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Interview

«Bin ich eine Mimose?» – das Leben als hochsensibler Mensch

Bild: jennifer zimmermann

Hochsensible Personen (HSP) nehmen innere und äussere Reize verstärkt wahr – ob sie das wollen oder nicht. Gerüche, Geräusche oder Gefühle können sie schnell überfordern. Wir haben mit Hochsensiblen und einer Expertin gesprochen und erfahren, wie sich das Leben am Rande der Reizüberflutung anfühlt.



«Ein leicht scheuerndes Wäschelabel im Pullover kann mich zum Wahnsinn treiben, genauso wie Socken mit zu engen Bündchen, zu eng anliegende Kleidung oder unangenehmes Material auf der Haut», beschreibt Jutta ihr körperliches Empfinden. Was soll daran speziell sein, mag man sich fragen. Es mag schliesslich niemand kratzige Stoffe oder einengende Kleidung. Juttas Empfinden ist aber noch in vielen anderen Aspekten empfindlicher als das der meisten Menschen.

«Das Geräusch der Klimaanlage und des Druckers im Grossraumbüro sind für mich genauso präsent wie die Gespräche der Kollegen ringsherum. Hinzu kommt meine persönliche Befindlichkeit (plus Kleidung, Körpertemperatur, die Brille auf der Nase …) und natürlich, was im Kopf so abgeht», schildert sie, wie sie einen Tag im Büro erlebt. All diese Empfindungen habe sie jederzeit im Bewusstsein, ganz so, wie wenn sie sich tatsächlich auf diese konzentrieren würde. Jutta ist 51 Jahre alt und IT Business Analystin, Yogalehrerin und HSP – eine hochsensible Person.

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alle illustrationen: Yallah

Sensibel ist nicht gleich hochsensibel

Die Abkürzung «HSP» steht für «Highly Sensitive Person» und wurde 1997 von der amerikanischen Psychologin Elaine Aron geprägt. Gemäss Aron wurden früher hochsensible Menschen schlicht als introvertiert oder scheu bezeichnet. Zwar seien rund 70 Prozent der Hochsensiblen introvertiert und die beiden Wesenszüge würden sich gleichen; gleich seien sie aber nicht.

«Ich brauche viel Rückzug und Zeit für mich.»

Jutta

Die Grundlage von Arons Untersuchungen bildet das Persönlichkeitsmerkmal «Sensitivität für sensorische Verarbeitungsprozesse» (Sensory-Processing Sensitivity, SPS). Es beschreibt eine besondere Form der Reizverarbeitung, die 15 bis 20 Prozent der Menschen aufweisen und gemäss dem Stand der heutigen Forschung mitunter erblich bedingt ist. Unter Männern und Frauen ist sie gleich verteilt und zeichnet sich dadurch aus, dass diese Menschen in sozialer, emotionaler und physischer Hinsicht besonders sensibel sind.

Oder wie die Schweizer Expertin auf diesem Gebiet, die Psychologin Brigitte Küster, gegenüber watson formuliert: «Hochsensible sind mit einem Nervensystem ausgestattet, welches sie äussere und innere Reize wie durch einen Verstärker wahrnehmen lässt.» Diese Veranlagung wurde in unterschiedlichen Studien wissenschaftlich belegt.

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alle illustrationen: yallah

Küster ist selbst hochsensibel und hat im Jahr 2010 das Institut für Hochsensibilität in der Schweiz gegründet. Sie fasst die vier Hauptmerkmale von Hochsensiblen gemäss Aron treffend zusammen:

1. Gründliche Informationsverarbeitung: Oder «das lange Nachhallen», wie es Küster nennt. Ihr ist es wichtig zu erwähnen, dass HSP deswegen nicht langsamer seien.
2. Übererregbarkeit: Kein Reiz zu klein, um davon überwältigt zu werden.
3. Sensorische Empfindlichkeit: Unter anderem das intensive Wahrnehmen von Geräuschen, Gerüchen oder körperlichem Empfinden.
4. Emotionale Intensität: Hochsensible erleben sehr hohe Hochs, aber ebenso tiefe Tiefs.

Wenn zu viele Eindrücke erschöpfen

Die Sensibilität auf Geräusche ist bei vielen Hochsensiblen besonders ausgeprägt. Küster liefert dazu folgendes Bild: «Wenn ein Wasserhahn läuft, hören Normalsensible ein Rauschen, Hochsensible hören eine Sturmflut.» So ergeht es auch Jutta: 

«Ein Abend im Club macht mir oft nur etwa eine Stunde lang Spass.»

Danach werde ihr alles zu viel: die laute Musik, die Laserlichter, das Menschengedränge, der klebrige Fussboden.

Beni*, der seinen richtigen Namen nicht nennen möchte, ist ebenfalls hochsensibel und kennt die Geräuschempfindlichkeit nur zu gut: «Wenn der Kühlschrank zu laut summt, merke ich das oft lange, bevor es anderen auffällt. Und wenn jemand neben mir telefoniert, bin ich regelrecht blockiert.» Ihm bleibe dann nichts anderes übrig, als zuzuhören und sich auszumalen, was die Gegenseite gerade sagt oder als nächstes sagen werde.

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alle illustrationen: Yallah

Nebst Geräuschen erlebt Beni auch seine Gefühlswelt besonders intensiv: «Stimmungen übertragen sich auf mich, ob ich will oder nicht. Wenn beispielsweise jemand neben mir streitet, trifft mich das tief; nach der Terrorattacke in Paris war ich anschliessend tagelang wie gelähmt und wenn mir jemand von einer Operation erzählt, erlebe ich diese gewissermassen am eigenen Körper mit.»

«Ich dachte, ich bin halt ein besonders Sensibler – und das ist ja auch die Quintessenz.»

Beni hat vor einem Jahr zum ersten Mal von HSP gehört

Auch Jutta kann von intensiven Gefühlen ein Lied singen. Sie habe eine reiche innere Wahrnehmung, sei intuitiv und sehr empfindsam in Bezug auf die Stimmungen anderer Personen. Das führe dazu, dass sie oft nicht wisse, ob sie gerade auf ihre eigenen Gefühle und Empfindungen reagiere oder auf die der anderen.

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alle illustrationen: Yallah

«Bin ich eine Mimose?»

Eine Frage, die sich Jutta und Beni oft stellten, bevor sie von HSP erfuhren

Die positiven Seiten sehen

Jutta und Beni sind sich einig: Sie haben sich schon manchmal eine dickere Haut gewünscht. Als sie von HSP erfahren haben, waren beide erleichtert. Ihnen wurde klar(er): Sie waren keine Mimosen, sondern halt ein wenig sensibler als andere und dennoch «normal». Seit sie das wissen, fällt es ihnen leichter, sich so anzunehmen, wie sie sind und ihr Leben entsprechend zu gestalten: mit vielen Ruhephasen, Yoga und Meditation, Kopfhörern bei der Arbeit, bequemer Kleidung. Beni hat gelernt, sich eine zweite, eher extrovertierte Haut zuzulegen, um in sozialen Situationen nicht unterzugehen und geniesst diese auch. Mit einem kleinen Unterschied:

«Meine ‹social battery› ist dann einfach ein bisschen früher leer als bei anderen.»

Nicht zuletzt geniessen die beiden auch die Sonnenseiten als HSP noch ausgeprägter. «Schöne Momente wie ein intimes Konzert, oder ein Ausblick auf einer Bergwanderung, empfinde ich sehr intensiv», erzählt Beni. Wie andere da nonstop schwatzen könnten oder sich nach einer Minute schon sattgesehen hätten, sei für ihn ein Rätsel. 

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alle illustrationen: Yallah

Vernetztes Denken als Vorteil

HSP kann mitunter zu psychischen Erkrankungen, wie beispielsweise zu Depressionen führen. Die Psychologin Brigitte Küster betont aber, dass HSP keine Krankheit, sondern ein durchaus wertvoller Wesenszug sei: «Diese Menschen haben oft einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn, sind nachdenklich, schauen genauer hin und erkennen durch ihr vernetztes Denken schneller, wenn etwas schiefzulaufen droht.»

Jutta erkennt sich in dieser Aussage wieder. Als IT Business Analystin komme ihr ihre Intuition und das Denken in Zusammenhängen zugute: «Ich sehe schon im Vornherein Funktions- und Schnittstellenprobleme und bemerke auch Schwachstellen eher als andere.» Beni sieht ebenfalls Vorteile im Beruf. In Meetings sei er zwar jeweils die mahnende Stimme, andererseits werde seine ganzheitliche Denkart und seine Sensibilität in heiklen Fragen geschätzt. Er sieht seine Veranlagung pragmatisch: 

«Ich denke, jeder rutscht mit der Zeit in die Rolle, die ihm am meisten liegt.»

HSP mag in den letzten Jahren immer mehr ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gerückt sein, in ihrem Arbeitsumfeld sprechen Jutta und Beni ihre eigene Feinfühligkeit aber nicht an. Beni befürchtet fehlendes Verständnis, Jutta empfindet ihr Berufsumfeld als sehr leistungsorientiert und will nicht, dass ihre Veranlagung möglicherweise gegen sie verwendet wird. Zu ihrem Wesen stehen sie aber beide oder wie Jutta es schön zusammenfasst: «Meistens will ich mich sowieso nicht erklären. Ich bin einfach so, und jeder hat seine Eigenheiten, die man akzeptiert, wenn man eine Person mag.»

Illustrationen

Yallah ist ein Schweizer Zeichner und Illustrator, der die grossen und kleinen Absurditäten des Lebens auf Instagram festhält. Sich selbst bezeichnet er ebenfalls als Sensibelchen – und hat sich für uns auch von seiner Gefühlswelt zu diesen Illustrationen inspirieren lassen.

Auch das gibt es: Ein Museum der Gefühle

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