DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Kommentar

«Mein Kind ist krank aber ich MUSS trotzdem ins Büro!» Warum gibt es für dieses alltägliche Problem eigentlich keine Lösung?

10.03.2016, 10:4901.04.2016, 14:02

Es fängt meistens mitten in der Nacht an: Das Kind weint. Es ist heiss. Und wach. Und kann nicht mehr einschlafen. Im schlimmsten Fall erbricht es sich. Als Elternteil weiss man schon zu diesem Zeitpunkt ganz genau: Morgen bleibst du zu Hause mit dem Kind, obwohl du arbeiten müsstest.

An Schlafen ist jetzt eh nicht mehr zu denken und am nächsten Morgen bist du deshalb froh, wenn du das Haus nicht verlassen musst. Ein Mail an den Chef «Sorry, Tochter krank, bleibe zu Hause, mache aber das und das ...», ein SMS an die Kindergärtnerin oder die Lehrerin, ein Telefon in den Hort.

Nächste Tasks: Dafalgan und Filme besorgen. Tee kochen. Im schlimmsten Fall waschen, waschen, waschen. Geschichten vorlesen, Bett frisch anziehen, trösten, füttern. Wenn das Kind schläft: Mails checken. Dann: Betreuung für den nächsten Tag organisieren. Ist Papa voll mit Terminen? Sind die Grosseltern zu haben?

Die Rabeneltern-Keule

Als berufstätige Eltern ertappt man sich in solchen Situationen dabei, wie man nach anderen Lösungen sucht, um trotzdem zur Arbeit gehen zu können. Soll man den Kleinen morgens ein fiebersenkendes Mittel verabreichen und sie trotzdem in die Schule und in den Hort schicken?

Eine Schule in Zürich hat nun Alarm geschlagen, und den Eltern in einem Brief mitgeteilt, dass sie ihren kranken Nachwuchs selber betreuen müssen. Die Reaktion der Schule ist verständlich, sie wirft aber auch die Frage auf, wer denn kranke Kinder betreuen soll: Die Eltern zu Hause oder allenfalls Pflegepersonal in Tagesschulen und im Hort?

Doch die Idee mit der Fremdbetreuung von kranken Kindern darf man hierzulande nicht mal aussprechen. Da wird dann sogleich die Rabeneltern-, Verwahrlosungs- und Staatskinder-Keule geschwungen:

«Wer Kinder nicht selber betreuen will oder kann, sollte keine Kinder haben. Kinder erziehen ist eine grosse, verantwortungsvolle Aufgabe, die nicht an Schulen und Staat übertragen werden kann.»

Das Gegenteil ist der Fall: Politik und damit der Staat sind sehr wohl und durchaus gefordert. Sie sollten die veränderten Bedürfnisse in der Kinderbetreuung endlich erkennen und handeln, und sich nicht auf moralisierende Diskussionen einlassen wie «Dürfen Eltern ihre Kinder abgeben, wenn sie krank sind?».

Diejenigen Schulen, die überfordert sind, weil viele Kinder krank sind, sollten rasch und unkompliziert unterstützt werden – zum Beispiel mit dem Betreuungsdienst des Roten Kreuzes. Einige kranke Kinder könnten dadurch auch in der (Tages-)Schule und im Hort temporär betreut werden.

Sehr wohl und durchaus gefordert sind aber auch die Arbeitgeber: Sie haben zum Teil noch nicht kapiert, dass Mütter und Väter in der Schweiz je länger je mehr viel gute und wichtige Arbeit leisten. Dass sie aber auch mal einen Tag ausfallen können, wenn ein Kind krank ist, und dass diese Eltern dann nicht einfach «blau» machen. Vielleicht wäre das mal eine «Sensibilisierungs-Kampagne» wert?

Und all jene, die jetzt immer noch gerne das Schreckgespenst der «staatsverwahrlosten Kinder» an die Wand malen, kann ich beruhigen: Die meisten Eltern sind in der Lage, mal einen Tag zu Hause zu bleiben, wenn ihr Kind krank ist. Und das wollen sie auch. Für die wenigen andern – und für Notfälle – wäre eine Auffangeinrichtung nur sinnvoll und zeitgemäss.

Disclaimer
Dieser Kommentar wurde verfasst, während meine Tochter (5) zu Hause auf dem Sofa liegt und – krank ist! Ihr Papa hatte heute Frühschicht, eine Verpflichtung, die man nicht einfach absagt, wenn es irgendwie geht. Die Grosseltern haben heute frei. Also hat auch die Mama «frei». Sozusagen.

Und jetzt noch ein Blick über den Tellerrand: So geht die Welt zur Schule – 47 Klassenzimmer

1 / 49
So geht die Welt zur Schule: 47 Klassenzimmer
quelle: x02750 / parwiz
Auf Facebook teilenAuf Twitter teilenWhatsapp sharer
DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
twint icon
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

34 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Die beliebtesten Kommentare
avatar
JaneSodaBorderless
10.03.2016 13:32registriert Februar 2016
Warum bloss hacken alle auf den Eltern rum? Warum fragt sich niemand, was das für eine Arbeitswelt ist, in der Eltern nicht ohne Probleme frei gestellt werden, wenn das Kind krank ist?
6314
Melden
Zum Kommentar
avatar
Herr Hasler
10.03.2016 12:18registriert Januar 2015
Viele Familien können es sich nicht mehr leisten, dass eine Person den Haushalt schmeisst und die Kinder erzieht. Die Kaufkraft durch all die Mütter die arbeiten (müssen) wird komplet durch Miete und Krankenkasse abgeschöpft. Für Lebensmittel werden keine zehn Prozent des Familienbudgets mehr aufgewendet. Die Wohnung darf aber gerne einmal dreissig Prozent kosten. So wurde in den letzten Jahren viel Geld verschoben, von denen die produzieren zu denen die (Kapital) haben. So sind viele Produzenten ohne staatliche Hilfe kaum noch überlebensfähig, während die Investitionsindustrie Blasen wirft.
478
Melden
Zum Kommentar
avatar
Micky g
10.03.2016 14:50registriert November 2015
dafür gibt es ein Gesetz in der CH: Man geht mit dem Kind zum Kinderarzt und erhält ein arztzeugnis womit man selber auch bis zu 3 Tagen zur Pflege des Kindes zu Hause bleiben darf. in der Zeit organisiert man die weitere Pflege des Kindes und erledigt das nötigste von daheim aus.
380
Melden
Zum Kommentar
34
SVP-Nationalrätin will Schutzstatus S einschränken – das sagen Kantone und Gemeinden
Bis im Herbst rechnet der Bund mit 120'000 Geflüchteten aus der Ukraine. Es stellt sich die grosse Frage: Schaffen wir das? Aktuell gibt es noch etwa 60'000 freie Plätze. Derweil warnt die SVP generell vor den Kosten, die auf die Schweiz zukommen. Und das sagen die Kantone und Gemeinden dazu.

Es war das Aufregerthema in der Sonntagspresse: Die Aargauer SVP-Nationalrätin Martina Bircher regt an, den Schutzstatus S einzuschränken: Man solle darüber nachdenken, ihn nur noch Ukrainerinnen und Ukrainer zu gewähren, die aus Gebieten stammen, in denen Kriegshandlungen stattfinden. Aktuell hat sich der Hauptteil der Kämpfe in den Osten verlagert. Bircher stellt zwar nicht die Hilfe für die Kriegsvertrieben infrage, warnt aber vor «enormen» finanziellen Folgen für die Schweiz für Bund, Kantone und Gemeinden.

Zur Story