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Yonnihof

Der alte Mann im grauen Haus ennet der Strasse

Bild: shutterstock

Eine Geschichte über eine Geschichte, die ich nicht kenne.



Auf der anderen Strassenseite, circa 50 Meter weit weg, steht ein Haus. Eine unscheinbare, graue Fassade. Balkonlos. 70er-Chic. Hübsch-hässlich. Ohne hübsch.  

Links sind Büros – was man darin arbeitet, weiss ich nicht. Sieht nach Stadtverwaltung oder etwas Ähnlichem aus. Grossraumbüros, Tisch, Tisch, Bücherregal, Tisch, Tisch, Bücherregal, und so weiter. Ein Mann mit weissem Haar und auffallend bunten Poloshirts ist immer schon um 6.15 Uhr morgens da. Ich grüsse ihn jeweils, merkt er aber natürlich nicht.  

Er und ich, so bilde ich mir ein, wir sind ein Team. Gerne da, wenn es niemand anders ist. Er morgens, ich eher abends. Zumindest war das früher so, als ich noch fixe Arbeitszeiten hatte. Heute bin auch ich oft schon sehr früh am Schreiben und geniesse das kühle Lüftchen zwischen den weit aufgerissenen Fenstern, bevor ich sie gegen neun Uhr zusperre, um das kleine Quäntchen Kühle in der Wohnung zu halten, das der Nachtwind hineingetragen hat.  

Und so koexistieren wir denn, Polo-Mann und ich. Also: Er existiert, ich ko-, sozusagen, denn er weiss ja nichts von unserer kleinen Selbsthilfegruppe für hyperaktive Bettflüchtende. Ich finde das lustig – und manchmal schaue ich dann um mich und hoffe, dass jemand mit mir auch so ein stilles Team hat. Und nehme mir dann vor, nicht mehr so oft blutt rumzurennen zuhause.  

Dies ist aber gar nicht die Geschichte, die ich eigentlich erzählen wollte. Diese Geschichte gibt’s nämlich gar nicht – beziehungsweise, doch, es gibt sie schon, aber ich kenne sie nicht.  

Rechts neben Polo-Manns Arbeitsplatz liegt ein Altersheim. Auch dieses Haus ist keine Schönheit, grober, grauer Stein kombiniert mit Rostrot gestrichenen Fensterrahmen und auch hier: keine Balkons. Bis auf den fünften Stock, den obersten, der nur noch von einem Dach überragt wird, das erstaunlicherweise für seine Bauepoche nicht flach ist. Vor ebendiesem fünften Stock liegt ein schmaler, die ganze Fassade entlang gezogener Balkon, grober, grauer Stein mit rostroter Geländerstange. Neben der Glastür, die von einem Korridor, der gross mit «5. OG» angeschrieben ist, auf den Balkon führt, stehen ein kleines, weisses Plastik-Tischchen und ein einzelner Stuhl aus Holz. So willkürlich sieht das aus, als hätte jemand mithilfe von Würfeln eingekauft.  

Und dort, auf diesem kargen Balkon mit der kargen Einrichtung – wenn man es überhaupt als solche bezeichnen kann – sitzt regelmässig ein alter Mann. Wie alt, das kann ich nicht genau sagen, die Distanz zwischen den beiden Häusern lässt ein präzises Abschätzen nicht zu. Weisse Haare hat er und einen Stock, den er immer sorgfältig neben sich gegen die Wand lehnt, bevor er langsam zum Hinsetzen ansetzt und sich die letzten paar Centimeter plumpsen lässt.

Und da sitzt er dann und schaut hinunter aufs Treiben der Stadt. Manchmal stundenlang, obs heiss ist oder kalt. Sitzt da, mit gebeugtem Rücken und schaut. Ich habe ihn sein Plätzchen noch nie mit jemandem teilen gesehen, immer ist er allein.  

Und hier ist die Geschichte, die eben keine ist: Wo kommt dieser Mensch her? Was hat er erlebt? Ist er gerne allein oder nicht? Sitzt er da, weil ihm langweilig ist oder weil er einfach gerne dem Gewusel der Menschen fünf Stockwerke unter ihm zuschaut? Oder beides?  

Ab und zu male ich mir aus, wer dieser Mann sein könnte. Mal ist er ein Familienvater und -grossvater, mal ein Weltenbummler, mal ist er ein Stadtoriginal, mal kommt er aus einem fernen Land, mal heisst er Heiri, mal Pavel, mal Antonio.  

Vielleicht war er mal Olympionike, vielleicht hat er aber auch nie Sport gemacht, weil er mehr von Churchill hielt als von Vita-Parcours. Vielleicht hatte er eine Standardkarriere, vielleicht war er ein Draufgänger und hat einen ganzen Familienzweig, von dem nicht einmal er etwas weiss. Vielleicht hatte er eine grosse Liebe, vielleicht zwei, vielleicht fünf. Vielleicht eine nach der anderen, vielleicht mehrere gleichzeitig. Vielleicht mochte er Frauen, vielleicht Männer. Vielleicht beides. Oder keines. Vielleicht wurde sein Herz x-fach gebrochen, vielleicht nie.  

Vielleicht war er einst Schuhmacher. Oder Polizist. Oder Professor. Vielleicht Balletttänzer, vielleicht Bauer, vielleicht Lok-Führer, Beamter, Lehrer, Gärtner, Kleintierarzt. Vielleicht stellte er die rostrote Farbe her, die nun das Geländer ziert, an dem er sich beim Aufstehen jeweils langsam hochzieht.  

... und vielleicht ist der ja der Erfinder der Poloshirts, die Polo-Mann jeden Morgen um 5.00 Uhr ohne zu überlegen aus seinem Schrank zieht.  

Fakt ist: Ich mag Heiri oder Pavel oder Antonio, weil er mir exemplarisch immer wieder aufzeigt, wie wenig ich über die Menschen weiss und dass das manchmal völlig in Ordnung ist. Vielleicht gehe ich eines Tages mal über die Strasse und frage nach dem Mann auf dem Balkon.  

Vielleicht aber auch nicht.

Yonni Meyer

Yonni Meyer (36) schreibt als Pony M. über ihre Alltagsbeobachtungen – direkt und scharfzüngig. Tausende Fans lesen mittlerweile jeden ihrer Beiträge. Bei watson schreibt die Reiterin ohne Pony – aber nicht weniger unverblümt. 
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Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
9Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • honesty_is_the_key 24.08.2018 19:25
    Highlight Highlight Ich verstehe es grad nicht so wirklich.
    Warum kriegt ein so wunderschöner Kommentar kaum Reaktionen ? Und andere, zum Teil sehr hässliche Sachen so viele ? Macht mich ziemlich traurig und kann ich nicht wirklich verstehen.
    • thatstheshit 24.08.2018 22:24
      Highlight Highlight Hast du jetzt echt deinen eigenen Kommentar kommentiert? Wein doch.
  • honesty_is_the_key 23.08.2018 19:56
    Highlight Highlight Ein echt wunderschöner Text, vielen Dank Yonni.

    Ich wäre jetzt hin und her gerissen was "besser" wäre - den alten Mann besuchen oder sich weiterhin ausmalen wer er ist, wie er heisst, was er gemacht hat, über was er träumt etc.

    Also genauso wie du es am Schluss vom deinem Beitrag so wunderschön sagst.
  • D. L. aus B. 22.08.2018 10:00
    Highlight Highlight Du bist etwas vom Besten hier auf watson, Yonni!
  • Christof1978 22.08.2018 09:56
    Highlight Highlight Als ich noch pendelte, ging es mir genau gleich. Immer wieder dieselben Leute gesehen, und mir Fragen gestellt, woher kommen sie, wohin gehen sie, wartet jemand zu Hause auf sie? Fragen über Fragen :-) Aber die Fantasie hat die Geschichten dann weitergesponnen und Geschichten zu den Leuten erfunden - jeden Tag was neues und spannendes.
  • Bruno Wüthrich 22.08.2018 09:32
    Highlight Highlight Wenn der alte Mann wüsste, dass da jemand ist, die sich all die Fragen über ihn stellt. Was würde er fühlen? Was würde das für ihn bedeuten? Und was würde er sich wünschen?

    Und was wäre, wenn die Frau, die sich all diese Fragen stellt, diese (oder wenigstens einige davon) beantwortet haben möchte?

    Wir wissen es erst, wenn die Frau den entsprechenden, notwendigen Beschluss fasst, und uns danach davon berichtet.
    • dding (@ sahra) 24.08.2018 22:05
      Highlight Highlight Bruno
      Sind Sie es?
      Sind Sie etwa dieser alte Mann?
  • Triumvir 22.08.2018 09:18
    Highlight Highlight Einfach toll, wie immer, liebe Frau Meyer. Es müsste mehr Journalistinnen mit einem Faible für Belletristik wie sie geben, dann wäre unser aller Alltag ein klein wenig bunter und spannender...
  • Natiih 22.08.2018 09:18
    Highlight Highlight Yonni <3
    Reizend, wie das geschrieben ist.
    Das ist so wahr und trotzdem bilden sich die Menschen eine Meinung, die vielleicht genau dem Gegenteil entspricht.
    Ich würde hin gehen, fragen, mich mit ihm unterhalten wollen.
    Man lernt nie aus. Und es ist immer schön, Menschen kennen zu lernen und deren Hintergründe.

    Ich wünsche einen angenehmen Tag <3

Schwanger!

Vom Tag, der mein Leben für immer veränderte.

Ich hatte mir das alles ja ganz anders vorgestellt.

Ich dachte, mein Körper würde mir Rosamunde Pilcher-artig (rest in peace, Rosy) rückmelden, dass das Wunder des Lebens in mir reift. Süsse Lendenfrüchtchen-Vibes. Oxytocin-getränkte Benommenheit. Wie ein Nebel aus regenbogenfarbigen Einhorntränen würde sich die zukünftige Mutterschaft über meine Weltsicht legen. Den Brüdern Grimm würde SCHLECHT werden, da war ich mir sicher.

Am Ende waren da einfach nur diese riesigen Möpse. Wir waren …

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