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Hitlergruss in Washington

Die Versammlung der Alt-Right-Bewegung in Washington.  Bild: Evan Vucci/AP/KEYSTONE

Kommentar

Hitlergrüsse aus Washington: Wir müssen das Wort «Faschismus» wieder in den Mund nehmen 

Wer den Begriff Faschismus verwendet, wird bezichtigt, die Nazi-Keule zu schwingen. Das war einmal. Jetzt wächst eine neue und gefährliche Generation von Faschisten heran – und sie hat beste Voraussetzungen. 



Der Begriff «faschistoid» erlebte in den 60iger und 70iger Jahren eine Hochblüte. Militärs, autoritäre Lehrer und reaktionäre Pfarrer – alle wurden mit diesem Adjektiv beglückt, verbunden mit dem Hinweis auf Nazis und Hitler. Die Faschisten dieser Zeit waren meist ältere Männer, denen es gelungen war, ihre braune Vergangenheit zu kaschieren. Sie waren widerlich, aber harmlos. Inzwischen schmoren sie längst in der Hölle.  

Der Zeitgeist tickte damals völlig anders: Im Zuge der 68iger Revolution erfasste eine kulturelle Revolution die westlichen Gesellschaften. Sex & Drugs & Rock’n Roll war angesagt genauso wie antiautoritäre Erziehung und Weltoffenheit. Faschismus war etwas für alte, unbelehrbare Säcke – und war alles andere als sexy.  

Der Faschismus wird wieder sexy

Heute neigt sich der Liberalismus – mit oder ohne dem Zusatz «neo» – seinem Ende zu. Wie Zombies steigen längst überwunden geglaubte Vorstellungen wieder aus dem Grab. Eine neue Generation von Faschisten wächst heran. Sie träumt von einem wirtschaftlichen Nationalismus und von der Überlegenheit der weissen Rasse. Für diese Generation ist der Faschismus wieder sehr sexy geworden.  

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«Heil Trump» heisst es bei der Alt-Right-Bewegung. Video: YouTube/The Atlantic

Die alten Faschisten trafen sich in Sälen von abgelegenen Gasthöfen, die neue in Sichtweite des Weissen Hauses. So haben kürzlich Vertreter der amerikanischen Alt-Right-Bewegung im Ronald Reagan-Haus in Washington den Wahlsieg von Donald Trump gefeiert. Dabei wurden Original-Zitate von Hitler auf Deutsch skandiert.  

Richard Spencer, einer der Wortführer der Alt-Right-Bewegung, nahm kein Blatt vor den Mund. Amerika gehöre den Weissen, rief er in den Saal. «Es ist unsere Kreation und unsere Erbe.» Seine Zuhörer dankten ihm mit dem Hitlergruss.  

Spätestens seit dem Wahlsieg von Donald Trump sind die neuen Faschisten schamlos geworden. Sie wissen, dass einer der ihren bereits im Weissen Haus sitzt und dort einen gewaltigen Einfluss ausübt: Steve Bannon ist der Chefstratege der neuen Regierung. Auch er macht aus seinem Herzen keine Mördergrube. Dem «Wall Street Journal» hat der ehemalige Goldman Sachs-Banker seine Weltsicht wie folgt beschrieben:

FILE - In this Friday, Nov. 11, 2016, file photo, Stephen Bannon, campaign CEO for President-elect Donald Trump, leaves Trump Tower in New York. Trump on Sunday named Republican Party chief Reince Priebus as White House chief of staff and conservative media owner Bannon as his top presidential strategist, two men who represent opposite ends of the unsettled GOP. (AP Photo/Evan Vucci, File)

Trumps Chefstratege Steve Bannon beim Verlassen des Trump Towers in New York. Bild: Evan Vucci/AP/KEYSTONE

«Ich bin ein wirtschaftlicher Nationalist. Ich bin ein Amerika-Zuerst-Typ. Und ich habe nationalistische Bewegungen auf der ganzen Welt stets bewundert. Ich habe immer wieder gesagt, dass starke Nationen gute Nachbarn seien. Und ich habe auch immer wiederholt, dass die ethno-nationalistische Bewegung (Bannon verwendet den Ausdruck für multi-kulti, Anm. d. Red.), die vor allem in Europa prominent ist, sich ändern wird. Ich war nie ein Anhänger des Ethno-Nationalismus.»

Trump hat kürzlich in einem Video auf YouTube erklärt, dass er alle seine im Wahlkampf gemachten Versprechen einzulösen gedenke. Er hat nicht nur Bannon ins Weisse Haus geholt, sondern weitere extreme Hardliner um sich geschart. All dies will man nicht zur Kenntnis nehmen. Wer den Begriff Faschismus braucht, wird umgehend abgekanzelt und der Ignoranz bezichtigt. Auch die Finanzmärkte boomen, weil sich die Überzeugung durchgesetzt hat, Trump werde sich mässigen.  

Der Gipfel der Verharmlosung

Einen vorläufigen Höhepunkt der Verharmlosung bildet ein Leitartikel des NZZ-Chefredaktors Eric Gujer. Darin mokiert er sich über «wild gewordene Analytiker» und schreibt nonchalant Sätze wie: «Wenn sich Trump und Putin verbrüdert und die Nato ruiniert, wenn Marine Le Pen die Präsidentschaftswahlen gewinnt und ein Wahlerfolg der AfD den Deutschen Bundestag in die Selbstblockade stürzt, dann haben die Freunde der Freiheit für eine Weile hartes Brot zu kauen.» (Stellt euch vor, in den Dreissigerjahren hätte jemand geschrieben: Wenn Hitler die Wahlen gewinnt, haben die Juden eine Weile hartes Brot zu kauen.)  

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Wie sich Richard Spencer die Zusammenarbeit von Putin und Trump wünscht. Video: YouTube/NPI / Radix

Ob Trump und Putin sich verbrüdern werden, wird sich weisen. Der gewählte US-Präsident beginnt jedoch bereits, den russischen Präsidenten nachzuahmen. Putin hat am ersten Tag seines Amtsantritts begonnen, die damals relativ freien russischen Medien an die Staatsleine zu ketten. Heute gibt es in Russland nur noch eine Pseudo-Meinungsfreiheit.  

Trump hat für seine jüngste Ankündigung die von ihm gehassten Mainstream-Medien umgangen und sich via YouTube direkt an die Öffentlichkeit gewandt. Bereits hat er auch die Absicht geäussert, Gesetze verabschieden zu lassen, die es ihm möglich machen, ihm nicht gewogene Journalisten rechtlich zu verfolgen. 

Trump liest Medienchefs die Leviten

Die Chefs der wichtigsten TV-Stationen hat er zu sich befohlen, um ihnen die Leviten zu lesen. Ihr habt alles falsch verstanden, schleuderte er ihnen entgegen. Die rechtsextremen Medien zeigten sich begeistert: «Trump haut die Medien-Elite in die Pfanne», jubelte der Drudge Report. «Trump frisst die Presse», doppelte Breitbart News nach.  

epa05639077 Campaign Against Racism and Fascism (CARF) and No Room for Racism activists demonstrate during a protest against US President-elect Donald Trump, in Melbourne, Victoria, Australia, 20 November 2016. Thousands of people demonstrated in pro and anti-Trump rallies in Melbourne. Some 2,000 demonstrators were expected to march on Parliament House on the day, media reported.  EPA/JULIAN SMITH AUSTRALIA AND NEW ZEALAND OUT

Anti-Trump-Demonstration in Melbourne. Bild: EPA/AAP

Den Medien kommt im neuen Zeitalter eine Schlüsselrolle zu. Der traditionelle Journalismus wird von den neuen Faschisten als «Lügenpresse» denunziert – ein Begriff übrigens, den Hitlers Chef-Demagoge Joseph Goebbels geprägt hat. Die neuen sozialen Medien haben sich gleichzeitig zu Echokammern für Hinz und Kunz entwickelt. Das Ergebnis hätte man sich in den kühnsten Träumen nicht vorstellen können: Mazedonische Teenager verdienen sich bei Facebook ein Taschengeld mit Werbeeinnahmen von frei erfunden Pro-Trump-Stories. 

So wirken Fake News

Die «New York Times» hat kürzlich minutiös aufgezeigt, wie Fake News sich verbreiten: In der texanischen Hauptstadt Austin hat ein 35-jähriger Geschäftsmann ein paar leer stehende Busse gesehen. Gleichzeitig fanden Anti-Trump-Demonstrationen statt. Auf Twitter verbreitete der Geschäftsmann dann die Botschaft, die Demonstranten seien von auswärts herangekarrt worden. Obwohl der Geschäftsmann bislang bloss 35 Follower hatte, ging der Tweet ging fast augenblicklich viral, will heissen: Er wurde auf Twitter 16'000 und auf Facebook 350'000 Mal angeklickt.  

Wenig später stellte sich heraus, dass die Busse für die 13’000 Teilnehmer eines Software-Kongresses unterwegs waren und überhaupt nichts mit den Demonstrationen zu tun hatten. Reuevoll berichtigte der Geschäftsmann seine Falschmeldung. Dieser Tweet interessierte jedoch niemanden.  

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So jubelt Ken Jebsen nach dem Trump-Triumph. Video: YouTube/DieBananenrepublik

Die Wirkung der Fake News in den Echokammern der sozialen Medien ist verheerend. Alles ist wahr, und auch das Gegenteil. Die totale Relativierung führt zur totalen Verunsicherung. Jede noch so absurde Verschwörungstheorie wird glaubwürdig. Das zeigt sich auch hierzulande. Medien wie «Compact-Magazin» oder «KenFM» verbreiten rot-braune Propaganda und waren bis vor kurzem militant anti-amerikanisch eingestellt. Der Trump-Triumph ändert das schlagartig, aus dem Todfeind von gestern ist der mögliche Verbündete von morgen geworden.  

Die Saat geht auf

Die nationalistische Saat geht wieder auf. Trump ist zwar kein Hitler und Putin kein Stalin. Doch in einer Zeit, in der Toleranz und Weltoffenheit verdammt, Feministen verhöhnt und Anstand als Political Correctness verunglimpft werden, ist der «wirtschaftliche Nationalismus» zu einer echten Gefahr geworden. Und vergessen wir nicht: Vor rund 80 Jahren wurde der Faschismus nur knapp besiegt.

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