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Durchbruch bei der Suche nach einem Impfstoff verkündet: Elena Smoljartschuk (l.), Leiterin des Zentrums für die klinische Untersuchung von Arzneimitteln an der Setschenow-Universität Moskau.
Durchbruch bei der Suche nach einem Impfstoff verkündet: Elena Smoljartschuk (l.), Leiterin des Zentrums für die klinische Untersuchung von Arzneimitteln an der Setschenow-Universität Moskau.
Bild: keystone

Die Russen haben den ersten Corona-Impfstoff entwickelt – aber es gibt Zweifel

29.07.2020, 15:56

Im Rennen um einen Impfstoff gegen SARS-CoV-2 scheint Russland die Nase vorn zu haben – jedenfalls, wenn man den Verlautbarungen der involvierten russischen Wissenschaftler Vertrauen schenkt. Wie CNN berichtet, wollen die russischen Behörden den Impfstoff am 10. August oder sogar noch früher zulassen. Offizielle Stellen in Moskau haben die Meldung von CNN bestätigt.

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Der Impfstoff «Gam-COVID-Vac» wurde in Zusammenarbeit mit dem russischen Verteidigungsministerium am Moskauer Gamaleja-Institut, dem Nationalen Forschungszentrum für Epidemiologie und Mikrobiologie, entwickelt. Bereits am 12. Juli und dann am 15. Juli hatten Wissenschaftler an einer Medienkonferenz in Moskau von einem Durchbruch gesprochen.

Smoljartschuk während der Medienkonferenz am 15. Juli in Moskau.
Smoljartschuk während der Medienkonferenz am 15. Juli in Moskau.
Bild: keystone

Alle 38 Testpersonen hätten Antikörper gegen SARS-CoV-2 entwickelt und seien nun immun gegen das Virus. 18 der Freiwilligen waren am 18. Juni im Gamaleja-Institut geimpft worden, 20 am 23. Juni im Burdenko-Militärspital. Alle würden nun entlassen, aber danach ambulant unter ärztlicher Aufsicht bleiben.

Der Impfstoff basiere auf menschlichen Adenovirus-Vektoren, in die Teile des SARS-CoV-2-Gens integriert wurden. Es handle sich um ein Verfahren, bei dem nicht eine inaktivierte Form des Erregers injiziert werde, sondern ein Mittel, das eine ähnliche Reaktion des Immunsystems hervorrufe wie das Coronavirus. «Während der klinischen Studien wurde weder ein lebendes noch inaktives Virus in den menschlichen Körper eingebracht. Weder der Impfstoff noch das Protein, das nach dem Eindringen des Antigens in die Zellen erzeugt wird, können Covid-19 verursachen», sagte Elena Smoljartschuk, Leiterin des Zentrums für die klinische Untersuchung von Arzneimitteln an der Setschenow-Universität in Moskau.

Wadim Tarasow, Direktor des Instituts für translationale Medizin und Biotechnologie an der Setschenow-Universität, bestätigte, dass eine Immunität festgestellt worden sei. «Wir werden jedoch Zeit brauchen, um die langfristige Wirksamkeit des Impfstoffs zu untersuchen», betonte er. Tarasow verwies zudem mit einigem Stolz auf die wissenschaftliche Tradition:

«Die Sowjetunion war schon immer stark bei der Impfstoffentwicklung. Dieses Know-how hat unserem Land geholfen, den Impfstoff so schnell zu entwickeln. Die wissenschaftlichen Grundlagen, die in der Sowjetunion geschaffen und später in der Russischen Föderation weiterentwickelt wurden, ermöglichen es uns, die Ersten auf der Welt zu sein, die solche Ergebnisse vorweisen können.»
Wadim Tarasow: sowjetische Wissenschaft gelobt.
Wadim Tarasow: sowjetische Wissenschaft gelobt.
Bild: keystone

«Es ist ein Sputnik-Moment»

Stolz ist laut dem Bericht von CNN auch Kirill Dmitriev, Leiter des russischen Staatsfonds, der die nationale Impfstoffforschung finanziert. «Es ist ein Sputnik-Moment», sagte Dmitriev, der damit auf den Vorsprung der sowjetischen Raumfahrt-Technik in den 50er-Jahren anspielte, als der Start des ersten Satelliten den Westen schockierte.

Da die russischen Forscher ihre Daten bisher nicht mit unabhängigen Wissenschaftlern geteilt haben, konnten ihre Ergebnisse nicht überprüft werden. Es ist also nach wie vor unklar, wie wirksam der Impfstoff ist – und wie sicher. Phase-III-Tests sollen ab 3. August mit tausenden von Probanden in Russland, Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten durchgeführt werden.

Der Impfstoff könnte gemäss Dmitriev Anfang September in Massenproduktion gehen. Zuerst sollen ihn Mitarbeiter im Gesundheitswesen erhalten, die naturgemäss stark exponiert sind. Geplant seien für das Jahr 2020 rund 30 Millionen Dosen für den russischen Markt und 170 Millionen Dosen für das Ausland. Bereits hätten fünf Länder Interesse daran bekundet, den Impfstoff herzustellen.

Medizinische Standards missachtet?

Bereits vor der Medienkonferenz vom 15. Juli war allerdings auch Kritik laut geworden: Bei den klinischen Studien seien Vorschriften und medizinische Standards missachtet worden. So hiess es, der Impfstoff sei an medizinischen und militärischen Freiwilligen getestet worden, mithin an zwei Personengruppen, die von ihren Vorgesetzten abhängig seien.

Tarasow wies diese Vorwürfe zurück und betonte, alle Testpersonen seien Zivilisten. Smoljartschuk verwies auf ein russisches Gesetz, wonach Militärpersonen nicht für medizinische Studien rekrutiert werden dürfen. Auch bei klinischen Studien, die vom Militär durchgeführt worden seien, habe man ausschliesslich zivile Testpersonen rekrutiert, erklärte sie.

Laut CNN hat das russische Verteidigungsministerium jedoch mitgeteilt, dass Soldaten sich freiwillig als Testpersonen zur Verfügung gestellt hätten.

Drei der freiwilligen Testpersonen an der Medienkonferenz in Moskau: 100'000 Rubel für die Teilnahme an den klinischen Studien.
Drei der freiwilligen Testpersonen an der Medienkonferenz in Moskau: 100'000 Rubel für die Teilnahme an den klinischen Studien.
Bild: keystone

Drei der Testpersonen, zwei Frauen und ein Mann, waren an der Medienkonferenz anwesend. Sie machten jedoch nur vage Angaben zu ihrem beruflichen Hintergrund. Der Mann gab an, er habe nie beim Militär gedient. Eine Testperson erklärte, man habe ihnen 100'000 Rubel (umgerechnet rund 1266 Franken) für die Teilnahme an den klinischen Studien versprochen. Sie hätten das Geld jedoch noch nicht erhalten.

Das in Moskau entwickelte Vakzin ist nur einer von vielen potenziellen Impfstoffen, die derzeit weltweit getestet werden. Laut WHO werden 23 bereits an Menschen getestet, fünf davon in gross angelegten Studien mit tausenden Probanden. Ob der russische Impfstoff wirklich der langersehnte Durchbruch bei der Suche nach einem Mittel gegen die Coronapandemie ist, wird sich freilich erst noch zeigen.

(dhr)

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