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Nun, da unser olympisches Landheer nach der Fahnenflucht der Millionäre Auflösungstendenzen zeigt, ruhen noch grössere Hoffnungen auf der selbstlosen eidgenössischen Marine. Nicht mehr die Tennis-Weltstars Roger Federer und Stan Wawrinka sind unsere grösste Goldhoffnung. Nun ist es der Leichtgewichts-Vierer ohne Steuermann. Und ohne Millionäre.
Die vier Studenten Simon Niepmann (31, Zug), Simon Schürch (25, Schenkon), Lucas Tramèr (26, Puplinge) und Mario Gyr (31, Luzern) rudern nicht für Geld. «Ein Bubentraum soll in Erfüllung gehen», sagt Simon Niepmann. Es sind vier Männer auf einer Mission. Echte olympische Helden, die nach goldenem Ruhm streben. Ganz im Sinne von Baron Pierre de Coubertin, dem Gründer der Spiele.
Auf die Frage, ob er mit seinen Kollegen nun um eine Million rudere, beantwortet Simon Niepmann mit einem milden Lächeln. «Nein, um Geld geht es nicht. Wir hatten genug Einnahmen, um uns zwei Jahre lang als Profis auf diese Spiele vorzubereiten.» Holen die vier am nächsten Donnerstag, am 11. August, Start um um 11.00 Uhr Gold, dann dürfen sie eine Prämie von 60'000 Franken von Swiss Olympic unter sich aufteilen. Für so viel Geld würde Roger Federer auf Geheiss eines Sponsors nicht einmal ins Publikum winken.
Die Bedeutung unserer olympischen Marine zeigt sich am Medieninteresse. Vor vier Jahren in London, als die gleichen vier jungen Männer noch keine olympischen Helden waren (und dann auf den 5. Platz ruderten), kamen zum Mediengespräch vor dem Rennen gerade mal drei Chronisten. Jetzt eilten am Dienstag 27 Chronistinnen und Chronisten ins hölzerne Gebäude mit dem TV-Studio am Strand von Ipanema. Viele sogar mit Bildermaschinen bewaffnet.
Die intelligenten, coolen Jungs lassen sich nicht aus der Ruhe bringen. Sie sind auf einer Mission. Aber das erste Rennen ist ja erst am Samstag, die Spannung hat sich noch nicht aufgebaut. Sie plaudern locker und da sie nicht durch PR-Profis verformt sind, sagen sie, was Hand und Fuss hat. Keine vorfabrizierten Sprüche.
Rudern ohne Steuermann bedeutet ja keineswegs, orientierungslos ins Rudern zu geraten. Vielmehr wird die geradlinige Fahrt zu Gold mit ähnlicher Akribie geplant wie einst der Flug zum Mond. Alleine das Einhalten des Wettkampfgewichtes ist ein faszinierendes Thema, zumal dieses Wettkampfgewicht bei allen geringer ist als das Normalgewicht während der wettkampflosen Zeit im Winter.
Zwei Stunden vor dem Rennen werden die Helden gewogen. Sie dürfen zusammen nicht mehr als 280 Kilo wiegen. Aber sie setzten auch alles daran, dieses erlaubte Gesamtgewicht zu erreichen. Gemessen wird die Kraft der Ruderer auf dem Ergometer, einem Trockenrudergerät. «Ein Kilo weniger Gewicht bedeutet weniger Kraft», erklärt Simon Niepmann. Damit jeder sein ideales Gewicht erreiche, gebe es so etwas wie ein Ritual.
«Am Abend vor dem Wettkampf wiege ich zwei Kilo zuviel. Ein Kilo verliere ich während des Schlafes und am nächsten Tag noch einmal ein Kilo durch Schwitzen vor dem Wägen. Nach dem Wägen nehme ich wieder bis zu zwei Kilo zu – alleine durch die Einnahme von Flüssigkeit.» Dabei sei es wichtig, sofort nach dem Wägen zu trinken. Damit sich die Flüssigkeit vor dem Wettkampf noch gut im Körper verteilt.
🇨🇭✈️🇧🇷 Off to @Rio2016_en @Edelweiss_Air @LucasTramer #RoadToRio #swissolympicteam #zuvielGepäck #tooheavy pic.twitter.com/6uez6KbBA4
— Mario Gyr (@MarioGyr) 29. Juli 2016
Simon Niepmann erzählt, mit Kraft alleine lasse sich kaum mehr eine Differenz machen. Entscheidend sei die Ausdauer und die Technik. Er bringe auf dem Ergometer am wenigsten Energie. Aber er gleiche den Nachteil durch Technik wieder aus. Für die zwei Kilometer eines Rennens sind in der Regel 200 Schläge notwendig. Die höchste Kunst wäre es, wenn die vier Männer 200 perfekte Schläge hinkriegen. Doch das sei unmöglich, ja, nicht einmal zehn perfekte Schläge seien machbar. Sieger wird, wer am nächsten an diese Perfektion kommt.
Der Weg zum Gold geht im besten Fall über drei Rennen von knapp sechs Minuten. Das olympische Abenteuer ist in knapp 18 Minuten vorbei. Wenn es in diesen 18 Minuten nicht funktioniert, ist die Arbeit der letzten vier Jahre dahin.
Mario Gyr, ein Fan des EV Zug, hat dazu einen treffenden Vergleich: «Die Belastung im Final ist ähnlich, wie wenn der EV Zug im siebten Finalspiel in der Verlängerung steht. Ein Fehler und alles ist vorbei.» Wobei es anzumerken gilt: Die Zuger haben jedes Jahr die Chance, den Final zu erreichen. Die olympischen Ruderer nur alle vier Jahre.
Nun, die Chancen, dass Mario Gyr bald mit einer Goldmedaille heimkehrt, dass unsere eidgenössische Marine in Rio nicht baden geht, sind schon ein bisschen grösser als ein EVZ-Sieg und Meistertitel in der Verlängerung des 7. Finalspiels.