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Wirtschaft
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Interview

«Die Chinesen haben den IT-Krieg schon gewonnen»

WeChat ist WhatsApp überlegen. Das ist erst der Anfang. Im Rennen um die Führerschaft bei der künstlichen Intelligenz haben die Chinesen die Nase vorne. In der Schweiz haben wir zwar gute Hochschulen, aber uns fehlt das Unternehmer-Gen, sagt Venture Capital Investor Michael Bornhaeusser.



Die USA und China liefern sich nicht nur einen Handels-, sondern auch einen Hi-Tech-Krieg. Wen sehen Sie als Sieger?
Michael Bornhaeusser: China hat ganz klar die Nase vorn. Selbst im Silicon Valley heisst es heute: Wenn wir einen Spezialisten für künstliche Intelligenz suchen, dann brauchen wir einen Chinesen.

Worauf führen Sie die chinesische Überlegenheit zurück?
Die chinesischen Universitäten spucken pro Semester 10’000 bis 15’000 IT-Absolventen aus. Allein die Masse an Ingenieuren, die in den letzten zehn Jahren in China ausgebildet worden sind, ist gigantisch.

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Venture Capital Investor Michael Bornhaeusser. Er wird Teilnehmer sein am 5. Silicon Valley meets Switzerland Event am 23. März in Zürich.

Mit anderen Worten: Chinesische Masse wird westliche Klasse besiegen?
Die Chinesen haben schon gewonnen, und zwar auch durch Qualität. Das ist in der Szene, auch im Silicon Valley, ein offenes Geheimnis.

Was hat das für Folgen?
Marktfähige Innovationen – mit Betonung auf marktfähig – werden künftig vermehrt aus China kommen. Schauen Sie den Unterschied zwischen WhatsApp (amerikanisch) und WeChat (chinesisch) an. WeChat ist technologisch weit ausgereifter.

Was ist aus dem Chinesen-können-nur-kopieren-Image geworden?
Das ist im IT-Bereich seit mindestens zehn Jahren überholt.

Wir Schweizer sind sehr stolz auf ETH, EPFL, Uni Zürich und St.Gallen. Sind wir auch abgehängt worden?
Und wie! Unsere Hochschulen sind nicht in der Lage, kommerzielle Entwicklungen zu machen. Sie machen Engineering für Ingenieure, oder anders ausgedrückt: Kunst, um der Kunst Willen. Zumindest, wenn wir über IT reden. Engineering im Bio-Tech ist eine andere Geschichte. Da sind wir mit Roche und Novartis ganz gut bedient. Aber wann haben Sie zum letzten Mal von einem bedeutenden IT-Unternehmen gehört, das aus der ETH oder der EPFL hervorgegangen ist? Kein Startup, sondern ein Unternehmen mit einem Börsenwert von drei, vier Milliarden Franken?

«In der Schweiz werden die Firmen zu früh verschachert und nicht zu internationalen IT- Unternehmen entwickelt.»

Google und Disney richten grosse Forschungsstätten in Zürich ein. Ist das nichts?
Das ist sicher ganz nett und unsere Ingenieure sind eben gute Forscher. Aber mir geht es darum: Wer entwickelt nicht nur Interessantes, wer hat auch wirtschaftlichen Erfolg, schafft Arbeitsplätze und zahlt Steuern? In der Schweiz schaffen wir es nicht, aus unseren Entwicklungen auch Wertschöpfungen zu machen. Da sehe ich das grosse Problem.

Sind wir zu satt? Oder fehlt uns das Unternehmer-Gen?
Beides ist richtig.

Und wie können wir das ändern?
Wir haben vielversprechende Startups, aber ihnen fehlt die Aggressivität. Das können Sie nicht an der Hochschule lernen. Es ist eine kulturelle Frage.

Ist es nicht auch eine Fragen von fehlendem Wagnis-Kapital?
Wir haben ein Schlaraffenland, was die erste Finanzierungsrunde für Startups betrifft. Im sogenannten Angel-Investment-Bereich ist die Schweiz top. Es gibt hierzulande viele Leute, die viel Geld haben und gerne viel in sehr junge Unternehmen investieren.

Wo liegt also das Problem?
80 Prozent dieses Geldes ist verloren, weil der zweite Schritt nicht erfolgt. In dem Moment, in dem die jungen Unternehmen richtig Geld brauchen – 10, 20 Millionen Franken –, um zu expandieren, wird es bei uns eng. Bis auf wenige Ausnahmen investieren keine grossen Fonds in der Schweiz. Die Schweizer Startups sind aus den oben genannten Gründen nicht attraktiv genug.

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Die legendäre Terrakotta-Armee ist längst von modernsten Robotern ersetzt worden. bild: unsplash

Wo investieren die denn?
Neben den USA in Berlin beispielsweise. Vor fünf, sechs Jahren war Berlin in einer ähnlichen Lage wie die Schweiz. Die haben sich inzwischen aufgerappelt. Oder in Israel. Dort sind alle Grossen vertreten und investieren wie blöd.

Mit anderen Worten: Wir hätscheln die Babys und lassen die Teenager hängen?
Ein junges Unternehmen braucht zunächst ein paar hunderttausend Franken. Um richtig durchzustarten, braucht es jedoch fünf bis sechs Millionen Franken. Dieses Risiko will niemand in der Schweiz übernehmen. Daran ändern auch all die Startup-Awards, die wir inzwischen erfunden haben, nichts.

In der Schweiz sind wir zu vorsichtig und zu perfektionistisch?
Vor allem zu langsam. Und zu wenig aggressiv.

Warum befindet sich dann die Schweiz in den internationalen Wettbewerbsfähigkeits-Rankings immer noch auf einem Spitzenplatz?
Das sind Fake News. Diese Indices beruhen unter anderem auf angemeldeten Patenten. Schweizer Firmen gehören zu den innovativsten – wenn es um den Biotech-Sektor geht. Allein Novartis meldet jedes Jahr hunderte von Patenten an. Aber was hat das mit IT-Startups zu tun?

Es gibt ja nicht nur den sprichwörtlich frühen Vogel, der den Wurm fängt, sondern auch die späte Maus, die das Stück Käse erhält. Vielleicht sind wir lieber die späte Maus.
Andersrum wird ein Schuh draus. Die Schweizer verkaufen ihre Firmen zu früh, meist, wenn sie zwischen 20 oder 30 Millionen Franken wert sind. Ich habe noch nie in eine Firma investiert, die weniger als 50 Millionen Franken, und noch nie eine Firma verkauft, die weniger als 300 Millionen Franken wert war. In der Schweiz werden die Firmen zu früh verschachert und nicht zu internationalen IT-Unternehmen entwickelt. Wenn dir einer Geld für dein Startup gibt, gilt die Devise: Take the money and run!

So hilft künstliche Intelligenz den Strassenkatzen

Video: watson

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