Wirtschaft
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5000 Arbeiter sind gegangen, 5000 Beamte sind gekommen – willkommen in der St.Galler Davidstrasse!

In der Ostschweiz sind 5000 Industrie-Stellen verschwunden und gleich viele beim Staat neu entstanden. Die Davidstrasse in St.Gallen steht sinnbildlich für diese Entwicklung. Nun soll eine IT-Forschungsoffensive eine neue wertschöpfende Branche ansiedeln.



Die Davidstrasse, nur unweit entfernt vom Bahnhof St.Gallen, ist auf den ersten Blick nichts Besonderes. Ein paar wenige Restaurants, die Kunsthalle St.Gallen, prächtige Häuser. Meistens ist es ruhig, belebte Gegenden sehen anders aus. Früher war das anders. Da haben Arbeiter hier gekrampft, damals war hier mit der Textil-Industrie eine Branche ansässig, auf die ganz St.Gallen stolz war. 

Die Davidstrasse zeigt auf, wie sich eine ganze Region entwickelt hat und vor welch gewaltigen Problemen sie heute steht.  

Die Davidstrasse in St.Gallen ist heute fest in der Hand von Staatsangestellten. Auf der gegenüberliegenden Seite des ehemaligen Lagerhauses haben sich die staatlichen Betriebe in beinahe der gesamten Häuserreihe einquartiert. Mittlerweile gibt es fast keinen Platz mehr für anderes. Wo früher Stoffe gefärbt, geschnitten und verarbeitet worden sind, verwalten heute das kantonale Volkswirtschaftsdepartement, das Bildungsdepartement oder die Steuerbehörde vor sich hin.

Von aussen sieht alles noch ähnlich aus wie kurz vor dem ersten Weltkrieg, als die Ostschweizer Textilindustrie in voller Blüte stand. In den Häusern an der Davidstrasse schufteten die Arbeiter und Angestellten der grossen Handelshäuser. Ihre Textilprodukte waren zu dieser Zeit das wichtigste Exportgut der Schweiz.

Bild

Hinter diesen Fenstern an der Davidstrasse sitzen lauter Beamte.
bild: watson

Davidstrasse St. Gallen

Dieses Foto der Ecke Davidstrasse/Geltenwilenstrasse ist irgendwann zwischen 1910 und 1920 aufgenommen worden.
bild: antikesundverschwundenesstgallen.blogspot.ch

Davidstrasse

Die Ecke Davidstasse/Geltenwilenstrasse heute.
bild: watson

Hinter den gut erhaltenen Fassaden wird selbstverständlich auch heute noch gearbeitet. Doch die weniger schweisstreibende Tätigkeit der Staatsangestellten schafft keine Produkte, sie vernichten in diesem Sinne Geld. Und genau hier liegt eine der grössten Herausforderungen der Ostschweiz.

Alleine seit dem Jahr 2008 gingen in der Ostschweizer Industrie 5000 Stellen verloren. Während dieses Zeitraums sind in der Region 5000 Stellen geschaffen worden – beim Staat und in staatsnahen Bereiche. Dazu gehören nicht nur die öffentliche Verwaltung, auch das Gesundheitswesen und die Bildung.

Diese Entwicklung beunruhigt die Industrie- und Handelskammer (IHK) St.Gallen-Appenzell, die dieses Jahr ihr 550-jähriges Bestehen feiert, stark. IHK-Direktor Kurt Weigelt sagt im Interview, warum die Verlagerung von Arbeitsplätzen aus der Industrie zum Staat nicht gut gehen kann und zeigt auf, was sich rasch möglichst ändern muss. 

Die Industrie in der Ostschweiz hat es schwer. Tausende Stellen gingen verloren. Wo drückt der Schuh?
Kurt Weigelt​: Die Export-Erfolge, welche die Schweiz in den letzten 20 Jahren vorweisen konnte, gehen primär auf das Konto der Pharma-Industrie und gleich noch einmal auf das Konto der Pharma-Industrie. Dahinter folgt die Uhren-Industrie. Die Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie (MEM-Industrie) tut sich hingegen schon seit vielen Jahren schwer. Sie entwickelt sich defensiver als andere Wirtschaftszweige. In der Ostschweiz gibt es überdurchschnittlich viele MEM-Industrie-Betriebe und diese spüren die zwei Frankenschocks der letzten Jahre dementsprechend stärker. 

Bild

grafik: ihk

Inwiefern? Mit welchen Folgen?
2005 hatten wir den ersten Frankenschock. Dieser und der Frankenschock am 15. Januar 2015 haben die Negativ-Entwicklung, die, wie gesagt, in der MEM-Industrie schon seit längerem Tatsache ist, beschleunigt. Die verlorenen Stellen sind aber nicht einfach eine Währungsproblematik.

Sondern?
Sie sind die Folgen der globalisierten Wertschöpfungskette. Sie sind das Ergebnis eines strukturellen Wandels, der schon die letzten 20 Jahre läuft. Das Ganze hat mit der Globalisierung und der Digitalisierung zu tun. Darauf müssen wir reagieren statt einfach mehr staatliche Stellen zu schaffen. 

Stickerei St. Gallen

Möbelwerkstatt in St.Galler Quartier Lachen um zirka 1909.

Wie meinen Sie das?
Die öffentlichen Verwaltungen machen sich breit. Vielerorts, wo früher in Stickereien durch harte Arbeit Geld verdient wurde, sitzen heute zu 100 Prozent Leute, die für Staatsbetriebe arbeiten. Seit 2008 sind in der Ostschweiz 5000 Stellen im staatlichen Sektor geschaffen worden. Was wir in der Industrie verloren haben, haben die gewonnen. Doch diese Rechnung geht nicht auf. 

Warum nicht?
Nehmen wir das Beispiel eines Metallbauschlossers, der seine Stelle verloren hat. Dieser wird nach seiner Entlassung nicht einfach Sozialarbeiter. Er bleibt arbeitslos. Weil wir aber ein Beschäftigungswachstum haben im öffentlichen Bereich, bleibt die Arbeitslosenquote ungefähr gleich. Damit verdeckt man den Strukturwandel. Mit der Schaffung von Arbeitsplätzen im öffentlichen Sektor kann man den Verlust der Arbeitsplätze im privaten Sektor nicht wettmachen. Wer, bitte, soll die Arbeitsplätze im öffentlichen Sektor finanzieren, wenn die Wertschöpfung im privaten Sektor nicht mehr vorhanden ist? Das ist eine tickende Zeitbombe. All die staatlichen Jobs sind nicht finanziert. Das weiss jeder Politiker, aber keiner ist bereit, grundsätzliche Fragen zu stellen.  

Wieso?
Überall versucht man mit Verstaatlichung die Probleme zu lösen. Damit löst man jedoch gar nichts. Mit Blick auf ihre politischen Interessen macht es für die einzelnen Parteien wenig Sinn, sich um die wirklichen Herausforderungen zu kümmern. Weit attraktiver ist es, den tagespolitischen Populismus zu bewirtschaften. 

Haben Sie denn eine Lösung in der Schublade?
Es gibt keine einfachen Lösungen. Wir müssen grundsätzlich umdenken.

Wo müssen wir anfangen?
Wir haben in der Ostschweiz nach wie hervorragende, moderne Industrie-Betriebe. Bühler Uzwil etwa oder die SFS Gruppe und die Stadler Rail. All diese Firmen haben investiert und trotzdem sind Arbeitsplätze gefährdet. Dies weil, wie anfangs erwähnt, die Wertschöpfungskette globalisiert ist. Die Kunden dieser Betriebe sind heute auf der ganzen Welt. Die grossen Autofabriken stehen nicht mehr nur in Deutschland. Sie sind in China oder Tschechien. Liefert der Autokonzern also in die ganze Welt, müssen die Ostschweizer ihre Werkplätze auch hin zum Kunden auslagern. Dadurch gehen für den Betrieb selber zwar keine Arbeitsplätze verloren, für den Standort Ostschweiz aber sehr wohl. Das lässt sich nicht vermeiden und wird sich noch verstärken. Deshalb müssen wir hier ansetzen.

Wie?
Die Pharma-Industrie hat es uns vorgemacht. Sie steckte vor 20 Jahren in einer ähnlichen Situation. Und was hat sie getan? Sie investierte massiv in die Forschung und Entwicklung und ist heute in diesem Bereich führend. Dadurch ist die Pharma-Industrie auf Verwerfungen wie Franken-Schocks viel weniger gefährdet. Die Arbeitsplätze sind sicher. 

Wie wollen Sie das für die Industrie-Branche in der Ostschweiz schaffen?
Wir von der IHK sind zum Schluss gekommen, dass wir Voraussetzungen schaffen müssen, damit in der Ostschweiz Forschung und Entwicklung im Bereich Informatik einen höheren Stellenwert bekommt. 

«Die Ostschweiz braucht jetzt eine Informatik-Offensive.»

Das heisst konkret?
Im Bereich der technischen Wissenschaften investiert der Bund mehr oder weniger nur in die ETH Zürich und die ETH Lausanne; alle vier Jahre je zehn Milliarden Franken. Die Ostschweiz bleibt auf der Strecke. Zu uns kommt nichts. Jetzt müssen wir es halt selber in die Hand nehmen. Die IHK ist überzeugt, dass wir in die IT-Forschung investieren müssen. Da sind wir bereits intensiv dran. An der Universität St.Gallen soll ein Informatikstudium aufgebaut werden. Für eine entsprechende Studie haben wir 200'000 Franken zur Verfügung gestellt. Zudem soll es auch auf der Fachhochschul-Stufe mehr Informatikstudiengänge geben in der Ostschweiz; nicht nur in Rapperswil. Und schliesslich wollen wir Informatik-Mittelschulen. Nur wenn wir junge Leute bei uns in Informatik ausbilden, haben wir die Chance, dass sie danach bei uns bleiben und in der Forschung und Entwicklung tätig sind. 

Wird die Ostschweiz so vom Werkplatz zum Denkplatz?
Es muss nicht so absolut sein. Investitionen in die Forschung sichern Arbeitsplätze in den Werkhallen. Die Ostschweiz muss sich auf lange Sicht neu erfinden. Das geht nicht so rasch. Das ist ein Strukturwandel. Es muss ein Ruck durch die Gegend gehen. Kurz zusammengefasst braucht die Ostschweiz jetzt eine Informatik-Offensive um die Firmen zu stärken. 

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