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Schweizer Historiker sind alarmiert: Dem Geschichtsfach droht an Schulen der Niedergang

Swisshistory Luzern
Dampfschiff Winkelried im Eis während der Seegfröni 1928/29
Fotograf unbekannt
Quelle: Stadtarchiv Luzern
Dampfschiff Winkelried im Eis während der Seegfröni 1928/29.bild: Stadtarchiv Luzern

Schweizer Historiker sind alarmiert: Dem Geschichtsfach droht an Schulen der Niedergang

Die Zahl der Geschichtsstudenten bricht ein, der neue Lehrplan 21 wertet das Fach ab. Historiker sorgen sich um den Schulunterricht – und die Demokratie.
21.05.2017, 05:5021.05.2017, 22:39
Yannick Nock / Schweiz am Wochenende

Wer die Vergangenheit nicht kennt, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen. Die Warnung des spanischen Philosophen George Santayana ist aktueller denn je, denn die Vergangenheit droht in Vergessenheit zu geraten. Die Zahl der Studenten mit Hauptfach Geschichte hat seit 2004 abgenommen, von 4300 auf 2650. Das ist der tiefste Wert seit über 30 Jahren.

Die Entwicklung ist umso erstaunlicher, als die Anzahl Studierender schweizweit wächst. Zudem haben die Hochschulen vielerorts die Lateinpflicht abgeschafft. Trotzdem werden die Geschichtsstudenten immer weniger – mit Folgen für die Fachrichtungen. Universitäten bieten Spezialisierungen wie «Schweizer Geschichte» längst nicht mehr im Hauptfach an.

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Die Digitalisierung dürfte den Trend verstärken, denn die Wirtschaft lechzt nach Fachkräften. Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik (MINT) gewinnen an Bedeutung. «Wir beobachten seit mehreren Jahren eine Verschiebung von den Geisteswissenschaften zu den MINT-Fächern», sagt Michael Hengartner, Rektor der Universität Zürich.

Anzahl Lektionen halbiert

Historiker landesweit warnen vor einem Zerfall des Fachs. Sie fürchten eine historische Amnesie, denn auch in der Volksschule büsst die Geschichte an Stellenwert ein. Mit dem neuen Lehrplan 21, der in allen Deutschschweizer Kantonen eingeführt wird, verschwindet das Fach aus dem Stundenplan. Stattdessen wird Geschichte unter der Rubrik «Räume, Zeiten, Gesellschaften» unterrichtet.

Es ist der vorläufige Höhepunkt einer Entwicklung, die vor über 15 Jahren begonnen hatte. Seither wurden Lektionen abgebaut und mit anderen Bereichen vermischt. Im Kanton Aargau bot die Bezirksschule früher 320 Lektionen Geschichte pro Jahr an, im neuen Lehrplan sind es noch halb so viele. Andere Kantone weisen einen ähnlichen Trend auf.

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Mario Andreotti hat 30 Jahre Geschichte an Kantonsschulen in St.Gallen und Uri unterrichtet. Er spricht sogar von einem regelrechten Niedergang des Schulfachs: «Das Geschichtswissen der Jugendlichen nimmt drastisch ab.»

Wichtige historische Ereignisse seien nur noch bruchstückhaft bekannt. Als Beispiel nennt er eine Studie aus Deutschland. Sie hat ergeben, dass nur jeder Dritte weiss, wer die Berliner Mauer errichtet hat. Ausserdem sei vielen nicht klar, ob das Nazi-Regime eine Diktatur war. «Ich befürchte, in der Schweiz wären die Ergebnisse nicht besser», sagt er.

Bildungslücken betreffen nicht nur die jüngere Historie, sondern auch die Schweizer Geschichte. Linke wie Rechte beanspruchen die Deutungshoheit für sich. Gestritten wird über fast alles: Jahreszahlen, Wendepunkte oder Schlachten wie in Marignano. Was ist Mythos? Was ist Fakt? Historische Begebenheiten weichen politischen Grabenkämpfen.

Auch Mario Andreotti hält die Konzentration auf MINT-Fächer für die Ursache der Wissenslücken. Hinzu komme ein Mangel an Fachlehrern in den Sekundarschulen. Schuld sei aber auch der neue Lehrplan 21, der den Schwerpunkt auf Kompetenzen legt: «Diese Fokussierung schadet besonders dem Fach Geschichte, wo es vorwiegend um Fakten geht.»

In einem Beitrag für das «St.Galler Tagblatt» bemängelt der Professor, dass Geschichte in vielen Schulen nicht mehr chronologisch unterrichtet wird, sondern in Längsschnitten zu Themen wie «Krieg und Frieden» oder «Migration». «Das dient angeblich dem tieferen Verständnis, fördert in Wirklichkeit aber Unwissenheit und Oberflächlichkeit», schreibt er. Das zeitliche Nacheinander weiche einem Durcheinander. Die Folge: Die Schüler seien immer weniger in der Lage, Lehren aus der Vergangenheit zu ziehen.

Das werde gerade deutlich: «Der Nationalismus, wie wir ihn zurzeit in den USA, Russland oder der Türkei erleben, gilt heute wieder als Lösung aller Probleme», sagt Andreotti. Dabei sei es genau dieser Nationalismus gewesen, der Europa in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts vergiftet und zu zwei Weltkriegen und zum Holocaust geführt habe. Gegen die historische Amnesie helfe nur ein chronologischer, durchgehender und auf Fakten basierter Unterricht.

Neue Lehrmittel sollen helfen

Allerdings sind nicht alle Professoren so pessimistisch wie Andreotti. Der Lehrplan 21 werde viele Probleme lösen, glaubt Peter Gautschi, Professor an der PH Luzern und Experte in der Arbeitsgruppe des Lehrplans 21. Zwar hat auch er erfolglos mehr Geschichtsstunden gefordert, glaubt die Schulen aber auf dem richtigen Weg.

Gerade der Fokus auf die Kompetenz lasse die Jugendlichen Zusammenhänge besser verstehen. Um dieses Verständnis zu fördern, hat Gautschi gemeinsam mit Kollegen ein neues Lehrmittel namens «Zeitreise» verfasst, das auf den neuen Lehrplan ausgerichtet ist.

Und noch ein Punkt stimmt ihn optimistisch: An den boomenden Pädagogischen Hochschulen würden sich viele angehende Lehrer für die Fachrichtung Geschichte begeistern. Deshalb glaubt Gautschi, dass der Stellenwert in den Schulen erstmals seit Jahren wieder steigen werde. (aargauerzeitung.ch)

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109 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Patrick59
21.05.2017 07:07registriert Januar 2015
Zwei Monate bis zum Ende des Schuljahres 2016/2017. Meine Tochter besucht die 3. SEKUNDARSTUFE, also die 9.Klasse. Thema in Geschichte: die Anfänge des 2.Weltkrieges. Gefühltes Interesse der Klasse nach Nachfragen, dürftig bis gar nicht vorhanden. Themen wie die Neugestaltung von Europa 1945, kalter Krieg, Konflikte in Ex-Jugoslawien, Kubakrise, Vietnam, Kriege in Afrika usw werden nie behandelt. Das bedeutet, wer in der Schweiz keine Gymnasialausbildung durchläuft, oder selber Interesse zeigt, wird die Zusammenhänge nie begreifen. Was heute zählt sind Youtube, Snapchat, Insta und internet..
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CASSIO
21.05.2017 08:30registriert Februar 2014
halte das volk dumm, nur so kannst Du es manipulieren... traurige entwicklung.
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Majoras Maske
21.05.2017 07:11registriert Dezember 2016
Ich persönlich habe Geschichte zwar immer geliebt, aber hätte es nie im Leben studieren wollen. Das Geschichtsstudium hat einfach nicht den Ruf seinen Studenten viele berufliche Perspektiven zu eröffnen.
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