Schweiz
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Interview

«Twittert die Polizei jeden kleinsten Vorfall, kann das zu Ängsten führen»



Die Stadtpolizei sowie Schutz & Rettung Zürich haben am Freitag 24 Stunden lang über ihre Arbeit getwittert. Bringen solche Aktionen etwas? 
Aleksandra Gnach: Ja, das ist gut für Polizei, für ihre Wahrnehmung in der Bevölkerung. Das Ganze ist allerdings zweischneidig. 

Zweischneidig? 
Zum einen hat die Polizei einen Leistungsauftrag und steht im Fokus der Öffentlichkeit. Auch, weil sie staatlich finanziert ist. Durch solche Social-Media-Events kann die Polizei den Menschen zeigen, was sie mit unseren Steuern macht. Sie präsentiert sich volksnah in einem guten Licht, zeigt uns zum Beispiel ihre herzigen Hündchen. Das kommt an. 

Wo liegt denn das Problem?
Twittert die Polizei 24 Stunden lang jeden kleinsten Vorfall, kann das – vor allem bei Leuten, die jetzt schon verunsichert sind – zu Ängsten führen. Diese Leute haben das Gefühl, es sei nicht sicher hier, obwohl das nicht stimmt.

Sie glauben, die Polizei schürt Angst, um ihren Auftrag zu rechtfertigen?
Nein, das sicher nicht. Ich sage aber, dass die Polizei nicht ein Unternehmen wie eine Bank oder eine Versicherung ist und sich dem bewusst sein muss, wenn sie einen ganzen Tag lang twittert. 

Machen die Schweizer Polizeien in Sachen Soziale Medien einen guten Job?
Ich finde schon. Sie schaffen es, uns über Twitter und Facebook oder auch Instagram einen Einblick in ihren Alltag zu geben. Dass das ankommt, beweisen die vielen Reaktionen von Jungen. 

Agieren sie teilweise nicht etwas gar plump – sie zeigen uns ja hauptsächlich ihre Schokoladenseite. 
Kritisieren ist immer einfach. Ich finde es gut, dass die Polizei diese Kanäle überhaupt nutzt. Es ist eine der wenigen Möglichkeiten überhaupt, noch an junge Menschen heranzukommen. Früher konnten die Behörden ihre Informationen einfacher über das Fernsehen oder das Radio streuen und alle wussten Bescheid. Die Jungen schauen heute jedoch keine Tagesschau mehr, sie interessieren sich nicht für das Radioprogramm und sie lesen keine Zeitung. Twitter und Co. sind eine wichtige Möglichkeit für die Polizei, mit diesen Menschen in Kontakt zu treten. Natürlich gibt es noch Verbesserungspotenzial.

Wo?
Die Polizei sollte nicht nur die für sie einfachen Themen bearbeiten. Ich wünschte mir etwa, dass sie uns über die sozialen Medien aufzeigt, worauf Polizisten achten müssen, wenn sie in sensiblen Feldern agieren. Und ich wünschte mir, dass sie Fehler zugeben würden. Geht die Polizei mit unschuldigen Demonstranten beispielsweise zu hart um und stellen dies interne Abklärungen im Nachhinein fest, sollte die Polizei das twittern. Damit würde sie glaubwürdiger. Hier haben alle Polizeicorps in unserem Land noch Luft nach oben. 

Bild

Dr. Aleksandra Gnach ist Dozentin Forscherin und Social-Meida-Expertin an der Zürcher Hochschule Winterthur (ZHAW).  bild: zvg

Wie stehen die Polizeien im Vergleich zum Ausland da?
Sie hinken nach. Andere Länder sind viel weiter. Aber nicht nur bei der Polizei. Wir Schweizer treten ganz allgemein relativ konservativ und scheu auf über die verschiedenen Kanäle. Das ist unsere Kultur. In einem Land, indem im Zug niemand zu einem Fremden sitzt, wird auch nicht extrovertiert getwittert. Ich war kürzlich in San Francisco. Da ist es normal, sich selber, seine Leistung best möglich zu verkaufen, da gibt es keine Hemmungen. Das schlägt sich in den Sozialen Medien nieder. Viele Amerikaner beherrschen dieses Spiel besser als wir. 

Gibt es bei uns eine Institution oder eine öffentliche Person, die begriffen hat, wie die sozialen Medien funktionieren?
So richtige Social-Media-Stars gibt es bei uns nicht. Ohne anbiedernd wirken zu wollen – watson macht in diesem Bereich ziemlich viel richtig. Der Auftritt ist sympathisch und authentisch. Immer wieder Mitarbeiter, Gesichter zu zeigen, ist wichtig.

Danke. Wo haben denn die anderen noch Potenzial? 
Viele grosse Firmen haben Social-Media-Strategien. Alles ist durchorganisiert und jeder Post muss zuerst freigegeben werden. Dadurch geht die Spontanität und vor allem die Authentizität verloren und das verzeihen die jungen User nicht. 

Trotzdem erreicht die Polizei die Jungen wie sie Eingangs gesagt haben. Wie passt das zusammen? Die Social-Media-Auftritte unserer Polizeicorps wirken für mich teilweise sehr unnatürlich.  
Da gebe ich Ihnen Recht. Aber weil die Jungen von der Polizei in diesem Bereich kaum etwas erwarten, kann sie auch nichts falsch machen. Sie verzeihen ihnen deshalb peinliche oder verkrampfte Posts. Solche können gar sympathisch wirken. Wir Schweizer sind ja alle ein bisschen verkrampft. 

Es gibt mittlerweile eine Unmenge verschiedener Kanäle. Welche eignen sich am Besten für die Polizeiarbeit?
Das kann ich so nicht beantworten. Es gibt nicht einen Kanal, der für bestimmte Institutionen funktioniert und für andere nicht. Wichtig ist, dass man dort ist, wo die Nutzer sind, klare Ziele und Botschaften hat. Das kann nebst den bekannten Kanälen wie Facebook, Twitter und Instagram auch Snapchat oder Blogs sein. Wie so oft macht es der Mix aus. Unsere Polizeien spielen noch nicht auf der ganzen Klaviatur – da können sie sich noch verbessern. 

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