Basel

Medizin-Student J., genannt «Apotheker», missionierte für die Koranverteil-Aktion «Lies!»auf dem Basler Claraplatz. bild: zvg

«Der Apotheker»: Ein Basler Student steht unter Dschihad-Verdacht

Ist der 24-jährige A. J. ein gefährlicher Gotteskrieger? Oder steht er in Diensten des iranischen Geheimdienstes? Nach eigenen Angaben war er 2015 zum Heiraten im Iran.

Publiziert: 22.09.16, 07:05 Aktualisiert: 22.09.16, 07:54

Samuel Hufschmid / bz Basel

Die «Rundschau» des Schweizer Fernsehens SRF hat gestern über einen mutmasslichen Dschihad-Kämpfer aus Basel berichtet, der im Bässlergut in Ausschaffungshaft sitzt.

Während seiner Schulzeit am Gymnasium Kirschgarten sei der Iraker, der bei den Ermittlern den Decknamen «der Apotheker» trägt, radikalisiert worden. Ein Internet-Video zeigt ihn, wie er in Schul-Räumlichkeiten im T-Shirt der Koran-Verteilaktion «Lies!» einen radikalen Vortrag hält.

«Völlig unbedenklicher Schulvortrag»

Das Basler Erziehungsdepartement (ED) hat den Kirschgarten-Lehrern inklusive Rektor in der Sache eine Auskunftssperre verhängt. ED-Sprecher Simon Thiriet sagt gegenüber der «Rundschau» lediglich: «Der Vortrag wurde so nie gehalten. Der Schüler hat den Auftritt in den Räumlichkeiten des Gymnasiums nachgestellt.»

Basel kämpft gegen Islamisten-Szene

Gegenüber der bz präzisiert Thiriet: «Wir wissen, dass der Schüler einen Vortrag über die Geschichte des Islams im Unterricht gehalten hat. Es war jedoch ein völlig unbedenklicher Schulvortrag ohne jegliche radikale Tendenzen.»

Er bezeichnet sich selbst als Salafisten

Fakt ist: J. war als aktives Mitglied in der umstrittenen «Lies!»-Aktion tätig. In einem Video einer Stand-Aktion auf dem Claraplatz vom Juni 2014, das der bz vorliegt, spricht er detailliert über seinen Schul-Vortrag. Schon damals bezeichnet er sich selbst als Salafisten und grenzt sich deutlich von seinen gleichgläubigen Mitschülern ab, die er «sogenannte Muslime» nennt, die Angst vor der Wahrheit hätten.

Nach der Schulzeit studierte J. nach eigenen Angaben zwei Semester Pharmazie – was ihm, gemäss «Rundschau», beim Nachrichtendienst den erwähnten Decknamen «der Apotheker» einbrachte.

Reise ins Krisengebiet Irak/Syrien

Was seither geschah, ist unklar. Das Staatssekretariat für Migration (SEM) hat Hinweise, dass sich J. im Krisengebiet Irak/Syrien aufgehalten habe und «mit grosser Wahrscheinlichkeit einer terroristischen Organisation angehören könnte», wie einer Urteilsbegründung des Basler Appellationsgerichts zu entnehmen ist.

Gemäss eines Stempels in seinem Reisepass ist J. am 5. Juni 2015 tatsächlich in den Irak gereist. Gegenüber den Untersuchungsbehörden gab er an, dass er zum Heiraten in den Irak gereist sei – die Hochzeit sei aber nicht zustande gekommen, worauf er das Land in Richtung Iran verlassen habe, angeblich «um sich zu beruhigen». Beim erneuten Grenzübertritt zurück in den Irak sei er vom Iran festgenommen und ein Jahr in Haft gehalten worden.

Nach seiner Freilassung sei er zuerst zurück in den Iran und danach, am 13. Juli 2016, in die Schweiz gereist. Was J. nicht wusste: Mit seiner Einreise hat er gegen ein nur wenige Tage vorher gegen ihn verhängtes Einreiseverbot verstossen.

In Basel zur Fahndung ausgeschrieben

Als er am Tag seiner Rückkehr in der St. Alban-Jugendherberge ein Zimmer bezog, wusste er nichts davon. Er wusste auch nicht, dass ihn der Nachrichtendienst zwecks «Aufenthaltsnachforschung» zur Fahndung ausgeschrieben hat. Seine Anmeldung bei der Jugendherberge löste beim Fahndungsdienst Alarm aus und führte dazu, dass J. am 14. Juli morgens um 7.20 Uhr kontrolliert wurde.

Nach der Kontrolle hat er sich gemäss Appellationsgericht aus eigenem Anlass bei der Staatsanwaltschaft gemeldet und das Gespräch gesucht. Doch statt eines Gesprächs wurde er in den Kontrollraum des Polizeipostens Heuwaage geführt, festgenommen und Tags darauf verfügte das Migrationsamt seine Wegweisung.

Onkel soll «IS»-Mitglied sein

Seither sitzt J. im Ausschaffungsgefängnis und wehrt sich auf juristischem Weg gegen seine Abschiebung. Aktuell ist er bis zum 29. Oktober in Ausschaffungshaft, was danach geschieht, ist offen.

Die «Rundschau» spekuliert, dass die Bundesanwaltschaft möglicherweise verdeckt gegen ihn ermittle. Doch die Behörde schweigt. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang auf jeden Fall die Begründung, mit der sich J. gegen seine Abschiebung wehrt. Demnach soll er im Iran verhaftet worden sein, weil sein Onkel IS-Mitglied sei und sich in Syrien aufhalte.

Er sei nur freigelassen worden, weil er sich bereit erklärt habe, nach seiner Rückkehr in die Schweiz als Spitzel für den iranischen Geheimdienst zu arbeiten. Bei einer Rückkehr in den Irak würde er deshalb sofort festgenommen, inhaftiert, gefoltert und geschlagen. «Ein Todesurteil wäre mir lieber als die Rückkehr in mein Heimatland Irak», hat er bei seiner Einvernahme zu Protokoll gegeben.

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13 Kommentare anzeigen
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  • Spooky 23.09.2016 02:10
    Highlight Was nützt uns der Geheimdienst, wenn diese Leute sowieso freigelassen werden? Also, in der kommenden Abstimmung: ein fettes NEIN.
    0 0 Melden
    600
  • Bene86 22.09.2016 09:49
    Highlight Oh Mann oh Mann! Ein Wahhabi-SALAFIST reist vom Irak nach IRAN (haupts. Schiitisches Gebiet) um sich abzureagieren, ich meine, wie liest sich das nur schon. :D Ich kann nicht mehr! Leute, wenn ihr und die Behörden euch nicht bald mal ein wenig mit dem in den arabischen Ländern gelebten Islam auseinandersetzt, werden einige Länder Europas bald ziemlich blöde aus der Wäsche gucken.
    20 0 Melden
    600
  • Mooatiao 22.09.2016 09:15
    Highlight Leider muess ide Schwiiz zerst was passiere ,bevor mee die bedrohig mal richtig realisiert. !!
    16 6 Melden
    600
  • Swarup 22.09.2016 08:53
    Highlight Wen er so ein Allah-Daesh-Sklave ist, dan weigere dich nicht in dein Heimatland zurück zugehen.
    Wir leben ihr modern und dort unten hat es viele Moscheen und viele glaubens Brüder.
    16 4 Melden
    600
  • Stipps 22.09.2016 08:52
    Highlight Radikalster religiöser Faschismus unter eurer Gesellschaft und ihr verbringt Zeit damit, die SVP in die rechte Ecke zu stellen. Wohlstand.
    16 12 Melden
    • Hinkypunk 22.09.2016 11:12
      Highlight Die SVP stellt sich wunderbar selbst in das äusserte rechte Eck, in dem die SVP & ihre Gefolgschaft alle anderen grossen Parteien als Links bezeichnen.
      8 5 Melden
    • Stipps 22.09.2016 11:40
      Highlight Ist nahe liegend in der gegenwärtigen Epoche des Wohlfahrts- und Gewährleistungsstaates ...
      2 7 Melden
    600
  • koks 22.09.2016 08:36
    Highlight ich höre schon wieder die üblichen verdächtigen: haben wir nicht wichtigeres zu tun, als uns um die schulvorträge von jugendlichen zu kümmern (nach dem händeschütteln, nach der burkadebatte etc).
    12 34 Melden
    • Yayoer Yoe 22.09.2016 10:01
      Highlight du siehst ja was für typen hinter dieser "nicht-händeschütteln"-ideologie stecken.
      wie kann man immer noch sagen, es handle sich um blosses verweigern des händeschüttelns und so blind sein, dass man das ganze dahinter nicht sieht?
      18 1 Melden
    • Monti_Gh 22.09.2016 13:48
      Highlight @koks
      sorry was du da machst nennt sich Kulturrelativismus oder wie es Maajid Nawaz auf Englisch sagt: Regressive Left.
      du tust damit niemanden einen Gefallen. weder der Mehrheitsgesellschaft noch den Muslimen. Im Gegenteil es schadet nur, auch wenn primär nett gemeint.
      3 1 Melden
    600
  • Monti_Gh 22.09.2016 08:35
    Highlight Diese 'Lies'-Aktion ist eine Beleidigung für die Muslime, den Islam und schlussendlich auch den Koran.
    Diese Leute missbrauchen die Religion für Geschäftswecke.
    Hinter diesem Ständen steht knallhartes Geldmachen. Nur schon der Druck von Büchern in diesen Mengen benötigt viel Geld.

    Für Interessierte gibt einen sehr guten Artikel vom Spiegel.

    http://m.spiegel.de/spiegel/a-1109093.html
    19 1 Melden
    600
  • tomtom1 22.09.2016 07:33
    Highlight Lustig. Watson schreibt gar nichts zur Verbinding nach Therwil zu den Nicht-Händeschüttlern. Woran das wohl liegt?
    30 8 Melden
    • Yayoer Yoe 22.09.2016 10:04
      Highlight dachte ich mir auch, watson hatte das doch noch verteidigt, weil es doch okay sei aus überzeugung seiner lehrerin das händeschütteln zu verweigern. zu erkennen, dass dahinter so eine ideologie steckt, war wohl zu viel verlangt für experten wie kian und co.
      13 2 Melden
    600

Die vergessenen Jahre des Terrors: In den 70ern und 80ern zogen Terroristen eine Blutspur durch Europa

Weltweit gab es seit 1970 über 141'000 Terroranschläge. In der Schweiz ist seit 20 Jahren niemand mehr einem Attentat zum Opfer gefallen. Doch in den 70er- bis 90er-Jahren ermordeten Terrorgruppen teils Hunderte Menschen jährlich in Westeuropa. Eine Übersicht von 1970 bis Paris 2015.

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