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Die Intimität der Grossstadt – wenn  Hochhäuser Geschichten erzählen

Michael Wolf, Architecture in density. The Red List

Der Fotojournalist Michael Wolf beobachtet genau, wie sich der Mensch zu seiner Umwelt verhält. Seine Bilder vom zeitgenössischen Leben in Grosstädten sind überwältigend und beinhalten eine leise Ode auf den Kampf um Individualität. 

29.07.17, 17:24

Michael Wolf, geboren 1954 in München, wuchs in Kalifornien auf, studierte in Berkeley und an der Folkwang-Hochschule in Essen bei Otto Steinert. 1994 ging er für den Stern als Fotoreporter nach Hongkong. Wolf lebte zehn Jahre in China. Seit einigen Jahren lebt er mit seiner Familie in Paris. Er arbeitet als freier Fotograf.

wikipedia

Michael Wolf fotografiert von aussen nach innen.

«Wer sehen kann, kann auch fotografieren. Sehen lernen kann allerdings lange dauern.»

Werbespruch der Leica-AG

In Deutschland geboren, den Vereinigten Staaten und Kanada aufgewachsen, kehrte er für sein Studium nach Deutschland zurück und verbrachte schliesslich den Grossteil seines Lebens in Asien.

Fotojournalismus

Die Aussenseiterrolle, das Beobachten ist ihm nahe. Und so begann seine Karriere logischerweise als Fotojournalist.

Michael Wolf, Architecture in density. The Red List

Aus dieser Perspektive heraus findet er die nur scheinbar irrelevanten Details zeitgenössischen Lebens in den Grossstädten dieser Welt. Er gibt ihnen eine Bühne und lädt sie symbolisch auf.

«Mach sichtbar, was vielleicht ohne dich nie wahrgenommen worden wäre.»

Robert Bresson

Für ein deutsches Magazin ging er Mitte der 90er nach Hong Kong. In seiner letzten Story ging es um den Aufstieg Chinas als Wirtschaftsmacht. Darin sollte er den Einstieg finden in sein erstes grosses Kunstprojekt.

Einstieg in die Kunst

Aus 20’000 Plastikspielzeugen ‹Made in China› und Bildern von Fabrikarbeiter*innen kreierte er überwältigende Installationen, graphische Bewältigungen der asiatischen Massenproduktion und dem unstillbaren westlichen Hunger nach Wegwerfprodukten. Der Blick der Fabrikarbeiter provoziert die Reflexion mit konsumgetriebener Globalisierung.

Michael Wolf, Architecture in density. The Red List

Damit waren viele der prägenden Aspekte von Michael Wolfs zukünftigem Schaffen bereits eingeführt: Obsessives Sammeln, Anerkennung der Symbolkraft örtlicher Tradition, die Kombination von Makro- und Mikroperspektiven sowie die Fähigkeit, mittels Fokus auf eine spezifische Person oder ein Objekt die Transformation urbanen Lebens zu dokumentieren.

«Man muss sich beeilen, wenn man etwas sehen will, alles verschwindet.»

Paul Cezanne

Michael Wolf, Pipes. The Red List

Etablierung seines Themas

Seine bekanntesten Bilder zeigen Hong Kongs verdichtete, oft brutale Architektur. Indem er den Horizont und den Himmel ausblendet werden die Fassaden der Wolkenkratzer fast zweidimensional und verkommen zu nie enden wollenden Abstraktionen. Hinter der dargestellten, leblosen Oberfläche lauert der Gedanke an die unzähligen Lebensentwürfe. Winzige Einblicke – ein hängendes Kleidungsstück oder eine Silhouette hinter dem Vorhang – sprechen von der Fähigkeit und Notwendigkeit zur Individualisierung innerhalb dieser formalen Strukturen.

In Michael Wolfs formalen Ansatz wähnt man noch das Echo der Düsseldorfer Schule von Bernd und Hilla Becher, oder des Schaffens von Andreas Gursky, Thomas Struth. Seine Bilder offenbaren ein Bedürfnis, die Welt zu dokumentieren, eine Verbindung zu ihr aufzubauen – und er wählt eine zeitgenössische, visuelle Herangehensweise.

Michael Wolf, Architecture in density. The Red List

Im Gegensatz zum gefühlvollen Drama der ‹klassischen› Dokumentarfotografie halten diese Bilder eine kühle Distanz zu ihrem Subjekt und die Präsenz des Fotografen hinter der Kamera ist kaum noch wahrnehmbar.

«Ein guter Fotograf zu sein bedeutet, zu wissen wo man stehen muss.» 

Ansel Adams

Jedoch ist Michael Wolf kein reiner Landschaftsfotograf, wie sie etwa in den 60er- und 70er-Jahren in den Staaten aufkamen. Diese spiegelten in ihren Darstellungen der post-industriellen Kulisse des amerikanischen Westens die sich wandelnden Gesellschaftsstrukturen. Gleichsam stellen zwar Hong Kong und China mit ihren sich unaufhörlich verändernden Stadtbildern ebenfalls eine konstante Stimulation und Gelegenheit dar, die vielen Gesichter dieser Grossmacht zu portraitieren.

Auch bei ihm sind Menschen fast gänzlich abwesend. Doch legt er den Fokus auf scheinbare Details: Auf Handschuhe, die auf einer Spirale aus Stacheldraht trocknen. Auf das chaotische Labyrinth, das die Lüftungs- und Abwasserrohre bilden. Darin gelingt es ihm gleichzeitig die Schönheit örtlicher Traditionen festzuhalten wie auch Chinas Umgang mit dem Dualismus um Form und Funktion.

Implizit überall und explizit etwa in einem roten Plastikhandschuh, der über einem Rohr baumelt, finden sich in Wolfs Bildern Referenzen auf die Menschen, die hier leben. Die sich ihren Platz zurückerobern. Finden sich kleine Einblicke in die Säume der Grossstadt, wo sich privater und öffentlicher Raum treffen. Finden sich Ahnungen vom Verhältnis der Einwohner zu ihrer Umgebung.

Michael Wolf, Hong Kong – back door. The Red List

In späteren Fotoserien geht Wolf noch näher ran. Ihm fiel irgendwann auf, dass auf seinen Bildern manchmal tatsächlich Menschen auftauchten. Er suchte weiter und veröffentlichte eine Reihe von Silhouetten, Kaffeetrinkern, Bügelnden in maximaler Vergrösserung. 

2009 wurde ihm für seine Beobachtungen der World Press Photo Award verliehen. 2011 erhielt er für eine subtile Verarbeitung von Google Streetview Bildern eine ehrenhafte Erwähnung der Jury. 

... und die Städte wachsen weiter: 

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Video: reuters

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  • Informant 30.07.2017 01:43
    Highlight Vielen Dank für den interessanten Artikel.
    Auch wenn Parallelen zu Gursky eindeutig da sind, empfinde ich Michael Wolfs Arbeiten als tiefer und persönlicher.
    Gursky hat andererseits eine grafische Qualität, die ich durchaus auch mag.
    4 1 Melden
  • Donald 29.07.2017 20:48
    Highlight Der Artikel mischt einfach ein bischen Asien, China, Industrialisierung, Grossstadt etc. wie aus dem Zufallsgenerator. Sehr schwierig da etwas brauchbares rauszulesen. Scheinbar geht es auch um einen Fotograf, der irgendwas gewonnen hat und irgendwo studiert hat.
    32 3 Melden
  • The Origin Gra 29.07.2017 20:30
    Highlight Wie kann man in solchen tristen Wohnsilos Leben? Die gezeigten Bilder erinnern an eine Cyperpunk Dystopie statt an Wohnlichkeit
    13 10 Melden
    • Donald 29.07.2017 20:54
      Highlight Man vergisst dabei immer die Gegenperspektive. Man gewinnt dadurch viel Platz und so eine gute Aussicht sowie Freiräume. Etwas was in den "modernen" verdichteten Schweizer Vororten immer mehr verloren geht. 10 Meter Abstand zum nächsten Haus müssen reichen...
      16 5 Melden
  • Libertas 29.07.2017 19:19
    Highlight Ich habe bis Fabrikarbeiter*innen gelesen....peinlich!
    32 9 Melden

Wenn dir bei diesen 13 Bildern warm ums Herz wird, dann bist du in den 80er-Jahren in der Schweiz gross geworden

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