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bild: watson/shutterstock

Zum 1. Mai: Eine kleine Geschichte der Anarchie in der Schweiz

Der Bundesrat, der Chef deines Chefs, dein Chef und dann du. Diese Ordnung wollen Anarchisten abschaffen. Manche auch mit Gewalt. Aber was hat die Schweiz eigentlich damit zu tun?



Bei «Schweizer Anarchismus» denken viele vielleicht an ruhige und pünktliche Rebellen wie diesen:

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Dabei wird aber oft vergessen, dass die Schweiz einst ein zentraler Knotenpunkt für die anarchistische Arbeiterbewegung in Europa war. Hier eine kleine Geschichtslektion, die dir in der Schule gefehlt hat.

Der Anfang

Wie so manche Geschichten des 19. Jahrhunderts beginnt auch die Geschichte des Anarchismus mit ein paar bärtigen Männern.

Zum Beispiel mit ihm:

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Michail Bakunin, Spross einer russischen Adelsfamilie. bild: commons.wikimedia.org

Der Russe Michail Bakunin wurde von seinem Vater ins Militär geschickt. Doch er mochte das Militär nicht. Mit 18 Jahren wurde er nach Polen beordert, wo er von der Brutalität schockiert war, mit der Zar Nikolaus I. den Novemberaufstand niederschlagen liess.

Er meldete sich krank, verliess das Militär und begann, in Moskau Philosophie zu studieren. Dabei interessierte er sich vor allem für deutsche Philosophen, insbesondere Georg Hegel. 

*Kein richtiges Zitat von Bakunin. bild: shutterstock/watson

In Deutschland interessierte sich zu dieser Zeit auch noch ein anderer bärtiger Mann für Hegel.

Nämlich der hier:

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Karl Marx, erster von links. bild: commons.wikimedia.org

Bakunin zog 1844 nach Paris. Dort traf er Karl Marx, der sich zu diesem Zeitpunkt schon intensiv mit der Theorie des Sozialismus beschäftigt hatte.

Obwohl sie viele Ansichten bezüglich der Kritik am Kapitalismus und der Notwendigkeit einer Revolution teilten, wurden die beiden auf ideologischer Ebene keine Freunde.

Was Marx zu einer autoritären Führung der Revolution meinte:

bild: shutterstock

Laut Marx sollte eine staatliche «Diktatur der Arbeiterklasse» die Ideologie des Sozialismus durchsetzen, die sich danach, wenn die Gesellschaft den Wandel verinnerlicht hatte, von alleine auflösen würde.

Was Bakunin zu einer autoritären Führung der Revolution meinte:

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bild: shutterstock

Bakunin war jede Art von Staat und Autorität zuwider. Er warnte, dass jegliche Diktatur nur zu einer erneuten Unterdrückung führen würde und wollte die Revolution basisdemokratisch organisieren.

«Wir sind überzeugt, dass Freiheit ohne Sozialismus Privilegienwirtschaft und Ungerechtigkeit, und Sozialismus ohne Freiheit Sklaverei und Brutalität bedeutet.»

Michail Bakunin in «Die Revolutionäre Frage»

Zunächst noch eine Untergruppe, wurden die kollektivistischen Anarchisten um Bakunin bald zur grössten Kraft in der Arbeiterbewegung. Das verdanken sie auch der Schweiz. 

Die Schweiz

Die antiautoritäre Bewegung in der Schweiz konnte vor allem im Neuenburger und Berner Jura Fuss fassen, wo viele politische Flüchtlinge der Bewegung Zuflucht gefunden haben. In der Arbeiterbewegung der Uhrenindustrie formte sich eine Strömung, die sich immer mehr der anarchistischen Linie von Bakunin anglich.

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Symbol-GIF. gif: giphy

Am 18.11.1871 vereinigten sich die jurassischen Sektionen der Arbeiterbewegung zur anarchistisch organisierten Féderation jurassienne und setzten ein Rundschreiben auf. In diesem kritisierten sie die diktatorische Haltung des Generalrates der «Internationalen Arbeiter-Assoziation» um Marx und Engels.

Anarchismus und der Antisemitismus

In ihrem Disput mit dem jüdisch-stämmigen Karl Marx griffen die anarchistischen Theoretiker Pierre-Joseph Proudhon und Michail Bakunin auch wiederholt auf antisemitische Rhetoriken zurück. In einem nach seinem Tod veröffentlichten Manuskript schreibt Bakunin etwa: «Diese ganze jüdische Welt, die eine ausbeuterische Sekte, ein Blutegelvolk, einen einzigen fressenden Parasiten bildet, eng und intim nicht nur über die Staatsgrenzen hin, sondern auch über alle Verschiedenheiten der politischen Meinungen hinweg.»

Die Spannungen zwischen Kommunisten und Anarchisten wuchsen. 1872 wurde die Situation dem Generalrat zu brenzlig: Am Kongress in Den Haag warfen sie die Anarchisten um Bakunin aus der Assoziation.

Darunter auch diesen Neuenburger:

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James Guillaume. Hat auch einen Bart und publizierte die erste anarchistische Zeitschrift der Schweiz. bild: commons.wikimedia.org

Daraufhin gründeten die Anarchisten kurzerhand selbst eine Arbeitervereinigung: die «antiautoritäre Internationale».

Und zwar im beschaulichen Saint-Imier im Berner Jura:

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bild: shutterstock

Die antiautoritäre Internationale umfasste anarchistische Verbände in Spanien, Italien, Frankreich, Belgien, den Niederlanden, England, den USA und natürlich der Schweiz.

Die Gewalt

Das Bulletin der Fédération jurassienne wurde zu einem europaweiten Sprachrohr, in dem bekannte Anarchisten ihre Thesen verbreiteten.

Darunter auch der zweitletzte bärtige Mann dieses Artikels:

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Paul Brousse. bild: commons.wikimedia.org

Paul Brousse war Anarchist und ein politischer Flüchtling aus der Pariser Kommune. Er hielt nicht viel von Reden und Diskutieren. In einem Artikel definierte Brousse den Begriff der «Propaganda der Tat». Aktionen wie Attentate und Königsmorde sollten die Bevölkerung «aufwecken» und die Revolution beschleunigen.

Er organisierte im März 1876 eine Demonstration in Bern, bei der auch erstmals eine rote Fahne mitgeführt wurde. Wegen dieser Provokation kam es kurz nach Beginn zu einem Zusammenstoss mit bürgerlichen Bernern, welche die rote Fahne zerrissen und einzelne Demonstranten in den Stadtbach tauchten.

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Die rote Fahne ist noch heute ein Symbol der Revolution. bild: shutterstock

1877 wollten sich die Anarchisten rächen. Bei einer erneuten Demonstration der jurassischen Anarchisten in Bern wurde wieder eine rote Fahne mitgeführt.

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Brousse verfasste anlässlich der Demonstration dieses Kampflied über die rote Fahne («Le Drapeau Rouge»). Video: YouTube/CatAlunya Subs

Um einen neuerlichen Konflikt zu verhindern, war auch die Polizei anwesend, welche die Demonstranten bat, die Fahne einzurollen.

Als sie nicht Folge leisteten, griff die Polizei ein. Aber diesmal hatten sich die Anarchisten vorbereitet und Dolche, Schlagringe und Totschläger mitgeführt. Es kam zu einem brutalen Handgemenge zwischen Bürgerlichen, Anarchisten und der Polizei. Zahlreiche Beteiligte wurden verletzt.

An der Demonstration nimmt auch der letzte bärtige Mann unseres kleinen Geschichts-Exkurses teil:

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Pjotr Alexejewitsch Kropotkin, einer der bedeutendsten anarchistischen Denker, bekannte sich während seinem Aufenthalt im Jura zum Anarchismus. bild: commons.wikimedia.org

Die Radikalisierung der Fédération jurassienne unter Paul Brousse und Pjotr Kropotkin war zugleich auch ihr Niedergang. Sie verlor den Rückhalt in der Arbeiterbewegung der Uhrenindustrie, die sich zu dieser Zeit mit anderweitigen Krisen konfrontiert sah.

Ausserdem emigrierte das Aushängeschild der Organisation, James Guillaume, 1878 nach Paris. Und seine Kollegen, zum Beispiel Adhémar Schwitzguébel, begannen sich mehr für Gewerkschaften zu engagieren.

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Gewalt ist keine Lösung. gif: imgur

Vom kollektiven Anarchismus blieben nur kleinere, autonome Gruppen übrig, denen vor allem Ausländer angehörten. Es folgten einige Aktionen, die zur Verschärfung der Gesetze gegen Anarchisten führten:

Durch seine Ablehnung des bolschewistischen Regimes in Russland begann sich der Anarchismus ausserdem noch weiter von der linken Arbeiterbewegung zu entfernen. 1940 wurde schliesslich jegliche anarchistische Tätigkeit in der Schweiz verboten, so dass diese politische Richtung endgültig in der Versenkung verschwand.

Später griffen zwar einige Jugendbewegungen (z.B. die Punk-Kultur) ein paar Konzepte des Anarchismus wieder auf, dieser konnte sich aber nie mehr etablieren.

«Es heisst ANARCHIE, Arschloch!» Die Kunst der Punk-Lederjacke

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«Es heisst ANARCHIE, Arschloch!» Die Kunst der Punk-Lederjacke
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Auch ein bisschen Punk: 29 Wörter, die auf St.-Galler-Deutsch herrlich klingen

Video: watson/Emily Engkent, Lena Rhyner

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