Schweiz
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FILE - In this Sept. 11, 2014, file photo, Angelique Hakuzimana, displaced by war in her native Rwanda in 2009, works in her garden at the Global Greens Farm in West Des Moines, Iowa. A program that helps refugees in Iowa become farmers is growing, thanks in part to a funding boost from the federal government. Organizers with Des Moines-based Lutheran Services in Iowa will use a new $24,000 grant from the U.S. Department of Agriculture to offer training to refugees about food safety, organic production and crop planning. (AP Photo/Charlie Neibergall, File)

Bild: AP/AP

Wie Bund und Bauern zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen wollten (es klappte nur halb)

Mit Flüchtlingen als Erntehelfer wollten Bund und Bauern gleich mehrere Ziele auf einmal erreichen. Eine Bilanz ernüchtert. Und trotzdem beginnt dieser Tage eine Vorlehre.

Daniel Fuchs / az aargauer zeitung



Die Idee war bestechend und stiess auf Zuspruch: 2015 schickten der Bund und der Schweizerische Bauernverband (SBV) in einem Projekt anerkannte Flüchtlinge und vorläufig Aufgenommene zur Arbeit auf das Feld oder in den Stall.

Man sprach von einer Win-win-Situation: Die Flüchtlinge – viele von ihnen erwerbslos – kriegten Arbeit, Lohn und damit Selbstständigkeit und machten so einen wichtigen Schritt in Richtung Integration. Die Bauern dürften auf zupackende Hände hoffen, und – eigentlich müsste man ein drittes «Win» hinzufügen – das nach dem Ja zur Zuwanderungsinitiative der SVP von 2014 oft beschworene Inländerpotenzial würde besser ausgeschöpft. Flüchtlinge und vorläufig Aufgenommene gehören schliesslich zu den Inländern. Auf alle Fälle könnten ein paar Schutzbedürftige in der Landwirtschaft zumindest zum Teil die Hunderten von Gastarbeitern aus Portugal und Polen ersetzen, die jedes Jahr temporär auf Schweizer Höfen aushelfen.

Jacques Bourgeois, Direktor Schweizerischer Bauernverband (SBV) und Mario Gattiker, Staatssekretaer, von rechts, informieren im Namen des Schweizerischen Bauernverbands (SBV) und des Staatssekritariats fuer Migration ueber das Pilotprojekt

Mario Gattiker, Chef des Staatssekretariats für Migration (SEM) und SBV-Direktor Jacques Bourgeois (rechts)  Bild: KEYSTONE

Der Versuch ist nun zu Ende, und SBV-Direktor Jacques Bourgeois zog gestern Bilanz zusammen mit Mario Gattiker, Chef des Staatssekretariats für Migration (SEM). Als Ort dafür auserkoren worden war sinnbildlich das kantonale landwirtschaftliche Bildungszentrum Inforama in Zollikofen bei Bern.

Durchzogenes Fazit

Die Bilanz nach drei Jahren in Zahlen: Total 30 Teilnehmer begannen zwischen Mai 2015 und Dezember 2017 auf einem der 17 Betriebe in 8 Kantonen ihre Arbeitseinsätze. 17 fanden danach eine Anschlusslösung, 10 blieben nach dem Arbeitseinsatz beim selben Arbeitgeber.

Die Betriebe hatten insgesamt sogar 45 Arbeitseinsätze angeboten, dafür konnten jedoch nicht genug Teilnehmer gefunden werden. 24 der 30 Teilnehmer führten den Einsatz auch regulär zu Ende, 6 brachen frühzeitig ab. Zu den Abbrüchen kam es etwa aufgrund mangelnder Arbeitsleistung, untragbarer Arbeitsbedingungen bis hin zu Konflikten, zum Beispiel im Zusammenhang mit der Einhaltung des Ramadans.

Hinzu kamen weitere Schwierigkeiten: So kommt die von der Berner Fachhochschule verfasste Evaluation über das Projekt zum Schluss, dass die Arbeitseinsätze der Integration gar nicht in jedem Fall förderlich waren. Zum einen bei der Sprache, weil gerade auf Grossbetrieben meist nicht die Landessprache vorherrscht, sondern jene der Erntehelfer aus Ost- oder Südeuropa.

Zum anderen waren manche der abgelegenen Betriebe ohne Auto kaum zu erreichen. Weil aber die wenigsten der Flüchtlinge über einen Führerschein oder ein Auto verfügen, blieb ihnen nichts anderes übrig, als die Wohnung zu kündigen und für den Einsatz auf den Betrieb zu ziehen. Was für manche bedeutete, dass sie unmittelbar nach dem Einsatz auf dem Bauernhof ohne Bleibe dastanden. Doch nicht nur das. Weil die Sozialhilfe wegen des temporären Erwerbs eingestellt worden war, mussten die Teilnehmer ohne Anschlusslösung unmittelbar nach dem Arbeitseinsatz erst wieder Sozialhilfe beantragen und waren bis dahin ohne Betreuung.

Trotz diesen Schwierigkeiten und den Problemen, überhaupt genügend geeignete Teilnehmer zu finden, wollen die Verantwortlichen keinesfalls von einer mageren Ausbeute sprechen. Mehr noch: Staatssekretär Gattiker setzt auch künftig auf die Landwirtschaft und sieht in den Lehren des Pilotprojekts wichtige Erfolgsgaranten für die sogenannte Integrationsvorlehre, die dieser Tage beginnt (siehe Infobox  unten).

«62 Prozent der anerkannten Flüchtlinge und vorläufig Aufgenommenen sind unter 26 Jahre alt», sagte Gattiker gestern. Diese Leute müssten ausgebildet werden. «Mit der Integrationsvorlehre können wir pro Jahr bis zu 1000 von ihnen eine Perspektive auf eine reguläre Berufslehre oder einen Einstieg in den Arbeitsmarkt geben.»

Die Landwirtschaft leistet dazu einen Bärenanteil. Gemäss SEM sind bis zu 12 Prozent der Stellen aus dem Landwirtschaftsbereich, mehr Angebote gibt es nur in der Gastro- und Logistikbranche.

Die Lehren

«Primäres Ziel des Projekts mit dem Bauernverband war nicht die Arbeitsvermittlung, sondern herauszufinden, welche Rahmenbedingungen es braucht, damit eine solche Vermittlung auch nachhaltig funktioniert», sagte Gattiker. Was das heisst, zeigt sich anhand der Integrationsvorlehre im Kanton Bern, der neben den Kantonen Aargau, Freiburg, Neuenburg und Tessin ein solches Angebot in der Landwirtschaft hat. Letzte Woche startete 12 Flüchtlinge und vorläufig Aufgenommene ihre Anlehren auf Berner Höfen. Statt an fünf Tagen pro Woche wie im nationalen Pilotprojekt verbringen sie nur drei Wochentage auf dem Betrieb. An zwei Tagen gehen sie zur Berufsschule. Das wichtigste Fach: Deutsch. Schliesslich gilt die Landessprache zusammen mit der Arbeitstätigkeit als A und O der Integration.

Bis zu 1000 Azubi in den Startlöchern

Die sogenannten Integrationsvorlehren gehen auf einen Bundesratsentscheid von Ende 2015 zurück. Die ersten Lehrgänge in 12 Berufsfeldern, neben der Logistik- und Gastrobranche auch in der Landwirtschaft, beginnen in diesen Tagen. Sie dauern ein Jahr und sind wie die Berufslehren dual organisiert. Die Lehrlinge verbringen also Wochentage sowohl auf dem Betrieb als auch in der Schule.

Das Pilotprojekt dauert bis 2021. Jedes Jahr sollen 800 bis 1000 anerkannte Flüchtlinge und vorläufig Aufgenommene die Vorlehre abschliessen und auf eine weitergehende berufliche Ausbildung vorbereitet sein. 18 Kantone machen mit (darunter etwa Aargau, Solothurn, beide Basel, Zürich, St. Gallen oder Luzern). Der Bund beteiligt sich mit 13000 Franken an den Kosten pro Arbeitsplatz.

Vorlehren sollen Flüchtlingen den Berufseinstieg erleichtern

abspielen

Video: srf

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13Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • mogad 09.08.2018 14:33
    Highlight Highlight 45 Stellen zur Verfügung gestellt, davon 30 besetzt. Warum konnten die übrigen 15 Jobs nicht besetzt werden? Bei den vielen Migranten, die integriert werden sollten?
    Also: 15 nicht besetzt, 6 vorzeitige Abbrüche, macht 21 "Misserfolge", dem stehen 24 "Erfolge" gegenüber, das macht eine Quote erfolgreicher Integration von gerade mal 60%. Ein Erfolg, wenn man bedenkt, dass 90% z.B. der Eritreer auch nach Jahren noch von der Fürsorge leben. Mich würd noch interessieren, wie lange die Teilnehmer vor Beginn in der CH waren und wie gut ihre Sprachkenntnisse schon waren.
  • Döst 09.08.2018 09:02
    Highlight Highlight "Die Betriebe hatten insgesamt sogar 45 Arbeitseinsätze angeboten, dafür konnten jedoch nicht genug Teilnehmer gefunden werden....6 brachen frühzeitig ab."

    Die Abbruchquote von 20% ist für vorab ausgesuchte Teilnehmer zu hoch. Das grössere Problem ist aber, dass von zig Tausenden potentiellen erwerbslosen Asylsuchenden nicht mal 45 gefunden wurden. Hier muss die Politik endlich mehr Druck machen: wer innert 3 Jahren seinen Lebensunterhalt nicht selber bestreiten kann, wird konsequent zurückgeschafft (auch wenn Herkunftsland nicht 100% "sicher" ist). Anfangen mit den vorläufig Aufgenommenen.
  • walsi 09.08.2018 07:45
    Highlight Highlight Theorie trifft Praxis. Mehr ist dazu eigentlich nicht zu sagen.
  • Ohniznachtisbett 09.08.2018 07:43
    Highlight Highlight Komisch gestern kam im Radio ebenfalls ein Bericht dazu. Dort wurde die Sache deutlich positiver dargestellt. Es ist ja auch klar, dass jemand der arbeitet dann keine Sozialhilfe mehr bekommt. Dies als Argument dagegen zu bringen ist geradezu grotesk. Auch dass Bauernhöfe auf dem Land sind ist keine Neuigkeit. Zu denken geben sollte, dass von mehreren 10k Flüchtlingen, wovon 60% unter 26 nicht mal 45 gefunden wurden. Entweder schlecht kommuniziert/beworben oder aber die Arbeitsbereitschaft ist doch nicht so hoch, wie gerne erzählt wird.
    • Döst 09.08.2018 09:20
      Highlight Highlight Lass mich raten: der Radiobericht war von einem Staatssender?!
    • Ohniznachtisbett 09.08.2018 11:23
      Highlight Highlight Döst: Nein, war ein Privatsender! Und nebenbei NICHT-Gebührenfinanziert!
    • Döst 10.08.2018 09:37
      Highlight Highlight Naja, die meisten Medien (kleinere Radios sowieso) machen halt nur copy paste mit Pressemitteilungen oder Agenturmeldungen.
  • Anam.Cara 09.08.2018 06:36
    Highlight Highlight Chapeau. Da wird aktiv etwas unternommen um die Integration zu förden. Auch wenn es noch gewisse Startprobleme gibt und einige Dinge noch nicht ganz rund laufen. Aber davon lassen sie sich nicht entmutigen.
    Tolles Beispiel für einen lösungsorientierten Ansatz.
    • Döst 09.08.2018 09:25
      Highlight Highlight 1% von 10'000 sind 100. Man schaffte es nicht mal 0.45% Leute zu finden...
      Eigentlich hätte man dort schon sagen müssen: Projektabbruch, bzw. Asylsuchenden deutlich mehr Druck zu machen (sprich Sozialhilfe massiv runter).
      Der einzige Gewinner ist der Bauer: 1 Jahr gratis Arbeitskraft + Fr. 13'000 cash auf die Hand.
  • Ökonometriker 09.08.2018 05:56
    Highlight Highlight Warum ist es bei über 120000 Flüchtlingen schwierig 45 zu finden, welche arbeiten wollen? Wurde das Projekt anständig kommuniziert, sodass auch alle davon wussten?
    • Döst 09.08.2018 09:31
      Highlight Highlight Falsche Anreize im Asyl- und Sozialwesen...
  • dechloisu 09.08.2018 05:38
    Highlight Highlight Kann doch nicht sein, die Flüchtlinge nehmen den Schweizer die Arbeit weg. Ahh nein warte auf einem Bauernhof will ja kein Schweizer arbeiten, also ust es oke.

    die Bauern plötzlich.


    Ernst jetzt, hört sich doch gut an, muss ja alles erst einmal getestet und daraus gelernt werden.
    • Döst 09.08.2018 09:13
      Highlight Highlight Ich würde gerne mal ein direktes Feedback von diesen Bauern hören, statt die beschönigte Ver. von Wirtschaftsdep., SBV und SEM.
      Fakt ist: von 30 (vorab ausgewählten und wohl Freiwilligen) wurde gerade mal 1 Drittel direkt nach der "Ausbildung" übernommen. Bei den anderen 17 gibts 2 Gründe: der Betrieb hatte keinen Anschlussarbeitsplatz oder man war nicht wirklich zufrieden mit der Leistung. Ob die Anschlusslösungen überhaupt auf anderem Landwirtschaftbetrieben sind, erfährt man leider nicht.
      Jedenfalls nicht schlecht für die Bauern: ein Jahr lang gratis eine Arbeitskraft + Fr. 13'000 dazu.

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