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Ich so, seit heute Morgen.<br data-editable="remove">
Ich so, seit heute Morgen.
Bild: Keystone
Kommentar

Einst war ich stolz. Jetzt bin ich nur noch beschämt, wütend und traurig, Brite zu sein

24.06.2016, 15:2924.06.2016, 16:16

Ich bin entsetzt. Keine noch so nüchterne Analyse des Geschehenen kann von der Tatsache ablenken, dass ich mich kaum je wegen eines politischen Ereignisses derart gekränkt gefühlt habe – emotionell wie physisch gar.

Als Kind war ich stolz darauf, britisch zu sein. Eine unermessliche Hurra-England-Ikonografie bot sich da an: Spitfire-Kampfflieger, der Union Jack, die Beatles, Jaguar E-Types, die Kreidefelsen von Dover – dies alles und mehr erfüllte mein kindliches Ich mit einem diffusen Wohlbehagen und Zugehörigkeit.

«Our finest hour» war das. Das gestern nicht.
«Our finest hour» war das. Das gestern nicht.bild: caius.homeip.net

Als Erwachsener verschwand dann nach und nach dieser Stolz auf etwas, das letztendlich keine eigene Leistung war. Stolz auf das selbst Erreichte soll man sein, nicht auf die Zufälligkeit seiner Geburt. Stattdessen empfand ich aber Dankbarkeit: Nicht stolz darauf, Brite zu sein – aber glücklich. Es ist gut, Brite zu sein. Wir sind gerne Briten. Meistens.

Doch wir wurden beraubt. Denn heute gibt es wenig, über das man glücklich sein kann. Glücklich darüber, dass die britische Wirtschaft leiden wird? Dass die Lebenskosten steigen werden? Dass wir nicht mehr wohnen und arbeiten können, wo immer wir wollen in der EU? Dass meine Kinder nicht mehr frei wählen können, wo sie studieren und ihr Erwachsenenleben beginnen können? Dass meine Freunde in nordirischen KMUs urplötzlich die Hälfte ihrer Kundschaft verlieren werden? Glücklich, dass die IDIOTEN obsiegt haben?

Die Situation ist nicht unähnlich derjenigen nach etlichen Schweizer Abstimmungen: Eine Rechtsaussen-Initiative findet eine Mehrheit. Wie bei der Masseneinwanderungs-Initiative (ein ähnlich blödes Unterfangen mit weitreichenden Konsequenzen für die Zukunft des Landes) verläuft die Grenze entlang dem Güllengraben: Städter, jüngere Wähler und gebildetere Menschen – kurz: die Leute, welche die dynamische Zukunft eines Landes darstellen – werden von einer knappen Mehrheit von verwirrten Alten, ignoranten Hinterwäldlern sowie nationalistischen und rassistischen Hetzern geschlagen.

Für mich ist es Zeit, Nationalität von Emotionen zu lösen. Staatsangehörigkeit kann man ja pragmatisch behandeln. Will ich weiterhin meine EU-Rechte behalten, werde ich wohl den italienischen Pass beantragen müssen. Meinetwegen.

Ich wiederhole mich: Nicht mehr stolz. Sondern beschämt. Wütend. Und traurig.

So reagiert die britische Presse auf den Brexit

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166 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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dwight_schrute
24.06.2016 15:52registriert April 2016
Ganz ehrlich. Das ist Demokratie. Die Mehrheit entscheidet und nicht die Städter, die jüngeren Wähler oder die gebildeteren Menschen, wie Sie es ausdrücken. Sondern nur die Mehrheit. Das ist das schöne und gleichzeitig auch Mühsame an dieser Regierungsform.
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Hercules Rockefeller
24.06.2016 15:46registriert Juni 2014
Ob der Entscheid nun weise war oder nicht sei dahingestellt. Doch genau DAS ist Demokratie und die Mehrheit hat entschieden. Diese Mehrheit als Idioten und Hinterwäldler zu bezeichnen ist verachtend, unwahr und zeigt eine ebensolchige Dummheit der Gegner, denen es anscheinend an Verständnis für einen Rechtstaat mangelt sowie an der Intelligenz ein solches Szenario zu verhindern. Ich fühle mich zu wenig bewandert, mir anzumassen, was in diesem Falle richtig oder falsch ist, doch auf diese Art und Weise die Volksmehrheit zu kommentieren ist für einen sog. Intelligenten Menschen nicht akzeptabel!
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leroy
24.06.2016 16:32registriert Februar 2014
Ich weiss noch nicht genau, was ich über den Brexit denken soll. Allerdings weiss ich genau, was ich von solchen Artikeln halte: Sie sind einer der Gründe, weshalb rechtspopulistische Abstimmungen Erfolg haben. Leute, die ein Unbehagen oder sogar Angst vor den heutigen Probemen äussern, als Hiterwäldler und Ungebildete abzustempeln, ohne selber Lösungen zu haben, ist idiotisch und bringt nichts als genau die Polarisierung, die diese Leute suchen. Sorry, die linke Presse verlangt von den rechten Politikern immer Lösungen, bringt aber selbst keine und stellt sich dazu noch dämlich an ...
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Was du zur privat feiernden Regierungschefin von Finnland unbedingt wissen musst
Europa braucht mehr mutige Frauen wie sie. Punkt.

Mittlerweile sind es zwei Handyvideos, die auf Social-Media-Plattformen verbreitet werden und Sanna Marin ausgelassen tanzend auf einer Privatparty zeigen.

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