Die «Pflicht» ist abgehakt, nun geht es für die Schweizer Nati zur «Kür». Nach dem 3:1-Sieg gegen Ungarn und dem 1:1 gegen Schottland muss viel passieren, damit die Schweiz die Achtelfinals noch verpasst.
Mit einem Sieg zum Abschluss der Vorrunde im «Spiel der Spiele» gegen Deutschland (Sonntag, 21 Uhr in Frankfurt) hat die Nati sogar die Chance, die Gruppe vor dem Gastgeber, der seine beiden ersten Partien gewonnen hat und schon sicher weiter ist, auf Platz 1 abzuschliessen.
Schont Deutschland, weil es seinen Platz in den Achtelfinals eben schon auf sicher hat, gegen die Schweiz viele Asse? An diese Möglichkeit sollten Spieler und Fans der Nati nicht zu viele Gedanken verschwenden. Der deutsche Bundestrainer Julian Nagelsmann kündigte nach dem 2:0-Sieg gegen Ungarn an, man wolle unbedingt Gruppensieger werden: «Das ist das erste Ziel, weshalb es keine sieben Wechsel geben wird.»
Und im Schweizer Team? Da macht Trainer Murat Yakin es den Beobachtern nicht leicht, wenn sie versuchen, ihm in die Karten zu blicken. Gegen Ungarn zum EM-Auftakt zauberte er Michel Aebischer und Kwadwo Duah aus dem Hut, überrumpelte damit den Gegner und hatte das Glück, dass beide Spieler trafen.
Duah kam im zweiten Spiel gegen Schottland jedoch nicht mehr zum Einsatz. Dafür brachte Yakin den gegen Ungarn nicht eingesetzten Xherdan Shaqiri von Anfang an – und wieder ging sein Plan auf. «Shaq» erzielte den wunderbaren Ausgleichstreffer.
Und nun also Deutschland, der stärkste Schweizer Gegner in der Vorrunde. Murat Yakin wird wieder gefragt sein, denn die DFB-Elf hat bislang überzeugt. So sehr, dass selbst im eher zurückhaltenden Fachblatt «Kicker» zu lesen ist: «Auch wenn es noch früh ist im Turnier: Spätestens jetzt reift in Deutschland der Traum vom Gewinn der Heim-EM.»
Wie spielt man gegen diese Deutschen? Einen Ansatz liefert Taktik-Experte Tobias Escher. Er sah Deutschland gegen Ungarn auf den Seiten verletzlich. «Zwar konnten die Ungarn aus ihren Flügelangriffen und den anschliessenden Standards kein Kapital schlagen. Ein individuell stärkerer Gegner würde dies jedoch tun», analysierte er bei «11 Freunde». Escher sieht sein Heimatland nach zuletzt durchzogenen Turnieren im Aufwind: «In einem engen Spiel überzeugte die Elf mit vergessen geglaubten Tugenden: Kampfstärke, Widerstandsfähigkeit, Wucht im Gegenpressing.»
Yakin dürfte wieder auf eine Dreier-Abwehr vor Yann Sommer setzen. Ein Fragezeichen gibt es bei Fabian Schär, der sich gegen Schottland relativ früh die Nase brach, die Partie aber zu Ende spielte. Sollte er nicht mittun können, würde vermutlich Nico Elvedi für ihn verteidigen. Oder ersetzt ein Ostschweizer einen anderen: Leonidas Stergiou, den Yakin zwei Mal für Rechtsaussen Silvan Widmer einwechselte?
In der Zentrale sind Granit Xhaka und Remo Freuler gesetzt. Ruben Vargas und Dan Ndoye haben viel Zug nach vorne, aber ihre Abschlüsse … Vielleicht ist Steven Zuber, der bislang angeschlagen ausfiel, bereit. Oder Yakin überrascht wie im Startspiel bei seiner Aufstellung und stellt Renato Steffen auf, der in der Super League für Lugano in 31 Saisonspielen 19 Skorerpunkte sammelte.
Und Xherdan Shaqiri? Gut möglich, dass der 32-Jährige gegen Deutschland zunächst wieder auf der Ersatzbank Platz nehmen muss. Im Sturm liess der Nationaltrainer nach dem Schottland-Spiel durchblicken, dass er erstmals von Beginn an auf Breel Embolo setzt, solange ihn die Beine nach der langen Verletzungspause tragen werden.
Seinen Plan hat Murat Yakin bestimmt seit langem im Kopf. Nun geht es für ihn und Co-Trainer Giorgio Contini darum, diesen zu verfeinern. Noch drei Tage bis zum Hit.
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