgen das Ziel, die Steine des Gegners aus dem Haus zu jagen. Schwarz-van Berkel war jedenfalls nicht so begeistert von der Idee. Dann sagte Michel: «Also ich habe die ganze Woche schon schwierigere Steine gespielt.»
Wischen wirkt Wunder
Eine andere Stimme, die uns in diesen Tagen Curling vermittelt, ist Calvin Stettler. Der Aargauer kommentiert während Olympia bei SRF, an seiner Seite sitzt die ehemalige Spielerin Carmen Müller-Schäfer, die uns an der Hand nimmt, wenn mir mal gar nicht mehr weiterwissen. Stettler hat keinen Curling-Background, er hat sich in die Materie «reingekämpft», wie er sagt. Wie vor einer Prüfung quasi.
Stettler sagt auch: «Was mich seit jeher fasziniert, ist die Kommunikation unter den Spielern. Du kannst hautnah dabei sein, wenn sie in dieser extremen Drucksituation miteinander reden.» Das führe zu einer Echtheit, die andere Sportarten nicht transportieren könnten.
Dass Spielerinnen und Spieler am Fernsehen zu hören sind, ist bei allen grossen Turnieren Standard. Claudio Pescia, der Delegationsleiter von Swiss Curling, sagt: «Bei der Kommunikation können wir einen Mehrwert bieten. Das wäre in anderen Disziplinen schwieriger. Nehmen wir das Skifahren – da wäre wahrscheinlich nur ein Ein- und Ausatmen zu hören.»
In den Viererteams diskutieren nicht alle gleich viel mit. Mehrheitlich sind es der Skip und der Vize-Skip, die über mögliche taktische Szenarien debattieren. Dann gibt es aber auch noch die beiden Wischer, welche die ersten vier von acht Steinen spielen – und natürlich auch wischen. Die Besenarbeit ist in den vergangenen Jahren immer wichtiger geworden. «Wischen kann Wunder wirken. Es braucht Kraft und Fingerspitzengefühl. Es ist letztlich die Korrektur der Präzision», sagt Pescia.
Wie Federer gegen Nadal
Die Präzision ist bemerkenswert hoch beim Olympischen Turnier. Es gibt eigentlich keine schlecht gespielten Steine auf diesem Level. Pescia sagt: «Das Prinzip Hoffnung gibt es nicht.» Man kann sich nicht auf Fehler des Gegners verlassen. Man muss dem Gegner solch schwere Aufgaben stellen, dass er diese auch mit einem perfekten Stein nicht mehr lösen kann. Fehler erzwingen eben, forced errors. Anschaulich war das in der Halbfinal-Partie zwischen Grossbritannien und der Schweiz. Das Spiel hätte jederzeit auf beide Seiten kippen können. Wie Federer gegen Nadal in Wimbledon.
Es geht bei dieser Leidenschaft um ein austariertes Zusammenspiel aus Präzision, Taktik, Athletik und Authentizität. Wir nehmen sogar dreistündige Spiele in Kauf. Die ausgedehnte Spieldauer wird zum wohltuenden Anachronismus im Zeitalter des endlosen Scrollens. Wenn es nach Claudio Pescia ginge, müsste die Länge aber angepasst werden. «Der Weltverband muss von diesen zehn Ends wegkommen, das ist wahnsinnig lang.»
Ein kleiner kanadischer Ausraster
Im Stadion von Cortina kommt keine Langeweile auf, die Stimmung ist mitreissend. Calvin Stettler, der seit über zwei Wochen in dieser Halle kommentiert, sagt: «Es ist elektrisierend. Wenn über 2000 Menschen da drin sind, ist es ein wenig wie beim Fussball.»
Im Normalfall zeigen sich die Emotionen eher auf den Rängen als auf dem Eis. Eine Episode des Olympischen Turniers passt eigentlich nicht wirklich ins Bild. Ein Kanadier und ein Schwede gerieten einmal aneinander. Die Szene ging viral.
Der Schwede machte den Kanadier darauf aufmerksam, dass es bei seiner Steinabgabe zu einer unerlaubten Doppelberührung kam. Der Beschuldigte reagierte entrüstet. «Wer macht das? Wer? Ich habe das kein einziges Mal gemacht.» Es folgte eine englische Wendung, die abgeschwächt immer noch «Verpiss dich» bedeutet. In Videos war später zu sehen, dass der Kanadier zweimal berührte.
Es gäbe eigentlich im Curling einen Ehrenkodex, der sogenannte «Spirit of Curling». Es sind Normen, die über das eigentliche Regelwerk hinausgehen. Eine davon formuliert der Schweizer Verband auf seiner Website so: «Begeht ein Curler einen Fehler, so ist er der Erste, der diesen zugibt.» Schiedsrichter, die sich proaktiv einmischen, gibt es nicht. Darauf ist Claudio Pescia besonders stolz.
Doch vielleicht ist die Erklärung ganz simpel: Curling fasziniert uns, weil die Schweiz sowohl bei den Männern als auch bei den Frauen zur Weltspitze gehört. Die Männer gewannen am Freitagabend Olympia-Bronze. Die Frauen spielen am Sonntag (ab 11.05 Uhr, bei watson im Liveticker) um Gold. Zwei Viererteams, zwei kongeniale Einheiten, mit denen wir in diesen Tagen mitleiden.
Eine Leidenschaft, kein Expertentum. Für eine Schaltung nach Japan reicht das noch nicht. Deshalb stahlen wir uns aus dem Kamerabild. Ähnlich schnell wie ein Curling-Stein, der nach dem Takeout das Haus verlässt.
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