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Die Schweizer U18 hatte am Hlinka-Gretzky-Cup immer das Nachsehen.
Die Schweizer U18 hatte am Hlinka-Gretzky-Cup immer das Nachsehen.
Bild: AP/The Canadian Press
Interview

NHL-Scout Thomas Roost warnt: «Die besten Coaches sollen nicht Profis trainieren»

Die Schweizer U18-Nationalmannschaft hat am prestigeträchtigen Hlinka-Gretzky-Cup mit vier Niederlagen in vier Spielen blamabel abgeschnitten. Für den Schweizer NHL-Scout Thomas Roost eine Enttäuschung, aber keine Überraschung. Er hat aber Vorschläge, wie die Juniorenarbeit im Lande nachhaltig verbessert werden könnte.
13.08.2018, 17:1914.08.2018, 06:44

Thomas Roost, die Schweizer U18 spielte zuletzt am Hlinka-Gretkzy-Cup. Wie wichtig ist dieses Turnier? Es ist ja mitten im Sommer.
Thomas Roost: Es ist ein sehr wichtiges Turnier, denn nur bei diesem Vergleich tritt Kanada mit den jahrgangsbesten Junioren an. An der U18-WM im April fehlen jeweils einige der besten Spieler aufgrund der laufenden Junioren-Playoffs. Andererseits präsentieren die USA jeweils am Hlinka-Gretzky-Cup nicht ihr stärkstes Team, dieses spielt dann – im Gegensatz zu Kanada – an der U18-WM. Und ja, es ist Sommerhockey und da gilt es mitunter vorsichtig zu sein mit Kritik. Alles in allem ist der Hlinka-Grezky-Cup trotzdem mein Lieblingsturnier.

Die Schweizer Resultate am Hlinka Gretzky Cup
SUI – CAN 0:10
SUI – SWE 0:5
SUI – SVK 3:5
SUI – FIN 2:8

Wie bewerten Sie das Schweizer Abschneiden am Turnier?
Nach den Eindrücken aus dem Sommertrainigscamp ist für mich das Abschneiden mit den zum Teil brutalen Niederlagen keine Überraschung. Und dass es keine Überraschung ist, ist sehr enttäuschend. Es darf ja nicht der Anspruch der Eishockey-Schweiz sein, gegen Kanada und Schweden 0:10- und 0:5-Niederlagen erwarten zu müssen.

Hat sich ein Schweizer besonders gut präsentiert?
Es hat sich gezeigt, dass der 2001er-Jahrgang einen sehr schweren Stand hat im Hinblick auf den NHL-Draft. Die vielversprechendsten Talente in diesem Team sind sogenannte «Underager», also Spieler mit Jahrgang 2002 und somit ein Jahr jünger als die üblichen U18-Spieler. Théo Rochette, Simon Knak und der Offensivverteidger Noah Delémont stehen da aus heutiger Sicht im Vordergrund. Aber auch sie taten sich schwer, gegen die Allerbesten der Welt Akzente zu setzen.

«Die Qualität der Kader ist nicht konstant genug, dass wir nicht auch mal absteigen können.»
Thomas Roost
Théo Rochette führte die Schweizer Mannschaft bereits als Captain an.  
Théo Rochette führte die Schweizer Mannschaft bereits als Captain an.  
Bild: AP/The Canadian Press

Wie beurteilen Sie generell den Zustand des Schweizer Junioren-Eishockeys? Auf U20- und U18-Stufe sind wir schliesslich konstant in der höchsten Stufe vertreten.
Ja, das ist einerseits positiv zu werten, dass wir uns auf U20- und U18-Ebene – zum Beispiel im Gegensatz zu Deutschland – seit Jahren konstant in den Topdivisionen halten. Allerdings ist dies deutlich zu wenig wenn wir Medaillenansprüche anmelden wollen. Zudem entspricht es eher nicht den realistischen Erwartungen, dass wir in den letzten Jahren nie abgestiegen sind. Denn die Qualität der Kader ist nicht konstant genug, dass wir nicht auch mal absteigen können.

Wird der Abstand zu den Top-Nationen grösser?
Tendenziell glaube ich ja, der Abstand zu den Top-Nationen ist auf Juniorenstufe etwas grösser geworden. Die USA und Kanada sind seit vielen Jahren top, Schweden und Russland sind nahe dran und Finnland hat in den letzten Jahren auf Juniorenstufe am meisten Boden gut gemacht. Tschechien hat nach einigen Krisenjahren den Ernst der Lage erkannt und vor einigen Jahren ein neues Programm angestossen. Erste Früchte können jetzt geerntet werden. Der Abstand der Tschechen zur Schweiz ist wieder grösser geworden.

«Stagnation ist zu wenig. Ich will mehr.»
Thomas Roost

Und die Schweiz macht keine Fortschritte?
Die Schweiz selbst stagniert meiner Meinung nach. Es wäre übertrieben von Rückschritten zu sprechen, aber Stagnation ist die vermutlich realistische Beschreibung und das ist zu wenig. Ich will mehr.

Was machen die anderen Länder denn konkret besser? Sind es technische Mittel? Setzen sie mehr Juniorentrainer ein? Was könnte die Schweiz konkret kopieren von Finnland beispielsweise?
Es gibt viele kleine Gründe. Drei davon will ich hier nennen: Die Quantität der lizenzierten Junioren, die Qualität der Ausbildner und ein fehlendes «State of the Art-Programm» für die jeweils Jahrgangsbesten.

«Nicht bei den Profis sollen die besten Coaches tätig sein, sondern bei den Kleinsten.»
Thomas Roost

Fangen wird bei der Menge der Junioren an ...
Obwohl Finnland eine sehr deutlich geringere Einwohnerzahl aufweist als die Schweiz (FIN 5,5 Millionen / SUI 8,5 Millionen), spielen in Finnland sehr viel mehr Kids Eishockey als bei uns (FIN 39‘000 / SUI 14‘000). Wir müssen zwingend eine Offensive starten, so dass mehr Kinder in der Schweiz Eishockey spielen. Mit den WM-Silbermedaillen und dem historischen 1st-Overall NHL-Draftpick Nico Hischier gibt es einen Fundus für grossartige Werbemittel, so dass es den Jungs und Mädchen gar nicht mehr möglich sein darf, nicht mit Eishockeyspielen beginnen zu wollen.

Und die Qualität der Ausbildner?
Die muss vor allem bei den Allerjüngsten und in den kleinen Vereinen verbessert werden. Dazu bräuchte es ein entsprechendes und zeitgemässes Ausbildungsprogramm für die Juniorentrainer. Nicht bei den Profis sollen die besten Coaches tätig sein, sondern bei den Kleinsten. Wenn wir mehr Eishockey spielende Kinder haben, die noch besser als heute ausgebildet werden, dann ist es sehr wahrscheinlich, dass es in jedem Jahrgang mehr vielversprechende Talente geben wird als heute.

Und der dritte Punkt?
Diese pro Jahrgang vielversprechendsten Talente sollten wie in den USA (dort gibt es das USA Hockey National Team Development Program) mit einem zusätzlichen Förderprogramm noch weiter entwickelt werden. Ähnlich wie die einstige Idee für das leider gescheiterte Projekt der Swiss-Hockey-Academy in Winterthur.

«Wenn Medaillen ins Spiel kommen, dann ist von Reformwillen nicht mehr viel zu sehen.»
Thomas Roost

Warum geht es in der Schweiz diesbezüglich langsam voran?
In unserem Land kommen Veränderungen meistens nur sehr langsam voran, weil der Leidensdruck fehlt. Ich glaube nicht, dass wir von Grund auf konservativer und langsamer sind als andere Nationen. Ich meine, dass wir wegen des noch immer hohen Niveaus an Lebensqualität kaum für markante Veränderungen offen sind. Dasselbe gilt für unser Eishockey. Vermutlich würde ein Schock (zum Beispiel ein Abstieg) die Lust und den Willen, respektive die Sensibilisierung für die Notwendigkeit von drastischen Massnahmen deutlich erhöhen. «Out-of-the-box-Denken» ist nicht im Trend wenn wir regelmässig im Orchester der ganz Grossen mitspielen dürfen, auch wenn es nur in Form eines ergänzenden Instruments der Fall ist. Wenn dann hier und da sogar noch Medaillen ins Spiel kommen, dann ist von Reformwillen nicht mehr viel zu sehen.

Erschwert Erfolg an der A-WM einen Fortschritt im Junioren-Eishockey?
Erschwert Erfolg an der A-WM einen Fortschritt im Junioren-Eishockey?
Bild: EPA/KEYSTONE

Sie erwähnen es, das A-Nationalteam hat in fünf Jahren zwei Mal Silber geholt. Alles kann also nicht schlecht sein?
Das ist definitiv so. Meine Kritik ist Kritik einerseits auf hohem Niveau, denn die Erfolge unseres A-Nationalteams sind bemerkenswert. Und es ist schliesslich das Niveau dieser Mannschaft, das den durchschnittlichen Sportfan vor allem interessiert. Bei einer vertieft professionellen und sachlichen Analyse über den Zustand des Schweizer Eishockeys sind aber sicher auch Kritik und das Aufzeigen von Verbesserungspotenzial angebracht.

Wie sieht es beim nächsten Schweizer Draft aus, wen haben wir da in der Pipeline?
Das schaut in etwa so dürr aus wie unsere Wiesen nach der Hitzeperiode. Valentin Nussbaumer, der Bieler, der diese Saison in der kanadischen Major Junior Hockey League spielen wird, ist ein realer Kandidat. Vielleicht noch ein, zwei so genannte «Overager», Spieler, die beim letzten Draft übergangen wurden, wie zum Beispiel Janis Moser. Und dann gibt es immer auch Überraschungen. Spieler die im Draftjahr aufblühen und sich im Verlaufe der Saison in den Vordergrund spielen. Alles in allem schaut es aber nicht gut aus. Wenn es schlecht kommt, wird nur ein einziger Schweizer gedraftet.

«Bizarre Situation: Rochette darf nicht zu gut, aber auch nicht zu wenig gut sein.»
Thomas Roost

Wann kommt der nächste starke Schweizer Jahrgang?
Der 2002er-Jahrgang scheint spürbar besser zu sein als der 2001er. Die bereits genannten Rochette, Knak und Delémont sind allesamt Draft-Kandidaten. Hinzu kommen noch weitere, beispielsweise Rémy von Allmen wenn er sich körperlich noch entwickeln kann.

Wie gross ist die Gefahr, dass Théo Rochette, der schweiz-kanadischer Doppelbürger ist, künftig für Kanada spielt?
Aus heutiger Sicht ist die Gefahr nicht sehr gross, denn die Trauben für die kanadische Nationalmannschaft hängen extrem hoch. Trotzdem ist es eine etwas bizarre Situation aus Schweizer Sicht: Wir müssen einerseits hoffen, dass er nicht ganz so gut ist, um für Kanadas Nationalteam in Frage zu kommen und andererseits soll er doch so gut sein, dass er unsere Nati spürbar verstärken kann. Dies wäre aus Schweizer Sicht das Idealszenario, aber ein schmaler Grat … er darf nicht zu gut, aber auch nicht zu wenig gut sein.

Zum Abschluss noch eine Frage zur näheren Zukunft. Vincent Praplan, Jonas Siegenthaler, Yannick Rathgeb und Michael Fora kämpfen bald um einen Platz in der NHL. Wer hat die besten Chancen?
Keiner dieser Spieler ist Stand heute ein NHLer. Das heisst, die Lernfähigkeit spielt eine grosse Rolle, Frustrationstoleranz, Durchhaltewille und Glück. Ich schätze, dass Jonas Siegenthaler in dieser Saison bei den Washington Capitals seine Chance bekommt, er hat im Development-Camp überzeugt. Die anderen müssen im Camp überzeugen, so dass sie auch in mittelfristigen Überlegungen der Teams eine Rolle spielen werden. Vorläufig sind sie kurzfristige «Assets», bei denen überprüft wird, ob das NHL-Potenzial tatsächlich vorhanden ist. Falls nicht, werden sie in ein oder zwei Jahren wieder den Schweizer Spielermarkt beleben.

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