Glaubte Jesus an die Wiedergeburt? Darüber streiten Theologen und Esoteriker
Früher war die religiöse Welt noch in Ordnung. Die meisten Muslime glaubten uneingeschränkt an Allah und den Koran, die Juden an ihren Gott und die Thora, die Hindus an ihre vielen Götter und die Christen an Gott und die Bibel, die ihrer Ansicht nach das Leben von Jesus im Neuen Testament authentisch nachzeichnet.
Doch seit den 1960er-Jahren beginnen die Fundamente der Weltreligionen zu bröckeln. Das Tempo der Säkularisierung ist aber je nach Weltregion unterschiedlich. Während in totalitären und konservativen Ländern die Religionen und Kirchen nur langsam erodieren, verlieren die christlichen Kirchen in der westlichen Welt dramatisch an Mitgliedern. Vor allem in weiten Teilen Europas.
Erleuchtung und Selbstvergottung
Konkurrenz erhalten die Grosskirchen bei uns in erster Linie von esoterischen Strömungen. In Zeiten der Individualisierung und Selbstoptimierung ist der Glaube an die spirituelle Erleuchtung und Selbstvergottung attraktiver als der Glaube daran, dass wir am Jüngsten Tag auf die Gnade Gottes angewiesen sind. Esoterische Konzepte punkten deshalb auch bei metaphysischen Fragen.
Trotzdem schielen viele Esoteriker auf die christliche Welt. Sie streben eine spirituelle Verschränkung der christlichen und esoterischen Lehre an. Sie erhoffen sich davon eine bessere gesellschaftliche und religiöse Anerkennung. Denn in den Augen strenggläubiger Christen und der katholischen Kirche enthalten esoterische Konzepte ein sektenartiges magisches Denken, das in der Bibel scharf kritisiert wird.
Eine entscheidende Differenz der beiden Glaubensrichtungen besteht bei der Frage, was mit unserer Seele nach dem Tod passiert. Die meisten Esoteriker glauben an die Reinkarnation, also an die Wiedergeburt auf der Erde. Und daran, dass man den Reinkarnationszyklus durchbrechen kann, wenn die karmischen Belastungen abgetragen sind und man sich spirituell auf die höheren Ebenen entwickelt hat.
Um den religiösen Widerspruch zu glätten, bemühen Esoteriker gern die Bibel. Sie ziehen unter anderem Matthäus 11,14 heran. Dort sagt Jesus über Johannes den Täufer: «Und wenn ihr es annehmen wollt: Er (gemeint ist Johannes) ist Elija, der wiederkommen soll.»
War Johannes die Wiedergeburt des Propheten Elija?
Weiter führen sie Matthäus 17,10–13 an. Hier erklärt Jesus, Elija sei bereits gekommen. Seine Jünger glaubten, dass er von Johannes dem Täufer sprach. Esoteriker deuten dies als eine Reinkarnation: Johannes sei die Wiedergeburt des Propheten Elija.
Eine weitere Bibelstelle werten Esoteriker als Hinweis auf die Reinkarnation. Im Gespräch mit Nikodemus sagte Jesus: «Wenn jemand nicht von Neuem geboren wird, kann er das Reich Gottes nicht sehen.»
Manche Esoteriker behaupten weiter, Jesus selbst habe an die Wiedergeburt geglaubt und sie gelehrt. Dieses Dogma sei aber später auf Konzilien unterdrückt und aus der Bibel entfernt worden. Als Beleg verweisen sie auf frühe christliche Denker wie Origenes, der die Reinkarnation erwähnt habe.
Für christliche Theologen sind dies unzulässige Interpretationen. Sie verweisen auf Bibelzitate, in denen unzweideutig erklärt wird, dass es nach dem Tod keine Rückkehr auf die Erde gibt. Schützenhilfe bekommen die Esoteriker hingegen von Enno Edzard Popkes, einem evangelischen Theologen und Professor für Geschichte und Archäologie des frühen Christentums an der Christian-Albrechts-Universität Kiel.
In einem Interview sagte er, dass im frühen Christentum die Vorstellung von Seelenwanderung und Reinkarnation existiert habe. Wer dies leugne, habe schlicht keine Ahnung von der Materie. Die Idee sei später bekämpft und verdrängt worden. Er verweist auf das Thomasevangelium und die Nag-Hammadi-Schriften.
Die Vorstellung von der Seelenwanderung gehe auf Jesus selbst zurück und sei bis ins sechste Jahrhundert weiterentwickelt worden. Anschliessend sei sie verboten worden.
Endlose Diskussionen
Fazit: Die endlosen Diskussionen, Konfusionen und vielen religiösen Konflikte wie Terroranschläge und Kriege wären wohl weniger aggressiv, wenn die Existenz zumindest eines Gottes bewiesen werden könnte. Oder wenn sich wenigstens eine der vielen heiligen Schriften als authentisches religiöses Zeugnis nachweisen liesse.
Weil dies nicht der Fall ist und sich kein Gott wirklich offenbart hat, wird die Menschheit weiterhin religiöse Spekulationen anstellen und in Glaubensfragen aneinandergeraten. Religionen streben der Frieden an, lösen aber wegen den Widersprüchlichkeiten oft Konflikte aus.
Mit seinem Blog bedient Hugo Stamm seit Jahren eine treue Leserschaft mit seinen kritischen Gedanken zu Religion und Seelenfängerei.
Du kannst Hugo Stamm auf Facebook folgen und seinen Podcast findest du auf YouTube.
