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Etwas Buddha und viel moderne Konsumlust: Junge Buddhisten in Kalkutta. 
Etwas Buddha und viel moderne Konsumlust: Junge Buddhisten in Kalkutta. Bild: Bikas Das/AP/KEYSTONE
Sektenblog

Wir sind keine buddhistischen Bettelmönche – und stecken deshalb in der religiösen Konsumfalle

20.08.2016, 11:3420.08.2016, 14:26

Die christlichen Kirchen stecken in unseren Breitengraden in der Krise, ihre Heilslehre ist antiquiert und nicht mehr sexy. Da die religiösen Bedürfnisse nicht in grossem Stil schwinden, brauchen die entfremdeten Gläubigen Ersatz. Denn nur die wenigsten Leute setzen sich so intensiv mit religiösen Fragen auseinander, dass sie allenfalls Agnostiker oder Atheisten werden.

Als Alternative bietet sich vor allem der Buddhismus an. Der Hype um den Dalai Lama, der am 14. Oktober im Zürcher Hallenstadion auftritt, verdeutlicht die Hinwendung zu fernöstlichen Heilsvorstellungen.

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Der Buddhismus hat ein freundliches Gesicht und gilt als sanfte Glaubensform. Er ist keine Religion im eigentlichen Sinn, sondern eher eine spirituelle Weltanschauung oder ein Lebensweg. Gott spielt kaum eine Rolle. Der historische Buddha geht davon aus, dass Gier, Hass und egoistische Lebensmotive die Menschen antreibt.

Hat Buddha die Macht vergessen?

Damit liegt er zweifellos richtig, wie ein Blick in die Gegenwart zeigt. Diese unschönen Eigenschaften bringen auch heute noch viel Leid in die Welt. Möglicherweise mehr denn je. Vielleicht müsste man Buddha zuflüstern, er habe die Macht vergessen.

Wenn nun aber die reichen und verwöhnten Neo-Buddhisten aus dem Westen den Buddhismus verklären und mit ihrem Mercedes ins Hallenstadion pilgern, verhöhnen sie den Buddhismus. Denn die Heilslehre bedeutet vor allem Verzicht. Um das Leiden auf der Welt zu überwinden, hat Buddha radikale Verhaltensregeln aufgestellt.

Unter der Bildstrecke geht es weiter im Text ...

Rasiert und enthaltsam: Diese Nachwuchs-Mönche bereiten sich auf Buddhas Geburtstag vor

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Die frisch rasierten Nachwuchs-Mönche bereiten sich auf Buddhas Geburtstag vor
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Er verlangt, dass keine Lebewesen getötet werden, dass wir nichts annehmen, das uns nicht gegeben wird (die Bettelmönche setzen das Gebot mit den Bettelschalen in der Hand konsequent um), dass wir keine ausschweifenden sinnlichen Handlungen vollziehen, nicht lügen und keine berauschenden Substanzen konsumieren.

Übermenschliche Anforderungen

Der Weg zum vorbildlichen Menschen führt über die Meditation. Sie soll uns befreien von allen äusseren Bindungen und Bedürfnissen. Ziel ist unter anderem, innerlich leer zu werden. Letztlich geht es um die Überwindung des Ich, von dem die Gier ausgeht. Sie führt in die Entsagung gegenüber äusserlichen Aspekten und Dingen.

Das sind übermenschliche Anforderungen – vor allem für Wohlstandsmenschen. Ausserdem wird die grobstoffliche Welt abgewertet und verteufelt. Sie ist ein einziges Reservoir an Versuchungen, die uns vom Heilsziel abbringen.

Buddhistische Bettelmönche in Kathmandu.
Buddhistische Bettelmönche in Kathmandu.Bild: Niranjan Shrestha/AP/KEYSTONE

Der Buddhismus lernt die Gläubigen nicht, mit den Trieben und alltäglichen Bedürfnissen verantwortungsvoll umzugehen. Diese müssen verdrängt und durch Meditation überwunden werden. Es ist der untaugliche Versuch, das Böse aus der Welt zu verdrängen. Eine Form von Gehirnwäsche.

Die geistige Welt allein reicht nicht

Doch will ich mich einseitig auf die geistige Welt konzentrieren und das Äussere eindämmen? Geht das überhaupt? Zweimal nein. Beide Aspekte sind Realität und machen das Sein aus. Wer sich nur auf eine Seite konzentriert, spaltet einen Teil seines Bewusstseins ab und handelt sich womöglich psychische Probleme ein.

Unsere Sinne und Gefühle sind die stärksten Lebensenergien und stark an die äussere Welt gebunden. Eine radikale Vergeistigung, wie sie der reine Buddhismus lehrt, führt zu einer Verarmung und Einschränkung des Bewusstseins. Das Innere und Äussere bedingen sich gegenseitig. Es ist eine mentale Vergewaltigung, einen Aspekt überwinden zu wollen.

Deshalb stecken westliche Buddhismus-Fans auch in religiösen Fragen in der Konsumfalle gefangen.

Hugo Stamm
Glaube, Gott oder Gesundbeter – nichts ist ihm heilig: Religions-Blogger und Sekten-Kenner Hugo Stamm befasst sich seit den Siebzigerjahren mit neureligiösen Bewegungen, Sekten, Esoterik, Okkultismus und Scharlatanerie. Er hält Vorträge, schreibt Bücher und berät Betroffene.
Mit seinem Blog bedient Hugo Stamm seit Jahren eine treue Leserschaft mit seinen kritischen Gedanken zu Religion und Seelenfängerei.

Du kannst Hugo Stamm auf Facebook und auf Twitter folgen.

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66 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Anam.Cara
20.08.2016 12:25registriert November 2015
Ich hatte einmal die Gelegenheit, mit einem buddhistischen Mönch zu sprechen, der auf Wanderschaft war (bevor er sich wieder für ein paar Monate ins Schweigen zurück zog).
Dieser Mann strahlte eine unglaubliche Ruhe und Gelassenheit aus. Und eine tiefe Weisheit. Dazu war er von einer Freundlichkeit, die man selten antrifft.
Irgend etwas muss der Mann richtig gemacht haben. Er schien so sehr mit sich und der Welt im Einklang zu sein, dass mir die Behauptung einer Bewusstseinsspaltung vorkommt wie blanker Hohn.
Aber klar: nicht alle finden Menschen gut, die eine besondere "Würde" ausstrahlen.
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lukass
20.08.2016 12:25registriert August 2014
Zur Kritik an der Meditation aus Zen Sicht:
Die Zen Meditation hat nicht das Ziel, sich nur auf die geistliche Welt zu konzentrieren. Sondern sich im Gegenteil auf die Welt wie sie ist voll und ganz einzulassen.
Denn durch unsere gelernten Abwehrhaltungen und Ängste wehren wir ständig unangenehme Empfindungen von uns ab. Wenn uns z.B. jemand kritisiert, gehen wir oft in einen Gegenangriff über um den "Schmerz" der Kritik nicht wahrnehmen zu müssen.
Diesen jedoch komplett wahrzunehmen, als Realität anzusehen und zu akzeptieren (wodurch er gelindert wird), kann in der Meditation geübt werden.
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Maracuja
20.08.2016 21:06registriert Februar 2016
@Hugo Stamm: Denn nur die wenigsten Leute setzen sich so intensiv mit religiösen Fragen auseinander, dass sie allenfalls Agnostiker oder Atheisten werden.

Wie muss man diesen Satz verstehen? Wer nicht Agnostiker oder Atheist ist, hat sich zu wenig intensiv religiösen Fragen auseinandergesetzt? Wenn vor allem intensive Beschäftigung mit solchen Fragen zum Agnostizismus/Atheismus führt und nur wenige Leute bereit sind, sich damit auseinanderzusetzen, weshalb gibt es denn so viele Glaubensfreie?
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June und ich haben uns geküsst! Leider war's nicht so, wie erhofft ...
Trotz den verheissungsvollen Vorzeichen und aller Gemeinsamkeiten wird das mit June und mir wohl doch nichts. Dabei hat alles so gut angefangen!

«Ding-Dong.» Mit pochendem Herzen stehe ich vor Junes Tür im Zürcher Seefeld. «Ding-doong!» Immer noch nichts. Mein Herz beschleunigt seinen Takt. Ich studiere das Poster, das an der Türe hängt. Wunderschöne nackte Frauenskulpturen des Künstlers Hermann Haller. Ich verliere mich in ihrem Anblick, zeichne gedanklich mit meinen Fingern die Konturen ihrer eleganten Körper nach und stimme mich schon mal auf einen hoffentlich sinnlichen Abend ein. – Wobei – ich weiss gar nicht, worauf ich hoffe. Hauptsache June sehen, lachen, reden, mich mit ihr verbunden fühlen, wie beim letzten Mal.

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