Sport
EM 2016

Huh! Spurensuche zum Schlachtruf von Islands Fussball-Fans

Islands Spieler feiern mit ihren Fans den Einzug in die EM-Achtelfinals.
Islands Spieler feiern mit ihren Fans den Einzug in die EM-Achtelfinals.Bild: CHRISTIAN HARTMANN/REUTERS

Huh! Wer plötzlich alles behauptet, den Schlachtruf der isländischen Fans erfunden zu haben

Wir trauten unseren Augen und Ohren kaum. Nach dem Einzug in den EM-Final feiert Frankreich einfach frech so, wie es uns die Isländer vorgezeigt haben. Alles nur geklaut? Eine Spurensuche.
08.07.2016, 08:3008.07.2016, 15:34

Dieses Geräusch werden wir nach der Fussball-EM noch lange im Kopf haben. Wie die isländischen Spieler nach ihren Partien gemeinsam mit den vielen mitgereisten Fans rhythmisch klatschen und dazu laut «Huh!» brüllen.

Island feiert nach dem Sieg gegen England den Viertelfinal-Einzug.YouTube/Balkanski Navijaci

Das Gebrüll der Isländer machte uns allen Eindruck – und offenbar auch den Franzosen, welche die Nordländer im Viertelfinal mit 5:2 aus dem Turnier ballerten. Schon während des Halbfinals gegen Deutschland ist das «Huh!» zu hören und nach dem Finaleinzug kopieren Griezmann und Co. den Schlachtruf mit den eigenen Fans.

Ist das Original aus Zürich?

Den Franzosen wird nun vorgeworfen, einfach nur billig zu kopieren, was Isländer erfunden hätten. Dabei haben die auch nie behauptet, die Urheber des Schlachtrufs zu sein. Deutungen in Rest-Europa, wonach es sich um Kriegsgebrüll der Wikinger handle, brachten die Isländer höchstens zum Lachen.

In Zürich beispielsweise kennt man dieses «Huh!» schon seit einiger Zeit. Als GC im Jahr 2013 den Cup gewann, machten es die Anhänger der Hoppers. Und als GC anschliessend im Europacup gegen Lyon ausschied, hörten es die gegnerischen Fans und nahmen es auch in ihr Repertoire auf. Lyon! Franzosen! Kopierer! Da haben wir's ja!

«Der neue Gesang der Bad Gones». So heisst ein Video von Lyon-Fans, das eine Woche nach dem Gastspiel bei GC gefilmt wurde.YouTube/Lyon Fans

Die GC-Fans brüsten sich aber nicht damit, das «Huh!» erfunden zu haben. In der Fankurve macht man kein Geheimnis daraus, dass man es bei Hansa Rostock schon gesehen hat.

Die Rostock-Fans in einem Video, das 2011 hochgeladen wurde.YouTube/101SLINGER
So klingt das «Huh!» nach einem Sieg bei GC.YouTube/Bouyout

Auch Schotten können rhythmisch klatschen

Oder stammt der Schlachtruf aus Schottland? Diese Version verbreitete eine isländische Zeitung. Motherwell-Anhänger hätten im Europa-League-Qualifikationsspiel 2014 gegen den isländischen Klub Stjarnan so eindrücklich gebrüllt, dass dessen Fans es übernommen hätten. Schliesslich fand das «Huh!» dann den Weg vom Klubfussball zur Nationalmannschaft.

Motherwell-Fans in einem Video, das im Mai 2013 hochgeladen wurde.
YouTube/SinceIWasYoungMFC

Des Rätsels Lösung?

Vielleicht importierte Island den Schlachtruf aber auch vom Handball. Der Präsident des isländischen Fussballverbands erklärte, man habe es wohl von der polnischen Handball-Nati aufgeschnappt. Diese habe schon 2007 so gefeiert. Damals trafen Island und Polen an der WM aufeinander.

Doch natürlich haben weder GC- noch Rostock- noch Motherwell- noch polnische Handball-Fans den Schlachtruf erfunden. Vielmehr haben sie sich wohl alle von einem Vorbild inspirieren lassen. Dieses soll angeblich der Hollywood-Film «300» aus dem Jahr 2006 sein.

Szene aus dem Film «300».
streamable

Dass Fussball-Fangesänge ohne jede Vorlage erfunden werden, ist ohnehin selten. Meist wird eine eingängige Melodie umgetextet. Aktuellste Beispiele dafür sind «Will Grigg's On Fire» der Nordiren (Original: «Freed From Desire») oder der Schweizer Fan-Song «Oh Embolo» («The Lion Sleeps Tonight»).

Keine Sekunde gespielt, aber ein Star: Nordirlands Fans huldigen Stürmer Will Grigg.
YouTube/FootyLive100

Auch ältere Schlachtrufe wie «Zieht den Bayern die Lederhosen aus!» (Beatles: «Yellow Submarine») oder «Pooo Poro Popopoopoo» (White Stripes: «Seven Nation Army») sind von Songs inspiriert.

Das Original: «Seven Nation Army».YouTube/XL Recordings
Zusatz-Info
User David wies uns daraufhin, dass «Seven Nation Army» auf einem Stück aus der klassischen Musik aufgebaut sei. Demnach bedienten sich die White Stripes beim österreichischen Komponisten Anton Bruckner. Im ersten Satz seiner 5. Sinfonie aus den 1870er-Jahren hört man in der Tat die markante Tonfolge (im Video ab ca. 3:00 Min.). 

Und das bekannteste Fussballlied überhaupt? Ist eigentlich gar kein Fussballlied. «You'll Never Walk Alone» ist aus einem Broadway-Musical.

Liverpools Kop singt seine Hymne: «You'll Never Walk Alone».
YouTube/087ner

Wer nun also den Franzosen einen Strick daraus drehen will, dass sie schamlos einen kreativen Fan-Song der Isländer kopiert haben, der darf sich wieder beruhigen. Oder dann auch die sympathischen Wikinger in die Pfanne hauen, die ebenfalls bloss kopiert haben.

Frankreich macht den «Huh!»-Jubel

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Frankreich macht den Huh-Jubel
Frankreich steht an der Heim-EM im Final. Doch die «Grande Nation» verspielt sich viele Sympathien mit ihrem Jubel.
quelle: ap/ap / martin meissner
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