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epa06355150 Myanmar State Counselor Aung San Suu Kyi (R) and Pope Francis (L) arrive to the Myanmar International Convention Center (MICC) in Naypyitaw, Myanmar, 28 November 2017. Pope Francis' visit in Myanmar and Bangladesh runs from 27 November to 02 December 2017.  EPA/NYEIN CHAN NAING / POOL

Menschenrechtler sind von ihrem Auftritt enttäuscht: Papst Franziskus und Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi am Dienstag in Naypyidaw. Bild: EPA/EPA POOL

Der Papst in Myanmar – alle warten auf das eine Wort, doch er sagt es nicht

Die Zeiten sind vorbei, als Aung San Suu Kyi als Friedensnobelpreisträgerin verehrt wurde. Papst Franziskus soll ihr Image aufpolieren. Der wiederum vermeidet im Konflikt um die verfolgten Rohingya, Öl ins Feuer zu giessen. Und erntet Kritik.

Annette Reuther, Christoph Sator / dpa



Es ist ein mächtiger, geradezu unmenschlicher Bau, in dem Papst Franziskus seine erste Rede in Myanmar hält. Als er neben Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi in das Kongresszentrum einzieht, begleitet von tanzenden Menschen mit Pfauenfedern auf dem Kopf, ist das eine geradezu bizarre Szene.

Das Convention-Zentrum in der noch recht jungen Hauptstadt Naypyidaw steht für die jahrzehntelange Militärherrschaft in einem Land, das nun wegen der Verfolgung der muslimischen Rohingya-Minderheit in den Schlagzeilen steht.

Hier in dieser künstlichen Welt fordert Franziskus nun die Achtung der Menschenrechte ein. Suu Kyi, mittlerweile faktische Regierungschefin und international arg umstritten, hört genauso zu wie zahlreiche Militärs und Diplomaten im Raum.

Der Papst wählt seine Worte mit Bedacht. Es sei wichtig, die «Achtung der Rechte aller zu garantieren, die dieses Land als ihr Zuhause ansehen». «Die Zukunft Myanmars muss der Friede sein – ein Friede, der sich auf die Achtung der Würde und der Rechte eines jeden Mitglieds der Gesellschaft gründet, auf die Achtung jeder ethnischen Gruppe und ihrer Identität.» Deutlicher wird er nicht.

Den Konflikt, der in den letzten drei Monaten alleine mehr als 620'000 Muslime in die Flucht getrieben hat, spricht er somit nur verklausuliert an. Menschenrechtler sind enttäuscht.

Pope Francis delivers his speech during a meeting with Myanmar's leader Aung San Suu Kyi, at the International Convention Centre of Naypyitaw, Myanmar, Tuesday, Nov. 28, 2017. The pontiff is in Myanmar for the first stage of a week-long visit that will also take him to neighboring Bangladesh. (AP Photo/Andrew Medichini)

Nennt die Rohingya bei seiner Rede nicht namentlich: Papst Franziskus in Naypyidaw. Bild: AP/AP

Angst vor weiterer Gewalteskalation

Zur ersten Myanmar-Reise eines Papstes überhaupt war der Argentinier mit Vorwarnung in das südostasiatische Land gekommen: Die kleine katholische Kirche vor Ort – gerade einmal etwa 650'000 Gläubige – empfahl ihm öffentlich, das Wort Rohingya bitteschön gar nicht erst zu benutzen. Denn dadurch, so die Befürchtungen, könnte die Gewalt an der Grenze zum Nachbarland Bangladesch weiter eskalieren.

Von den 54 Millionen Menschen in Myanmar halten die meisten die Rohingya für muslimische Eindringlinge aus Bangladesch und nicht für eine eigene Ethnie. Auch bei der Bischofskonferenz in Myanmar äussern sich manche so.

A Rohingya Muslim woman carries an infant child and walks with a group after crossing the border from Myanmar into Bangladesh, near Palong Khali, Bangladesh, Wednesday, Nov. 1, 2017. In a scene that's played out over and over again, at least 2,000 exhausted and starving Rohingya crossed the swollen Naf river on Wednesday and waited along the Bangladesh border for permission to cross, fleeing persecution in Myanmar. (AP Photo/Bernat Armangue)

Rohingya an der Grenze zu Bangladesch: 620'000 sollen bereits geflüchtet sein. Bild: AP/AP

Der Asien-Experte der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch, Phil Robertson, vermutet, dass der Papst das Wort vermeidet, weil er befürchte, dass ansonsten auch Katholiken Gewalt ausgesetzt seien. Er meint aber: «Man kann nicht um die Diskriminierung und den Rassismus gegen die Rohingya herum reden.»

Der Papst ist kein Politiker. Er ist religiöser Anführer, Kirchenoberhaupt und für viele auch moralische Instanz. In der Natur seines Amtes liegt es, sich für Menschenrechte und gegen jede Art von Verfolgung stark zu machen – egal ob es gegen Christen geht oder gegen Muslime oder Buddhisten. Im August hatte er sich noch explizit gegen die Verfolgung «unserer Rohingya-Brüder und -Schwestern» ausgesprochen.

Papst in Myanmar nur eine Randfigur

Allerdings war das im Vatikan und nicht in Myanmar – ein entscheidender Unterschied. Seine Wirkungsmöglichkeit in einem buddhistischen Land sind stark beschränkt. Als Oberhaupt der katholischen Kirche ist er in der Region mit ihren anderen Religionen nur eine Randfigur. Immerhin kann er aber die internationale Aufmerksamkeit erneut auf das Leid der Rohingya lenken.

Nicht nur die Vereinten Nationen sprechen von «ethnischer Säuberung» in Myanmar. Auch die US-Regierung benutzt den Begriff. «Das Mindeste, das der Papst tun könnte, ist, die Rohingya beim Namen zu nennen», meint Matthew Smith von der Menschenrechtsorganisation Fortify Rights.

Der Papst-Besuch bei Suu Kyi kann auch als Unterstützung für die «Lady» gewertet werden. Schliesslich hatte die 72-Jährige den Pontifex im Mai in Rom besucht. Erst damals wurden auch diplomatische Beziehungen zwischen dem Vatikan und Myanmar aufgenommen. Suu Kyi hat Interesse daran, sich an der Seite des Pontifex zu zeigen und ihren ramponierten Ruf etwas aufzupolieren. Die Kritik an ihr wird dadurch aber sicher nicht leiser.

Von der moralischen Autorität, die sich mit ihrem jahrzehntelangen friedlichen Kampf gegen die Militärdiktatur erworben hatte, ist heute nicht mehr viel übrig. Die Sturheit, mit der sie sich gegen die Generäle zur Wehr setzte, wurde allseits bewundert. Heute wird ihr zur Last gelegt, dass sie gegen die «Säuberungskampagne» nichts unternimmt.

Wochenlang schwieg sie dazu. Als sie dann doch das Wort ergriff, verstand keiner so recht, was sie eigentlich sagen wollte. Auch ihre Rede vor dem Papst blieb vage und im Grunde nichtssagend. Auf Distanz zu Myanmars mächtigem Militärchef Min Aung Hlaing, dem Hauptverantwortlichen für das Vorgehen gegen die Rohingya, ging sie nie.

Was aber im Rest der Welt oft nicht wahrgenommen wird: Zuhause hat die selbst streng gläubige Buddhistin die grosse Mehrheit der Bevölkerung hinter sich. In Myanmar versteht kaum jemand, warum man sich andernorts so erregt. Die Rohingya werden von vielen als Menschen gesehen, die sich «wie Ratten vermehren». Es wird argumentiert, dass sich Suu Kyi mit einer Distanzierung nicht nur gegen die Militärs stellen würde, sondern auch gegen die eigenen Wähler. Wenn sie sich zu stark gegen die Gewalt ausspricht, droht ihr das politische Aus.

Militärchef gilt als Schlüsselfigur

Und wer dann nach der Macht strebt, gilt als klar: Schon zu Beginn des Papst-Besuchs wurde deutlich, wer in Myanmar wichtig ist. Als Erstes traf der Papst nicht den Präsidenten, nicht die Regierung, nicht die religiösen Anführer. Am Montag fuhren mehrere Militärwagen mit verdunkelten Scheiben vor seiner stacheldrahtgeschützten Residenz beim Erzbischof in Rangun vor. Drinnen sass Min Aung Hlaing. Der Militärchef gilt als Schlüsselfigur des Landes. Ohne seine Zustimmung geht nichts.

Myanmar's Army Commander Senior Gen. Min Aung Hlaing speaks during the second anniversary of the signing of nationwide ceasefire agreement (NCA) at the Myanmar International Convention Center in Naypyitaw, Myanmar, Sunday, Oct. 15, 2017. (AP Photo/Aung Shine Oo)

Min Aung Hlaing: Ohne den Militärchef geht in Myanmar wenig.  Bild: AP/AP

Der General selbst liess sogleich über die Facebook-Seite der Militärs mitteilen, dass es keine ethnische und religiöse Diskriminierung in Myanmar gebe. Vielen bleibt nun die Hoffnung, dass Franziskus in Bangladesch, der zweiten Etappe seiner Reise, deutlicher wird – oder zumindest hinter verschlossenen Türen klare Worte findet. (sda/dpa)

Das ganze Ausmass der Rohingya-Verzweiflung

Video: Angelina Graf

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7Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • nickname2000 28.11.2017 20:23
    Highlight Highlight Was hätte Jesus getan?
    • Luca Brasi 28.11.2017 22:19
      Highlight Highlight Klaus Kinski meinte dazu Folgendes: 😳
      Play Icon
    • Red4 *Miss Vanjie* 28.11.2017 22:35
      Highlight Highlight Bowling gespielt 😏
  • tagomago 28.11.2017 18:33
    Highlight Highlight Warum sollten wir enttäuscht sein? Wir können doch froh sein der Papst wollte nicht alle zum Katholizismus bekehren! Diese Zeiten werden sicher bald wieder kommen.
  • AdiB 28.11.2017 18:10
    Highlight Highlight wir wiessen zu wenig. ich kann mir auch vorstellen das er angst hatte. da ja als erstes der general bei ihm war. vielleicht wurde wirklich damit gedroht auch gewalt gegen christen anzuwenden.
    myanmar ist, so scheint es für mich, immer noch eine militärdiktatur. man hält wahlen ab, aber diese leute haben null macht und somit ist ihre funktion nichts wert. suu kyi hat man wohl damals gesagt, "wir machen dich zu presidentin und dann halt die klappe!"
    • Saraina 29.11.2017 06:06
      Highlight Highlight Tatsächlich gibt es immer wieder auch Übergriffe auf Christen, wenn auch in viel kleinerem Ausmass. Aber Katholiken gelten den Ideologen in Myanmar ungefähr gleich viel wie Muslime, nämlich nichts. Deswegen kann man schon davon ausgehen, dass der Pabstbesuch ein Publicity Anlass war.
  • Samurai Gra 28.11.2017 17:33
    Highlight Highlight Ich erinnere mich noch Gut an die Sendung International wo der Grundtenor schon sehr Verhaklten war und sich rasch erste Ernüchterung bezüglich Aung San Suu Kyi.den kurz nachdem ihre Partei / Bewegung an die Macht kam, stellte man ernüchtert fest, das sie sich mit den Militärs arrangierte.

    Das Minderheiten danach erst richtig inds Kreuzfeuer geraten würden, stand schon recht früh fest.

    Schade, es muss scheinbar weiter Sinnlos Blut vergossen werden.

    Und der Auftritt des Papstes? Pfff von den Popen erwarte ich nichts ausser Stillstand und Angepasstheit, war seit jeher so

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