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UBS-Chef Sergio Ermotti erhielt das 264-fache des Tiefstlohns bei der Grossbank.
UBS-Chef Sergio Ermotti erhielt das 264-fache des Tiefstlohns bei der Grossbank.
Bild: KEYSTONE

Managerlöhne steigen ungebremst – Gewerkschafter erwägen neue Abzocker-Initiative

Vor vier Jahren wurde die Abzockerinitiative angenommen. Geändert hat sich so gut wie nichts, die Lohnschere in der Schweiz öffnet sich weiter. Eine neue Abstimmung ist möglich.
23.06.2017, 07:2223.06.2017, 22:02

Das Resultat liess an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. Mit 67,9 Prozent sagte das Schweizer Stimmvolk am 3. März 2013 Ja zur Abzockerinitiative, die der Schaffhauser Kleinunternehmer und heutige parteilose Ständerat Thomas Minder lanciert hatte. Der Bundesrat setzte sie vorläufig mit einer Verordnung um, mit der insbesondere die Rechte der Aktionäre gestärkt wurden.

Was aber hat die Initiative konkret gebracht? «Nichts.» Diesen ernüchternden Befund lieferte Gabriel Fischer, Leiter Wirtschaftspolitik bei Travail.Suisse, am Donnerstag vor den Medien. Seit 2005 veröffentlicht der Gewerkschaftsdachverband jährlich eine Erhebung zur Entwicklung der Managerlöhne. Trotz Abzockerinitiative steigen diese munter weiter.

Die Initiative von Thomas Minder hat nichts bewirkt.
Die Initiative von Thomas Minder hat nichts bewirkt.
Bild: KEYSTONE

Travail.Suisse untersucht jeweils die Lohnscheren in 27 Schweizer Unternehmen. Gemeint ist damit das Verhältnis zwischen dem höchsten und dem tiefsten Lohn, wobei gerade letzterer nicht leicht erhoben werden kann, wie Projektmitarbeiterin Miriam Hofstetter erklärte. Lohntransparenz ist weiterhin in vielen Firmen ein Fremdwort. Einige der markantesten Befunde in Zahlen:

40

Bei so vielen Topmanagern beträgt die Lohnschere 1:100 und mehr. Sie verdienen mindestens 100 Mal so viel wie der am schlechtesten bezahlte Mitarbeiter im gleichen Unternehmen. Spitzenreiter ist UBS-Konzernchef Sergio Ermotti, der für das letzte Jahr 13,7 Millionen Franken erhielt, das 264-fache des Tiefstlohns. Dahinter folgen die CEOs von Zurich, Roche, Nestlé, ABB, Novartis und CS. Die beiden Grossbanken UBS und CS sind in der Liste mit Abstand am stärksten vertreten.

6 Prozent

So hoch war der durchschnittliche Lohnanstieg bei den Managerlöhnen in den 27 Grossfirmen. Bei den CEOs war das Lohnwachstum mit 5 Prozent etwas tiefer, aber immer noch deutlich höher als bei der breiten Masse der Beschäftigten in der Schweiz. Das Bild ist allerdings nicht einheitlich. In neun Konzernen sanken die Saläre sogar, so auch in den viel gescholtenen Grossbanken. Klarer Spitzenreiter ist der Detailhandelskonzern Valora mit einem Lohnwachstum von 69 Prozent.

17 Prozent

Entwicklung der Löhne seit 2011.
Entwicklung der Löhne seit 2011.
grafik: travail.suisse

Um diesen Wert stiegen die Entgelte in den Chefetagen seit 2011. In jenem Jahr war die Finanzkrise endgültig überwunden, und die Debatte über die Abzockerinitiative erreichte einen Siedepunkt. Die Durchschnittslöhne in der Schweiz stiegen im gleichen Zeitraum nur um 3,4 Prozent. Und viele Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer haben kaum ein Lohnwachstum erlebt.

1:51

Die Lohnschere in den untersuchten Unternehmen lag 2011 bei rund 1:45. Im letzten Jahr öffnete sie sich auf über 1:51. Dieser Befund zeigt besonders deutlich, wie die Bezahlung von Gross- und Normalverdienern trotz Minder-Initiative immer weiter auseinanderklafft. Besonders krass ist der Befund erneut bei Valora. Bei CEO Michael Müller öffnete sich die Schere von 1:23 auf 1:59.

4,2 Millionen

Diese Summe erhielt der neue Zurich-Konzernchef Mario Greco im letzten Jahr nicht etwa als Gesamtlohn, sondern für «entgangene Boni» bei seinem früheren Arbeitgeber Generali. Er erhielt also Geld für eine Leistung, die er VIELLEICHT erbracht hätte. Für Gabriel Fischer ist klar: Mit dieser absurden Begründung hat der Versicherungskonzern das mit der Abzockerinitiative eingeführte Verbot von Antritts- und Abgangsentschädigungen umgangen.

Mario Greco erhielt Millionen für «entgangene Boni».
Mario Greco erhielt Millionen für «entgangene Boni».
Bild: EPA/KEYSTONE

Die Boni auf der Teppichetage sind ein Thema für sich. Während sie bei Normalverdienern in der Regel vom Firmenergebnis abhängig sind, gelten bei den Managern andere Regeln. «Wenn der Bonus gleichzeitig mit dem Fixlohn festgelegt wird, ist die Abhängigkeit von der Leistung ein Mythos», sagte der Neuenburger SP-Nationalrat und Travail.Suisse-Vizepräsident Jacques-André Maire.

13

So viele Frauen sassen 2016 in den Konzernleitungen der 27 Firmen. Das entspricht einem Anteil von 6 Prozent. Seit Jahren gebe es in diesem Bereich kaum eine Entwicklung, sagt Fischer. Besser sieht es in den Verwaltungsräten aus, dort hat sich der Frauenanteil in den letzten zehn Jahren auf 24 Prozent verdoppelt. Mit der anstehenden Revision des Aktienrechts soll nach dem Willen des Bundesrats eine Frauenquote eingeführt werden.

Die Chancen, dass sie auch bei der bürgerlichen Mehrheit im Parlament Gnade findet, sind nicht sonderlich hoch. Die Beratungen in der zuständigen Kommission des Nationalrats beginnen diese Woche. Mit der Revision soll auch die Verordnung zur Abzockerinitiative auf Gesetzesstufe verankert werden. Substanzielle Verschärfungen aber sind nicht zu erwarten. Jacques-André Maire jedenfalls macht sich keine Illusionen.

Keine Exzesse bei KMU

«Die Entwicklung bei den Managerlöhnen gefährdet den sozialen Frieden in der Schweiz», mahnte Travail.Suisse-Präsident Adrian Wüthrich. Gleichzeitig räumte er ein, dass nicht alles schief läuft. Bei den KMU gebe es «keine exorbitanten Lohnexzesse». Und die Ablehnung der Vergütungsberichte an den Generalversammlungen betrage in der Schweiz im Durchschnitt 12 Prozent, was deutlich höher sei als in den USA und Grossbritannien, so Wüthrich.

Adrian Wüthrich liebäugelt mit einer neuen Initiative.
Adrian Wüthrich liebäugelt mit einer neuen Initiative.
Bild: KEYSTONE

Vereinzelt wurden solche Berichte auch schon abgelehnt. Doch diese Abstimmungen sind nur konsultativ und nicht verbindlich. Wüthrich forderte von den Managern mehr Zurückhaltung und «schweizerische Bescheidenheit». Andernfalls könnte eine neue Volksinitiative zum Thema werden oder «eine Durchsetzungsinitiative der Abzockerinitiative», wie der Gewerkschaftschef im Gespräch mit watson augenzwinkernd ausführte. Er hält eine breite Allianz für möglich.

Konkret geplant ist noch nichts. Man wolle die Beratungen im Parlament über das neue Aktienrecht abwarten, sagte Wüthrich. In welche Richtung eine neue Initiative gehen könnte, zeigen die Forderungen von Travail.Suisse. Dazu gehören mehr Steuertransparenz und ein Solidaritätsbeitrag bei den hohen Einkommen, etwa durch eine Ausdehnung der Steuerprogression.

Die Reichsten in der Schweiz

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Die Reichsten in der Schweiz
quelle: epa / thord nilsson
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