DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Stefanie Sargnagels Kampfmontur besteht aus Ironie und Übertreibung. 
Stefanie Sargnagels Kampfmontur besteht aus Ironie und Übertreibung. Bild: APA

Wütende Österreicher fordern Tod und Zwangssterilisation für die «Katzentreterin»

Die Autorin Stefanie Sargnagel ist es gewohnt, gehasst zu werden. So krass wie jetzt war es allerdings noch nie. 
13.03.2017, 16:3914.03.2017, 12:34

Österreich hat ein «Babykatzengate». Im Ernst. Aber vor dem Ernst kommt die Ironie. Und eine Boulevardzeitung, die davon keine Ahnung hat. Weshalb sie seit Tagen gegen drei junge Frauen hetzt.

Aber fangen wir am Anfang an. Im Januar. Stefanie Sargnagel (bürgerlich heisst sie Sprengnagel, 31), Lydia Haider (32) und Maria Hofer (30) suchen sich eine billige Bleibe, um ein paar Tage lang gemeinsam an ihren neuen Büchern zu schreiben. Sie entschliessen sich für ein Haus in der marokkanischen Stadt Essaouira. Viele haben dort schon vor ihnen gekifft und Kunst gemacht.

Sargnagel, Hofer und eine unbekannte Dritte in Essaouira.  
Sargnagel, Hofer und eine unbekannte Dritte in Essaouira.  bild: via facebook/stefanie sprengnagel

Sargnagel ist die berühmteste. Sie hat aus Facebook-Posts und ihren Erfahrungen als Callcenter-Angestellte Romane gemacht, auf die auch Männer, die sonst nur «Top Gear» lieben, stehen (zum Beispiel unser Patrick Toggweiler). Sie ist sehr deftig und unerschrocken. Bevor sie nach Marokko reisen, tun sie und Haider, was Kulturschaffende eben so tun: Sie füllen einen Antrag auf Reisekostenbeteiligung aus. Beide erhalten von Österreich 750 Euro

Aus Marokko schreiben sie für die Zeitung «Der Standard» ein Reisetagebuch, das am 25. Februar erscheint. Es ist nicht der genialste Text, aber er ist lustig. Total überzeichnet. Politisch unkorrekt. Und: Er ist Fiktion. Satire. 

Aus Sargnagels Reisetagebuch

5. Jänner 2017: «Lydia ist die einzige Vegetarierin in der Gruppe, aber im Unterschied zu den anderen VegetarierInnen, die ich kenne, ist sie es nicht, weil sie Tiere liebt, sondern weil sei Tiere zutiefst hasst. Heute hat sie eine Babykatze zur Seite getreten, mit der Behauptung, sie habe Tollwut, danach biss sie selbstzufrieden in eine vegetarische Crêpe.»

7. Jänner 2017: «Nach meiner persönlichen jahrelangen Kifferabstinenz haben wir gestern Abend gemeinsam Haschisch geraucht ... Danach haben wir ‹Ich packe meinen Koffer› gespielt. Aber jeder von uns packte in den Koffer ‹ein Gramm Hasch›. So unterhaltsam! Nur Lydia lachte als Einzige nicht. Ich glaube, heute hat sie sieben Flaschen Wein getrunken. Maria hat mit dem Surflehrer geschmust.»

8. Jänner 2017: «Dieser Urlaub ist toll. Als Frauen in den besten Jahren sind wir aber etwas enttäuscht über den Umgang mit uns. Minirock, Rausgehen ohne BH, roter Lippenstift ringen den Bewohnern Essaouiras nur hin und wieder ein desinteressiertes «Bon jour» ab, und wenn wir uns spätnachts willig zu ihnen an den Strand setzen, wollen sie eingeraucht Uno spielen. Der Kölner Hauptbahnhof hat echt zuviel versprochen.»

11. Jänner 2017: «Heute hat Lydia dreizehn Flaschen Wein getrunken. Maria hat mit dem Muezzin geschmust.»

Es dauert ein paar Tage, doch dann platzt Richard Schmitt, dem Online-Chef der «Kronen Zeitung», das Totenkopf-Halstuch. Er schreibt – und dies am Frauentag! – «über eine ‹Literaturreise› nach Afrika samt Hasch, Alkohol und Tierquälerei – auf Kosten der Steuerzahler».

Richard Schmitt.
Richard Schmitt.bild: via twitter/RichardSchmitt2

«Zwei mittelbekannte und mittelbegabte österreichische Autorinnen und eine noch unbekanntere deutsche Schriftstellerin jetten» da nach Afrika, und «wir Steuerzahler» blechen «mit 1500 Euro» für «das zehntägige Besäufnis, das Katzentreten sowie eine Muezzin-Schmuserei». Und daneben die wahren Opfer der Silvesternacht von Köln! Die irgendwie mit «Wiens Frauenhäusern» kurzgeschlossen werden. Wow. 

Das Schlimme: Die Zeitung legt nach. Und nach. Und nach. Der Journalist Fritz Kimeswenger veröffentlicht in der Kärntner Ausgabe der «Krone» Sargnagels Adresse in Klagenfurt, wo sie gerade als (natürlich subventionierte) Stadtschreiberin arbeitet, nennt sie «Fäkalautorin» und preist sie als «willig» an. FPÖ-Anhänger  – Sargnagel ist eine äusserst umtriebige FPÖ-Gegnerin – pöbeln mit. 

Fritz Kimeswenger.
Fritz Kimeswenger.bild: via twitter

Hass-Kommentare von «Krone»-Lesern

«Warum werden solche volksverräter nicht an die wand gestellt? Wär ein guter henker ...»

«Es ist Wahnsinn und so etwas darf sich frei bewegen was ich mir sonst noch denke und dem kranken Hirn wünsche kann ich hier aber nicht schreiben.»

«wos rennt denn bei dera und ihrem Gefolge verkehrt. frustrierte alte Emanzen. die ghearn in a gruam gschmissn mit lauter Vergewaltigern.»

«Einfach unverschämtes linkes Gesindel. Sollten mit denen, die so etwas mit Steuergeldern noch unterstützen, in ein richtiges Arbeitslager gesteckt werden.

«zwangssterilisieren diese drecksau.»

«de is so schiach das ned amoi de notgeilen araber über sie drüba gräeun!»

«Linker genetischer Abfall!»


Rechtschreibung: «Krone»-Leser.

Die Polizei schaltet sich ein. Zwei Twitter-Accounts von besonders bösen Männern werden gelöscht. Der eine war wahrscheinlich eh ein Pseudonym, der andere nicht. Die Jungen Grünen twittern «Je suis Sargnagel». Es gibt eine Petition für die sofortige Entlassung von Kimeswenger. Sein Twitter-Account ist inzwischen gesperrt.

Österreichs prominenteste TV-Journalistin, Corinna Milborn, macht darauf aufmerksam, dass in der gleichen «Standard»- Ausgabe, in der das Marokko-Tagebuch erschien, auch ein Text des niederländischen Schriftstellers Arnon Grünberg mit folgender Passage stand:

«Im Hotel wartete meine Verlobte auf mich. Inmitten der Blutlachen fasse ich den Entschluss, mit ihr Schluss zu machen. Dann überlege ich mir, dass ich sie eigentlich lieber totficken würde. Ich werde aus dem Bett ein Meer aus Därmen, Lungen, Nieren, Blut und Scheisse machen. Ich war noch nie so geil wie im Schlachthaus.»

Kein Mensch fand das pervers. Es ist halt Literatur. Und Männer hatten schon immer solche Fantasien. Frauen manchmal auch. Das war dann eher nicht so erfolgreich. «Und jetzt können wir alle gemeinsam darüber nachdenken, warum es weniger weibliche Comedians und Kabarettistinnen gibt und sich weniger Frauen im Fernsehen und in der ersten Reihe der Politik exponieren. Ein Grund ist, dass man sie nicht lässt», schreibt Milborn.

Corinna Milborn.
Corinna Milborn.bild: AGTT/wikipedia

Stefanie Sargnagels Facebook-Account wird am vergangenen Freitag für 30 Tage gesperrt. Sie beschwert sich auf Twitter. Am Samstagmorgen schreibt ein Herr Fleischhacker auf NZZ.at, der österreichischen Dépendance der NZZ, dass eine, die öffentliche Gelder kassiert, gefälligst nicht jammern soll, wenn sie etwas härter angegangen wird.

Richard Schmitt rastet auf Twitter weiterhin aus – vor Freude über die geile Quote, die Babykatzengate der «Krone» bringt, und vor triefendem Hass gegen Sargnagel. Und dann schaltet sich auch noch ein Verschwörungsfetischist, der Bestsellerautor Thomas Glavinic, ein, mit dem Sargnagel eh schon lang ein Beef hat (er sagt, sie sei ein hässlicher «Rollmops», sie sagt, sein Schwanz sei klein).

Glavinics Computer wird am Wochenende gehackt und die Nackt- und Sexfotos seiner Freundin, die Glavinic halt im Lauf einer Liebe so angefertigt hat, wurden auf einem eigens dafür erstellten Twitter-Account in die Welt hinaus verteilt. Glavinic ist sich sicher, dass Sargnagel die Hackerin ist. Inzwischen ist der Twitter-Account gesperrt.

Und Sargnagel? Lässt sich wie immer nicht den Mund verbieten. Sackt die Übergriffe ein und schlägt zurück. Ihre Rüstung besteht aus den gleichen Materialien wie schon in Marokko: Ironie, Satire, Übertreibung. Selbst ihre Eltern werden lustig als Altnazis verwurstelt (und verstehen dies im Gegensatz zu Schmitt auch nicht falsch).

Natürlich lassen wir ihr das letzte Wort. Und freuen uns, dass sie sich selbst in alledem kein bisschen als Opfer sieht. Jedenfalls nicht gegen aussen. Und dass Facebook am Montagnachmittag, um 16.20 Uhr, ein Einsehen hatte:

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
twint icon
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Neue Dokumente veröffentlicht: So begründeten die Richter Djokovics Ausweisung

Novak Djokovic musste Australien am 16. Januar verlassen, weil seine Beschwerde gegen den Rückzug seines Visums vom Gericht abgeschmettert wurde. Nun hat das Bundesgericht seine Gründe für die Abweisung von Djokovics Argumenten publiziert. Die drei Richter gehen darin auf alle drei Punkte ein, die der Tennisspieler gegen den Entscheid von Migrations-Minister Alex Hawke vorgebracht hatte:

Zur Story