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Eine Karte sagt mehr als tausend Tweets: Aktuelle Störungsmeldungen zu Netflix in Europa.<br data-editable="remove">
Eine Karte sagt mehr als tausend Tweets: Aktuelle Störungsmeldungen zu Netflix in Europa.
screenshot: allestörungen.ch

Die Swisscom im Netflix-Shitstorm: Es ruckelt und stottert, doch niemand will schuld sein

«Üble Sache, Maloney!», würde es beim berühmten Detektiv heissen: Swisscom-Kunden, die Netflix-Videos streamen, ärgern sich schon länger über Empfangsprobleme. In den letzten Tagen hat sich die Situation aber dramatisch verschlechtert. Was ist passiert?
22.03.2016, 06:4224.03.2016, 11:19

Schweizer Netflix-Nutzer laufen gegen die Swisscom Sturm. Nimmt man nur schon die Rückmeldungen der watson-Leser und die Rückmeldungen im Internet, muss man von einem Shitstorm sprechen. Dabei protestieren auch bekannte Namen wie der Kabarettist Victor Giacobbo oder der Unternehmer Peter Schulz (Joiz).

«Seit 2-3 Tagen ist Netflix im Swisscom-Netz praktisch unbrauchbar geworden, teilweise minutenlange Ladezeiten sind Standard bevor ein Stream in ungenügender Qualität geliefert wird. Gleichzeitig funktioniert ein Stream beim Nachbarn über UPC in bester Qualität.»
Auszug aus dem Schreiben eines unzufriedenen Netflix-Nutzers im Swisscom-Kundenforum
quelle: swisscom community

Andere Netflix-Nutzer nehmen es mit Galgenhumor:

Ein Ärgernis für viele Betroffene ist die Kommunikation, respektive die Nicht-Kommunikation des Online-Kundendienstes.

«Was mich wirklich stört ist, dass Swisscom einen nicht ernst nimmt. Support-Anfrage via Twitter zu diesem Thema wird ignoriert (sonst habe ich immer sofort eine Rückmeldung erhalten) und auf Mails auch keine Reaktion. Die Hotline mag ich mir nicht mehr antun, weil da im 1st-Level-Support gebetsmühlenartig auf Netflix als Problemverursacher hingewiesen wird.»
Reklamation im Swisscom-Kundenforum
quelle: swisscom community

Wobei es wie in jedem Konflikt (mindestens) zwei Seiten gibt:

«Swisscom schiebt die Schuld auf Netflix, Netflix die Schuld auf die Swisscom. In keiner der beiden Hotlines wird einem geholfen.»
watson-Leser
quelle: user-input

Und der Fairness halber ist anzumerken, dass der Swisscom-Kundendienst via Twitter mit der folgenden Standard-Antwort reagiert:

Die öfters gehörte Vermutung, die Swisscom drossle bewusst das Tempo, um Netflix gegenüber dem eigenen Streaming-Dienst zu benachteiligen, weist das Unternehmen via Twitter zurück.

Der Swisscom-Sprecher nimmt Stellung – und attackiert Netflix

Armin Schädeli von der Swisscom-Medienstelle hat am Montag auf unsere schriftliche Anfrage wie folgt (schriftlich) Stellung genommen:

Wie schlimm beurteilt die Swisscom die aktuellen Empfangsprobleme?
Armin Schädeli: Wir analysieren die Situation laufend und haben bereits am Wochenende festgestellt, dass Netflix die Transitkapazitäten massiv reduziert hat. Dies offenbar bereits seit dem 17. März 2016. Damit nimmt Netflix Qualitätseinbussen bei der Nutzung ihrer Dienste in Kauf. Netflix steht in der Pflicht, genügend Transitkapazitäten zur Verfügung zu stellen.

«Netflix entscheidet selbst, über welche Transitnetze sie ihren Datenverkehr verbreiten. Swisscom hat keinen Einfluss darauf.»
Swisscom-Sprecher Armin Schädeli

Was unternimmt die Swisscom um den Netflix-Empfang zu gewährleisten bzw. zu verbessern?
Wir sind mit Netflix im Gespräch.

Schon seit Monaten beklagen sich Swisscom-Kunden über schlechte Bildqualität des Streams. Wo sehen Sie die Gründe?
Nach dem Markteintritt im September 2014 hat Netflix den Datenverkehr vorwiegend über die Deutsche Telekom zu Swisscom geroutet. Im Laufe des Augusts 2015 hat Netflix begonnen, den Datenverkehr auf den Ports bei der Deutschen Telekom zu reduzieren bis diese Ende August ganz leer waren und Netflix den Vertrag mit der Deutschen Telekom gekündigt hat. Der Datenverkehr führte fortan über den Transitanbieter Level 3 und andere Anbieter –  darunter auch ein Anbieter, der für überbuchte Kapazitäten bekannt ist. Netflix entscheidet selbst, über welche Transitnetze sie ihren Datenverkehr verbreiten. Swisscom hat keinen Einfluss darauf.

Eine Szene aus dem Netflix-Bilderbuch: entspanntes Streamen im Schlafzimmer.<br data-editable="remove">
Eine Szene aus dem Netflix-Bilderbuch: entspanntes Streamen im Schlafzimmer.
bild: netflix

Laut Medienberichten würde eine direkte Verbindung (sogenanntes «Peering») zwischen den Rechnern von Swisscom und Netflix die Situation massiv verbessern. Warum wird dies nicht getan?
Netflix und Swisscom haben Verhandlungen geführt, die aufgrund kommerzieller Differenzen jedoch zu keinem Ergebnis geführt haben. Wir möchten aber betonen, dass eine direkte Anbindung keine Voraussetzung für eine gute Performance ist. Über Transit lassen sich vergleichbare Werte erzielen, was in der Vergangenheit bestätigt wurde.

Als der Netflix-Datenverkehr via Deutsche Telekom in das Swisscom-Netz führte, war die Performance ausgezeichnet. Vergleichen Sie das Statement von Netflix-Chef Reed Hastings in der Basler Zeitung vom 8. Mai 2015 (und hier bei Tages-Anzeiger online). Zitat: «In der Schweiz ist es sehr praktisch für uns. Wir haben Kontakt mit den Providern, niemand drosselt uns. Wir profitieren hier von einigen der schnellsten Internet-Verbindungen, die wir weltweit angetroffen haben.»

Die Parteien müssen jedoch ihren Verpflichtungen bei der Auswahl der Transitanbieter und der eingekauften Transitkapazitäten nachkommen. Swisscom erfüllt ihren Teil.

«Als Netflix im September 2015 in der Schweiz startete, wurden die Daten über die Netze der Deutschen Telekom (DT) zur Swisscom übertragen. Die DT ist der sogenannte Hauptprovider der Swisscom. Im August 2015 kündigte Netflix seinen Vertrag für die direkte Übertragung mit der DT. Seither kommen die Daten über sogenannte Transitanbieter, vor allem Level 3 und Cogent, zur Deutschen Telekom und von dort weiter zur Swisscom. Insbesondere Cogent ist für überbuchte Kapazitäten bekannt. Vermutet wird, dass der Verkehr zwischen der Deutschen Telekom und Cogent am Anschlag ist. Ende letzten Jahres verklagte Cogent die DT, weil diese die Kapazitäten nicht kostenlos erhöhen will.»
Schweiz am Sonntag, 21. Februar 2016

Was sagt Netflix?

Natürlich haben wir Netflix die Gelegenheit zu einer Stellungnahme gegeben. Insbesondere interessiert uns, was der TV-Streaming-Marktführer zu den Vorwürfen von Swisscom sagt.

Die Antwort steht aus und wird an dieser Stelle nachgeliefert.

Update: Die für den deutschsprachige Raum zuständige Presseagentur von Netflix hat uns am 24. März das folgende Statement geschickt: «Swisscom und Netflix haben zusammen gearbeitet und eine technische Lösung umgesetzt, die Swisscom-Kunden ein besseres Netflix-Erlebnis bieten wird als je zuvor.» Hier gehts zur Story, in der es um die Einigung der beiden Unternehmen geht.

Gegenüber dem Konsumentenmagazin von Radio SRF 1 «Espresso» soll ein Mitarbeiter des Netflix-Kundendienstes gesagt haben, es gebe Indizien dafür, dass irgendwo eine Drosselung der Leistung stattfinde. Dies berichtete SRF Online am Montagnachmittag.

Wer setzt sich durch?

Der Schwarze Peter wird hin und her geschoben, so viel steht fest. Es geht um die Frage, ob und wie sich Netflix, das gewaltige Datenmengen über die diversen Internet-Leitungen bis zu den Abonnenten «ausliefert», an den Infrastruktur-Kosten der Netzbetreiber beteiligen soll.

Während die Swisscom noch hinter den Kulissen mit Netflix verhandelt, ist die Schweizer Konkurrentin UPC (Cablecom) einen wichtigen Schritt weiter. Die Verbindung zwischen Netflix und der UPC-Muttergesellschaft Liberty Global in Amsterdam sei verbessert worden, berichtete Ende Februar die «Schweiz am Sonntag». «Damit ist immerhin für Kunden des Kabelnetzriesen der Filmgenuss über den US-Streamingdienst wieder intakt.»

Blieb die Frage, ob nach solchen Einigungen Geld fliesst? In einem aktuellen, lesenswerten Blog-Beitrag mit dem Titel «Das Netflix-Paradoxon bei Swisscom» wird genau dies vermutet:

Es könnte also sein, dass Liberty Global dank seiner Marktmacht mit über 20 Millionen Internetbenutzern es geschafft hat, sich von Netflix ähnlich wie bei Comcast für den Transit bezahlen zu lassen.

Chef von Swisscom-Konkurrentin verneint

Der Vermutung, dass Netflix Schweizer Internet-Provider für den schnellen Datentransport bezahle, sei falsch. Dies sagt ein bekannter Branchenvertreter, der kein Blatt vor den Mund nimmt. Fredy Künzler ist CEO des 16-jährigen Highspeed-Internet-Providers Init7.

Man muss erwähnen, dass Init7 und die Swisscom seit Jahren in einen Rechtsstreit verwickelt sind. Dabei geht es um die Netzneutralität, respektive um die Frage, was die Swisscom für den Transport fremder Daten über das eigene Netzwerk verlangen darf.

«Netflix wird Swisscom niemals zahlen.»
Fredy Künzler, CEO Init7

Die «NZZ am Sonntag» berichtete letzten Frühling über den «Machtkampf um den Verkehr im Internet». Die Eidgenössische Wettbewerbskommission (Weko) prüfe, ob grosse Internet-Provider wie Swisscom oder UPC Cablecom ihre Datenleitungen zu Inhalte-Anbietern bewusst ausbremsen. «So könnten sie etwa Zattoo, Youtube oder Netflix diskriminieren und ihre eigenen TV-Angebote bevorteilen.»

Was Netflix betrifft, argumentiert Künzler, die Swisscom stelle sich grundsätzlich auf den gleichen Standpunkt wie ursprünglich UPC Cablecom. Nämlich, dass der Streaming-Anbieter für die sogenannte «direkte Interkonnektion» bezahlen solle. Doch: «Netflix wird Swisscom niemals zahlen.» Davon sei er seit einem kürzlichen Kontakt mit einem (nicht namentlich genannten) Netflix-Manager überzeugt.

Dies bedeute, dass die Swisscom entweder weiterhin schlechte Publicity in Kauf nehmen müsse, oder Netflix seine Inhalte direkt ausliefern könne und zwar kostenfrei (sogenanntes «Zero-Settlement»).

Das kleinere Übel?

Laut Künzler könnte dies Auswirkungen auf das Verfahren haben, das sein Unternehmen Init7 seit 2012 gegen die Swisscom führe. Vereinfacht gesagt: Wenn die Swisscom bei Netflix nicht für den Datentransport kassieren kann, soll sie dies auch bei anderen nicht tun.

Das vorsorgliche Verfahren vor Bundesverwaltungsgericht habe sein Unternehmen 2013 letztinstanzlich gewonnen, erinnert Künzler, doch sei das Hauptverfahren immer noch beim Regulator hängig.

Sein Fazit: Die Swisscom werde das Thema «Netflix-Performance» nicht länger ignorieren können, sondern überlegen müssen, was das kleinere Übel sei: «der Kundenverlust Richtung anderer Provider oder das verlorene Argumentarium im Verfahren gegen Init7».

«Meiner Ansicht nach ist das der wichtigste Kampf um Netzneutralität in der Schweiz. Dass die Kunden aufstehen und sich wehren, wenn ihnen der Provider auf dem Schlauch steht, finde ich super.»
Fredy Künzler, Chef des Schweizer Internet-Providers Init7

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116 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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_mc
22.03.2016 08:03registriert Februar 2014
Auf den ersten Blick ein First-World Problem, ganz klar. Viel schlimmer als ein Wochenende ohne Netflix finde ich aber das üble Game dass die Swisscom hier spielt: Auf Twitter das freie Internet propagieren, und gleichzeitig knallhart die (praktische) Monopolstellung ausnutzen..
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Luzz
22.03.2016 08:17registriert Januar 2015
Die wichtigste Information aus dem verlinkten Blogbeitrag fehlt hier aber: Dass die Swisscom Geld verlangt von Netzen, die mehr als doppelt so viele Daten ins Swisscom-Netz senden als sie davon erhalten ("restriktive peering policy mit einer 2:1 ratio"). Wegen der Natur der Sache ist dies bei einem Dienst wie Netflix natürlich der Fall. Wenn die Swisscom also Netflix kostenlos direkt verbinden würde, würde sie ihr gesamtes peering-Geschäftsmodell selbst aushebeln, weil dann jeder bislang zahlende Partner dann auch eine Gratis-Anbindung verlangen wird.
Geschieht ihr recht als Gegner der NN.. 🙄
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Kopold
22.03.2016 08:07registriert Juli 2014
Sie wollen weder ein direktes Peering, noch den gratis Netflix-Streamingserver in ihrem Rechenzentrum.
Damit ist der Fall eigentlich klar, wer Schuld ist, wenn die SC die angeforderten Daten ihren zahlenden Kunden nicht liefern kann...
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